Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 16.1911, Band 2 (Nr. 27-52)

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Ucberall Beunruhigung

(mit obiger Zeichnung)

Wenn der Michel einmal vom Schlafe erwacht,
Oh, wie dann die Welt ein Gezeter macht I

Beunruhigt fühlt man sich überall.
iWen's nix angeht, der schlägt am lautsten

Krawall.)

Frau La France, die wirft sich im Bette umher:
„L’Allemagne — man dieu! —, il me

kränken mich sehr!"
Aus dem vierzigsten Stock schaut der 2)ankee

und schwört:

,Mister Michel, you have mich das Ruhe gestört!"

Erregt schäumt das Meer und brüllet dabei:
„Wie mich Deutschland nervös macht!

Wagalarvei!"

Auf dem Grunde des Meeres der Walfisch auch
Ist empört, als hält' er den Jonas im Bauch.

Auf dem Mars der Marsmensch flucht fürchterlich:
„Dieses deutsche Manöver, das geht gegen mich!"

Es summt auf dem Orinoko der Floh:

„Dieses Deutschland! Uh, uh! — dieses

Deutschland! Oh, oh!"

Mit dem Perzel wackelt in Japan ein Spatz:
„Wie mich Deutschland erregt! Hilf Himmel,

ich platz'!"

Das Nilpferd, das wäscht sich am Nilesstrand
Den Popo: „Diese Deutschen! Es ist eine

Schand'I"

— Der Michel hört Alles, sein Ohr sich labt:
„Wie ist doch das Weltall so stimm-
begabt!"

Kartellen

*

„Glaubt ihr an . . . ?"

Stillstands - Dokumente von Huß bis Iaths

„Nur die Methode ändert sich,
Der Geist bleibt gleich."

Die Zeiger des inneren Fortschritts rücken in
der Weltgeschichte langsam, ach, so langsam vor.

Wiclif — puß — Savonarola — Giordano
Bruno — Galilei — Iatho: Ist da der Zeiger in
tausend Jahren auch nur um eines pärleins
Breite vorgerückt? Laßt sehen:

(382. Wiclif. vor seiner Verbannung durch
das Londoner Ketzergericht fragten sie ihn:

„Glaubt ihr, daß Beichte, Lölibat und Papst-
gemalt des Glaubens Wesen ist? —

Wenn nicht, so werdet ihr . . . verbannt."
Und sie verbannten ihn.

(-((S. puß. vor dem Scheiterhaufen in
Konstanz fragten sie ihn:

„Glaubt ihr, daß des Papstes Sprüche Gottes
Gffenbarung sind? —

Wenn nicht, so seid zum Feuertode ihr ... .
verdaut int."

Und sie verdammten ihn.

(-(J8. Savonarola. vor seiner Todesfolter
fragten sic ihn:

„Glaubt ihr, daß erst das Dogma kommt, und
dann die Bibel? —

Wenn nicht, so werdkt auf die Folter ihr
gespannt."

Und sie folterten ihn zu Tode.

(600. Giordano Bruno. Auf dem Tarnpo
di Flore in Rom fragten sie ihn:

„Glaubt ihr, daß Gott persönlich ist? —
Wenn nicht, so werdet ihr . .. verbrannt."
Und sie verbrannten ihn.

(633. Galilei, vor den Stufen des In-
quisitionstribnuals fragten sie den Siebzigjährigen:
„Glaubt ihr, daß die Lrde stille sieht? —
Wenn nicht, so laßt ihr euren .... Kopf
zum Pfand."

„Und sie bewegt sich doch," stüsterte der
Greis.

(73(. Die Salzburger Emigranten,
vor der Vertreibung der dreißigtausend Salz-
burger Protestanten fragte sie der Bischof:

„Glaubt ihr an Gottes Mutter und die
Heiligen? —

Wenn nicht, so müßt ihr ... aus dem Land."
Und sie mußten aus dem Land.

(9((. Iatho. 500 Jahre nach Huß. vor
dem Berliner Ketzergericht fragten sie ihn:

„Glaubt ihr an die körperliche Konsistenz der
Wcihnachtsengel auf dem Felde? —

Wenn nicht, so müßt ihr .. . aus dem Amt."
Und er mußte aus dem Amt.

. * • »•

Hymne

Zu Ehren unseres Landesrekiors, Sr. Erhabenheit
des Herrn Dr. Ritter v. Ortercr

Heil Dir, o hoher Herr,

Ritter von Ortererl
Du bist der Mann!

Du Kannst tun, was Di freut!

Du bist von alle Leut',

Der, den wo gar nix reut!

Dich greift nix an!

's Luitpold-Gymnasium —

Das g'hört Dir um und um!

Da gibt's nix mehr!

Doch auch der Bayernstaat
Hat diese hohe Gnad',

Daß er zum Rektor hat
Dich, hoher Herr!

Mit Deiner Batcrhand
Lenkst Du das ganze Land,

Eltern und Bu'm:

Der wo Dir opponiert
Oder sich frech aufführt.

Wird einfach dimittiert.

— Dann is All's 'rum!

Auch Dein' Freund lob' ich hell,

Den mit dem Naseng'stell,

Toni genannt —

Gott erhalt' alle Beid'

Euch so schön, wie Ihr seid.

Uns noch recht lange Zeit
Fürs Vaterland!

ßöaxt Bierjung, Gymnasist

„Mehr Herzensroheir!"

In der „Staatsbürger-Zeitung" steht unter
diesem Titel ein schneidiger Artikel, in dem aus-
geführt ist, wie viele hundert Millionen jährlich
dem Staate dadurch verloren gehen, daß man
körperlich Minderwertige mit allen Mitteln am
Leben erhält, und wie durch diesen Wahnsinn
der proletarischen Weltanschauung die deutsche
Rasse immer weiter in den Sumpf des Ver-
derbens hineingezogen wird. Man müsse dem
Arzt mehr ausmerzende Befugnisse ein-
räumen. Mehr Herzensroheit in diesem Sinne
tue dringend not!

Bravissimo! Wir schlagen folgende Maß
regeln vor:

8 l. Es sind Ausmerzungs-Aerzte anzustellen.

8 2. Bei jeder Geburt ist einer zugegen.
Hat das Kind weniger als 8 Pfund, so packt
es der Doktor an den Füßen, haut es mit dem
Kopf an die Wand und merzt es aus. Die
Mutter, die dem Iammergeschöpf das Leben
gegeben hat, wird durch ein Strychninpulver
gleichfalls ausgemerzt.

8 3. Gelegenheit zu weiterer Siebung gibt
bei der männlichen Jugend die Musterung. Der
betreffende Oberstabsarzt, oder ein damit be-
auftragter Lazarettgehilfe, merzt die Staats-
Krüppel umgehend mittels einer Browning-
pistole ans.

8 4. Die Mädchen werden, wenn sie ins
heiratsfähige Alter kommen, ebenfalls gemustert
und die, die zur Zucht, pardon, zur Erhaltung
einer gesunden Rasse nicht geeignet erscheinen,
werden unnachsichtig ersäuft, wie junge Katzen.

8 5. Hat eine junge Frau nach zweijähriger
Ehe noch keinem brauchbaren Mitglied der
germanischen Rasse das Leben gegeben, so wird
sie ausgemerzt.

8 6. Ausgcmerzt werden ferner alle an
chronischen Krankheiten Leidenden. Die Tu-
berkulose kann so an einem einzigen Tage in
ganz Deutschland ausgerottet werden.

8 7. Geistige Defekte berechtigen, wenn
Einer sonst gesund ist, nicht zu seiner Aus-
merzung. Er kann immer noch einen brauch-
baren Wähler oder Kandidaten für eine der
Parteien des schwarzblauen Blockes abgeben

8 8. Die Auszumerzenden können auch als
Zielobjekt zu Schießversuchen oder statt der
Meerschweinchen zu medizinischen Experimenten
verwendet werden.

8 9. Natürlich gelten alle diese Maßnahmen
nur für deutsche Reichsangehörige, die ihren
Lebensumständen nach zur untersten Wähler-
klasse des preußischen Dreiklassenwahlrechts
zählen würden.

8 10. Wir leben im zwanzigsten Jahrhundert.

Pips

Der rollende Rubel

In Moskau sind 68 Offiziere und Beamte der
Militärintendantur wegen Bestechung angeklagt.
Sie haben den Lieferanten Schuhe abgenommen,
auf denen die Soldaten nicht laufen konnten. Die
letzteren verkauften sie, die Lieferanten kauften sie
zurück und verkauften sie zum zweiten Male an
die Intendantur.

Wie weit ist doch Rußland in der Zivilisation
zurück! Diejenigen Patrioten, die dafür sorgen,
daß derselbe Artikel immer wieder umgesetzt wird,
daß also der Rubel rollt und daß das National-
vermögen dadurch steigt, werden angeklagt, statt
daß sie belohnt werden. Und weshalb? Weil sie
Schuhzeug angenommen haben, auf dem die Sol-
daten nicht laufen können!

Ja, sind das nicht Patrioten, die die Soldaten
am Fortlaufen hindern? Max

Mißtrauisch

„Männe, da net) her, ich muh Dir was erzählen!"
„Lieber nicht! .Erzählungen am Toilettentisch'
werden bestraft."
Monogrammist Frosch: Mißtrauisch
Monogrammist Frosch: Illustration zum Text "Überall Beunruhigung"
Karlchen: Überall Beunruhigung
Maxl Bierjung: Hymne
Max: Der rollende Rubel
F. M.: Glaubt ihr an...?
Pips: "Mehr Herzensroheit!"
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