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zu bestätigen. Denn sonst war ihm seine Frau
nicht sehr viel: nichts als die Genossin der
Sorge, der Freuden, die von außen kamen.
Für seine Gedankenwelt bedeutete sie nichts:
da war er so einsam wie vorher, als er sie
noch nicht um sich hatte, vielleicht noch einsamer.
Eins vermied er: er machte sie nicht verant-
wortlich für das Nachlassen seines Schaffens.
Er klagte nicht über Mangel an Anregung
seitens der Frau, wie so viele Männer in gleicher
Lage. Er desavouierte sich nicht; wie er einst
gesprochen, sprach er noch heute: „Wer der
Anregung bedarf, ist im Grunde unfruchtbar.
Wenn etwas drin ist, kommt es heraus, und
zwar — trotz der Anregungen. Wenn aber
nichts drin ist, nützen alle Anregungen nichts;
sie verderben höchstens das Wenige, das da
ist, indem sie die ruhige Entwicklung stören
und in falsche Richtung bringen."

Es kam noch eins, und zwar etwas Ent-
scheidendes hinzu, das ihn bestimmte, Berlin zu
verlassen. Er sehnte sich nach einfachen Ver-
hältnissen. Er hatte sich wegen seines Verkehrs
mit jeder Art Komfort umgeben, wie alle Welt.
Dieser Komfort schaffte ein billiges Genügen
und machte so den Geist stumpf, eliminierte alle
höheren Bedürfnisse. Nach Schlüters Ansicht
hatte zu dem beispiellosen geistigen Niedergange
Deutschlands — man vergleiche einmal den
Exponenten unseres öffentlichen Lebens, man
vergleiche unsere heutige Volksvertretung im
Reichstage mit der vor 20 — 30 Jahren! —
abgesehen von dem stupiden Sportinteresse der
überhandnehmende, kulturwidrige Komfort —
alles Fabrikware! — am meisten beigetragen.
Wohin sollte es führen, wenn einer sich immer
hübscher einrichtete als der andere; wenn er in
der Tatsache, daß er es mit Hilfe der Geschäfte
— Geschmack gleich mitgeliefert I — seinem
lieben Nächsten zuvortat, die letzte Befriedigung
fand? Die letzte Befriedigung: Herr und Frau
Meier ärgerten sich. „Spreu, alles Spreu!"
sagte Schlüter, „und nirgends Aussicht auf Ge-
sundung. Die Sozialdemokratie sucht sie bei
den Proletariern: sie macht höchstens aus Pöbel
Philister."

In Willstedt an der Nordsee freute man sich,
als es hieß, Schlüter, Heinrich Schlüter werde
kommen. Mancher hatte in Berlin oder Hamburg
den „sidelen Kakadu" gesehen und gelacht, ge-
lacht, gelacht. Wie schön werde es sein, wenn
ein so vergnügter Mann dauernd zu ihnen
zöge! Sie waren nicht wenig überrascht, als
sie Schlüter bei den wenigen Besuchen kennen
lernten, die er machte, nicht sowohl um sich,
als um seine Frau einzuführen. Er war ernst,
oft abstoßend finster. Ein Herr sagte ganz er-
staunt geradezu: „Sie sind doch Heinrich Schlüter,
der Verfasser des ,sidelen Kakadrü?"

Schlüter blieb ganz für sich. Er glaubte
nicht, daß er noch einmal imstande sein werde,
irgend etwas zu leisten; er fühlte seinen Kopf
leer und hohl. Aber er wollte doch wenigstens
die entsetzliche Angst los werden, die ihn auch
hier plagte. Er ging oft am Meere spazieren,
er verbrachte ganze Tage auf dem Balkon seines
Hauses, von dem man das Meer mit seinem
beständigen Wechsel stets vor sich hatte. Es
nützte nichts. Endlich ging er zum Arzt. Als
dieser ihn untersucht hatte, erklärte er: „Sie
sind sogar in seltener Weise gesund. Eine solche
Lunge ist mir überhaupt noch nicht vorgekommen.
Die Nerven sind nach allem, was sie sonst er-
zählen, auch in Ordnung. Ich bin am Ende.
Wenn wirklich etwas da ist, liegt es in der
Seele. Dahin reicht unsere Kunst nicht. Liebe
können wir ja nicht heilen und — werden sie
hoffentlich nie heilen können."

So vergingen drei ganze Jahre. Tinte brauchte
Schlüter im Haushalt kaum zu führen. Ein
paar Briefe hin und wieder, das war alles.
Er war für die Welt tot, mehr noch für sich
selbst.

Und es kam ein Februar. Schlüter hatte
unter den kurzen Tagen des Winters diesmal
besonders gelitten. In demselben Maße empfand
er es wohltuend, daß sie nun sichtbar und fühl-

Mem Land w-Krain

Nur eine Stunde geh mit mir.

Mein stilles Land, ich zeig es dir.

Rings Sand und Gras, das leicht erschrickt,
Die Wolken zieh'n, soweit dein Auge blickt,

Und manchmal fällt aus ihnen jäher Schein.
Ein Wagen knarrt — einsame Raben schrein.

Wegweiser weisen überall ins Land,

Doch ihre Schrift verwischte Gottes Hand.

Und eine schüchterne Blume steht
An einem Weg, den niemand geht — —

Rur eine Stunde geh mit mir
Ich zeige dir den Weg — zu dir.

Rarl Schloß

bar länger wurden. Der Frühling klang in
der Luft. Da schritt er nach Gattwisch-Höhe,
die fast senkrecht wie ein Kap zum Meer ab-
siel. An diesem Abhange pflegte er unter Mühe
und wirklicher Lebensgefahr zum Meere hinab-
zuklimmen und dann auf dem schmalen Streifen
Land zwischen Meer und Höhe, zwischen ge-
waltigen Steinblöcken hindurch in der völligen,
weiten Einsamkeit zurückzuwandern. Auch heute
war er hinabgeklettert und saß auf einem der
Steine, auf die ruhelose See hinausblickend. Da
war es, als komme eine Melodie über das Wasser,
eine einst gut gekannte, jetzt von ihm seit langem
ganz und gar vergessene Mär: Tristan und
Isolde. Indem er vor sich hinsann, begann
der oft, oft behandelte Stoff plötzlich in ihm
zu leben, sich neu zu gestalten. Er erkannte
seine besten Stunden von einst, und sie waren
voller als damals, als jemals: er — brach in
Tränen aus; er hatte sich wieder. Dann ging
er nach Hause. Er sagte, mau solle ihn nicht
stören, und schloß sich ein. Er schrieb 20 Tage
und 20 Nächte nur mit den sehr geringen Unter-
brechungen, die Hunger und Müdigkeit er-
zwangen. Als er fertig war, brannten seine
Augen fiebrig, seine Hände zitterten, seineBacken
waren bleich, und doch fühlte er sich wohl,
wohl: die Angst war von ihm gewichen. Er
ging hinab, nahm seine Frau auf den Schoß
und herzte und küßte sie wie damals, wie einst.
Sie war erstaunt. Er schloß ihr den Mund
mit der Hand, mit seinem Munde, er drückte
ihr Gesicht an seine Backen und flüsterte ihr
ins Ohr wie einst, wie damals. . . Der Sturm
der letzten Tage hatte nachgelassen; nur leise
tönte es um das Haus, das — Brautlied.

Die Badepuppe

Eine Zischgeschichte aus dem gefährlichen Alter

von Hanns ^eckner

„Ieffas na," meinte die alte Forelle, die
nahe beim letzten Pfeiler unter der Brücke ihr
Standquartier hatte, „jeffas na, tuat ma jatzt
dös alte G'wand oleg'n oder net?" Ihr Hoch-
zeitskleid meinte sie, das mit den Jahren sein
schönes Rot verloren hatte und „in der Vorder-
bahn" schon recht vergilbt war. So wunderschön
sah sie ehedem darin aus, sie erinnerte sich genau.
Aber auch heute noch — wenn man es so recht
betrachtete, so waren die roten Tupfen, die die
Rückseite des Gewandes zierten, noch immer
von dem leuchtenden Rot von früher; war eben
die gute alte Zeit damals, wo die Sachen besser
und dauerhafter waren als heute wohl.

„Na also, guat schaugts no aus," entschied
sie und schmückte sich bräutlich. Und dann
mußte sie lachen. Zu komisch kam ihr's nun
doch vor, daß sie etwa auf ihre alten Tage
noch einem der jungen schnalzenden Freier Gehör
schenken sollte, irgendeinem solchen Halodri
etwa, der in Iugendübermut und Feuer zum
Wasser hinaus nach Beute springt, und der,
wenn sie das freilich auch längst nicht mehr
kann, doch neben ihr an Größe und Gestalt
nur ein Kind ist. Doch da lag keine Gefahr
für sie: „Na, na, so eppas tean mir nöt, dös
war ja z'dumm, so was in meine Jahr, na, na,
sei Ruh muaß ma ham!"

Und doch! Ein wenig stärker war sie ja
um die Taille herum jetzt im September ge-
worden. Es kam ihr sogar vor, als sei es auf-
fälliger als im Herbst vorher. „Ja, und so a
G'fühl im Leib is aa da, dös kann ma fei
nöt wegleugna, so ein schwar's G'fühl!"

Sie fuhr ein wenig näher an den Brücken-
pfeiler heran, und jetzt, als sie das Holz dicht
neben ihrem Körper fühlte, fing sie an, langsam
daran vorbei zu streichen, „'s war aber nix!
Nur a bißl a Schmerz um die Magengruab'n
'rum! No, dös gang ma grad ab, daß ma no
a Gfrett aa hält mit dem Mag'n, dem ver-
flixt'n, und nimma ei'laden könnt, wia ma
möcht; wo's no die oanzige Freud is in mei'm
Alter für a jed's. No, dös gang ma grad
no ab!"

Ja, ja, sie hatte schon so ihre schweren
Sorgen, die alte Forelle. So spaßig war sie
geworden und immer tat sie am Schlüsse doch
was anderes, als sie sich bei ruhiger Ueber-
legung vorgenommen hatte. So ein jedes Ding,
das im Wasser herumblinkert und sich bewegt,
aus purer Gier wegschnappen: so etwas gab's
bei ihr sonst schon seit Jahren nicht mehr, die
genaue Beobachtung der Dinge hatte sie ge-
witzigt. Jedes noch so versteckte Häkchen be-
merkte sie, nur Spott und Hohn zeigte sie für
den Angler. Aber was um Gotteswillen trieb
sie jetzt in dieser Zeit dazu, sich wie ein Zwei-
jährling zu benehmen, sie, die achtzehnsömmrige?
Woher kam ihr die Lust, nach allem zu schnappen,
was ihr ihr reifes Wissen selbst als falsch verbot?
Woher kam ihr die Gier nach Dingen, die sie
sonst auch gar nicht reizten? Noch vor ein
paar Tagen, der riesige Bissen, den sie ans
einmal verschlungen hatte, und nach dem sie
solche Beschwerden bekam; erst hatte sie keine
Lust, hielt es für ungesund, wollte nicht, wußte
auch gar nicht, was es war, trotz ihrer reichen
Erfahrung, schwamm gleichgültig daran vorbei,
und dann, dann war sie plötzlich in vollster
Hast umgedreht, und hatte es doch getan!
Sonderbar war sie geworden. Aber sie wollte
sich wieder mehr beherrschen!

Nochmals strich sie leise an dem Brücken-
pfeiler entlang. „Na, na, jatzt bin i alt wor'n
und dunkel am Rucken, was genga mi no die
Mandln o! Schama müaßt i mi ja, wann i
no solchane Sachen macha wollt!" und dabei
kollerten ein paar dicke Luftblasen ins Wasser
hinauf.

Sie hatte eigentlich ganz recht, die Alte,
was hatte sie nötig, noch Dummheiten zu machen.

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Index
Hanns Fechner: Die Badepuppe
Karl Schloß: Mein Land
Willibald Krain: Zeichnung zum Text "Mein Land"
 
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