Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 17.1912, Band 1 (Nr. 1-26)

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Der Agrarier

* verehrter Rcgierungsfritze, wieviel ge-

etu Sf«n das Vaterland und zu zahlen, wenn wir
rÜClt ?"

*

Ninncr, 's rverd Friehling!

von eme aide Lrankforder

Dßun die Veilcher net erwache?

^fieh'n die Sträucher net schon Knöpp'?
Dinner, guckt die Sonn doch lache!

Aiehling werd's! Ich lach' mich schepp!
Avlst is nierrsch — 's is riet zunl sage —
Me 'ine frischgcbornc Spatz,

Dorzelbüumcher möcht' ich schlage,

^oß die Mitwelt denkt: „Den hat's!"

e Laubfrosch möcht' ich schreie,

Mu>n der erste Käwwer schwerrt,

Am. schon butzt die Tisch' im Freie
Ledder Gast- unn Gartewert!

ich fietzl's — wer kann's ver-iwwele? —
«chon, wie ich im Wäldche lieg’

Mn ich seh Halbfrankfort sliwwele
-llach der Owwerschweinestieg'.

Hand unn Fießcher dhun mer zucke
mn eg ftrnijlt mei Angesicht.

.der Lenz mecht nrich meschligge —

A >s jed' Jahr dieselb' Geschicht!

Msig Frenid dhut mich umgarne,

Mtz der Friehling Widder da,

Aiadcher, Mädcher, laßt Euch warne:

^0ninit mer jetz nor net zu nah'!

der Staatsminister Kardinal von Lomönie, Graf
von Brienne, die Polizei ins Parlanlent und ließ
mehrere Räte des Parlaments verhaften, während
heute Herr von Oldenblirg vergebens einen Leut-
nant mit lumpigen zehn Mann sucht. — Wo ist
also die Ähnlichkeit zwischen 1789 und 1912?

Aber Herr von Heydebrand sagte weiter, die
Regierung werde durch die Massen aus ihrer
Untätigkeit geweckt werden. „Dann wird unsere
Stunde da sein." Und damit hat er Recht. Er
meint die Morgenstunde der Freiheit, die die
Blauschwarzen aus den Fesseln lösen wird, in
denen sie jetzt schmachten. Die Morgenstunde hat
bekanntlich Gold im Munde, und das Gold ist
es, nach dem die Schwarzblauen sich sehnen.

Frido

HeberTelig in der Unterfee

Die Liebe hat sich stets verstiegen;

Nicht selten sah man schon ein Paar,

Das überirdisch glücklich war,

Im Aeroplan zum Himmel fliegen.

Wenn ehedem in Flitterwochen
Italien unentbehrlich schien,

Riskiert man heute seine Knochen
Im Duft des göttlichen Benzin.

Jedoch auch dies ist überwunden
Und (in Amerika) verbraucht;

Dort hat man jetzt herausgefunden,

Daß wahre Pankee-Liebe — tauch t.

Zu dem, was einst die Alten trieben,

Fühlt sich kein smartes Paar geneigt. . .
Man kann nur überselig lieben,

Wenn man ins Unterseeboot steigt.

Wie süß klingt auf dem Meeresgründe,

Bom Hai umschnappt, vom Wal umdroht,
Der Schwur aus dem geliebten Munde:
Dein, Schatz, bis in den — Seemannstod!

Wer äußert gegen dies ein Veto?

Ich bitte, Bräutigam und Braut:

Wer hätte das wohl dem Torpedo-,

Den: Unterseeboot zugetraut?

Das ist ein Ziel für die Marinen!

Jetzt sieht man: dieses Boot birgt Heil:.

Es soll nicht der Vernichtung dienen —
Im Gegenteil! Im Gegenteil!

JKir uss

Morgenstunde der wahren Freiheit!

tta einer Versammlung schlesischer Ber-
h„^"Lmänner der konservativen Partei sagte
»Ur^ Don Heydebrand und der Lasa: „Es ist
stel>°»"°.ch eine Stufe zur Revolution. Wir
I ähnlich da wie 1789 Frankreich."

von Heydebrand möge verzeihen,

Ä1a> ®'r Ml mit dem Freimut des ehrlichen
IgMes erwidern: „Sie haben Unrecht!" Im
1789 war es ganz anders wie jetzt,
sind Geistlichkeit hatten damals alle Ämter
iy ffjjnben inne, während heute im Heere,
bje * Diplomatie und in der Verwaltung nur
bteu ^^"liche Tüchtigkeit entscheidet. Die
wurden damals vorwiegend von der
hatte ■■ k6 Volkes getragen und der Adel
bet . oll Steuerprwilegien, während heute
fr!) affe unter der drückenden Last der Erb-

dgg M. und der Branntweinsteuer seufzt und , ...
Stcii?utn«tum hohnlachend Liebesgaben und (
5ürni?t,DiIc0ien einsackt. Die Finanzminister
Sollte und Reckcr, die den Adel besteuern
heute -m uiußten damals abgehen, während
Adel -Iv'unuth, der die Erbschaftssteuer voni
Wrdert, fest im Amte sitzt. Damals schickte

F. Heubner

Fm Vegetarischen

„Fräulein — ich bekomme, — für IN Pfennig Brot,
kartosseln, - einen Schoppen taufrisches Quellwaffcr -
den.Simpel' und die.Jugend'I"

Die Kurie und die büßende Magdalena

„Gib Dir keine Mühe mit der Butze, Frauen-
zimmer» in dem Dekolletee wirft Du doch nir-
gends in Gnaden ausgenommen!"

(Der Papst bat sich sehr heftig gegen das Dekolletee aus-
gesprochen.!

Das kommt davon!

Professor vr. Czerny in Heidelberg, der be-
rühmte Chirurg, ist aus eigenes Ersuchen hin
aus seinem Verhältnis als Generalarzt s la suite
der Armee geschieden. Denr Ausscheiden liegt,
wie es heißt, die Tatsache zu Grunde, daß der
Gelehrte im Herbst 1911 gelegentlich einer Um-
frage sich für ein Zusammengehen der
liberalen Parteien mit der Sozialde-
mokratie ausgesprochen hat.

Ein Heidelberger Zentrumsblättchen trium-
phiert darüber:

„Herr Czerny hat also aufgehört, General-
arzt ä Is suite zu sein. Das kommt davon,
wenn man des Kaisers Rock trägt und es
mit dieser Ehre vereinbar hält, für die Unter-
stützung der Sozialdemokratie Propaganda
zu machen."

Was muß nun aber erst Einer tun, der z. B.
als Münchener Erzbischof sozusagen den Rock
des lieben Gottes trägt und mit den ent-
setzhaften Sozialdemokraten ein Bündnis sogar
selbst abgeschlossen hat?

Er kann doch nur schleunigst seinen seidenen
Rock ausziehen und in der Wüste bei einem
Menü von Heuschrecken und wildem Honig
Buße tun!

Wie wir hören, hat sich Herr von Bettinger
bereits eine härene Kutte anmessen lassen!

— I>8

vom Ordensfest

(Lin frischgebackener, „höherer (Ordens-
ritter" besucht von Berlin aus einen auf seinem
Gute lebenden Schulfreund.

Der „Dekorierte" weis; bald die Rede auf
das kürzlich stattgehabte Drdensfest zu bringen:
„selbstverständlich" war auch er zugegen.

Nachdem nun der Gutsbesitzer seinem glück-
wünschenden kserzen genügend Luft gemacht
hat, fragt er, wie's denn eigentlich zugeht auf
so einem Drdensfeste. Mit Begeisterung wird
ihm alles haarklein berichtet. Die Schilderung
endigt schließlich folgendermaßen:

^ „. . . und nach einem guten (Lffen gab's

auch noch .Kaffee', aber vom Kaffee haben
wir nischt mehr gesehen, den hatte gleich der
.Kronenorden vierter' und ,das allgemeine
Ehrenzeichen' bis auf die letzte Taffe weg-
jetrunken i"
[nicht signierter Beitrag]: Vom Ordensfest
Arpad Schmidhammer: Die Kurie und die büßende Magdalena
Eff Ess: Überselig in der Untersee
Frido: Die Morgenstunde der wahren Freiheit!
Der alde Frankforder: Kinner, 's werd Friehling
Friedrich (Fritz) Heubner: Im Vegetarischen
Monogrammist Pentagramm: Der Agrarier
-Ps- -ps - ps -: Das kommt davon!
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