Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 17.1912, Band 1 (Nr. 1-26)

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Ein Protestler

Gegen die Tendenzen des Tierschutzvereines, die er als gottlos und gefährlich bezeichnet'
wendet sich ein katholischer Pfarrer in einem längeren Aufsatz. Ganz besonders hat ihn Hebbels'
im Tierschutzkalender abgedrucktes Gedicht

„Schau ich in die tiefste Ferne meiner Kinderzeit hinab,

Steigt mit Vater und mit Mutter auch ein Hund aus seinen. Grab"

geärgert. Wir stimmen ihn, darin bei, haben durch unfern Hausdichter das Gedicht abändern lassen
und hoffen, daß es so den Beifall des hochw. Herrn finden wird:

Schau ich in die tiefste Ferne nieiner Kinderzeit hinab,

Steigt mit Vater und nnt Mutter auch ein Schaf aus seinem Grab,

Schaut mich an mit frommen Augen und beginnt zu blöken: „Kind,

Sieh, ihr Menschen seid zuweilen ja uns Tieren gutgesinnt,

Aber hüte dich! Gefährlich, gottlos ist ein solcher Geist!

Denn wir sind ja unvernünftige arme Wesen, wie du weißt.

Ich z. B. fühl' es deutlich, daß der Herr nach nicht erschuf,

Um zu denken! Ich behaupte: blöd sein nur ist mein Beruf!"

So gesenkten Hauptes blökt' es. Und ich sprach: „Es ist sehr brav,

Was du sagst, und ehrt dich selber. Denn es zeigt: du bist ein Schaf."

A. I>e iVora

Alle Mann gegen Deck!

Das preußische Gestüt Stargardt unterhält in
Praust eine Deckstation, auf der drei Hengste sta-
tioniert sind, die die Namen Rebell, Kambyses
und Domherr tragen. Die Zentrumspresse ist
darüber empört, daß der eine Deckhengst Dom-
herr heißt und bezeichnet dies als eine Beleidi-
gung der katholischen Kirche.

Die Erregung des Zentrums ist begreiflich.
Zwar ist ein Hengst ein edles Tier, dessen sich
ein Domherr nicht zu schämen hat. Aber daß
man einen, Domherrn ein Deckgeschäft zutraut,
ist allerdings empörend. Und zwar aus folgen-
dem Grunde. Die Regierung will die Erbschafts-
steuer als Deckung für die Militärmehrausgaben
verlangen! das Zentrum ist aber bekanntlich gegen
diese Deckungsvorlage. Die Ausgaben will die
Domherrnpartei wohl bewilligen; aber das Decken
iiberläht sie den Liberalen. Daher die Empörung
über den Zusammenhang eines Domherrn mit
einem Deckgeschüft.

Bagatelle

„Was haben Sie in letzter Zeit eigentlich ge-
trieben?"

Chinese: „Bißchen Dynastie abgeschafft!"

Endlich Rlarheit!

Ueber die Haltung der Nationalliberalen bei
der Reichstagspräsidentenwahl, die man direkt als
unsicher zu bezeichnen zu wagen, sich zu getrauen
so kühn war, so frei zu sein, hat jetzt endlich
B a s s e r m a n n in Saarbrücken Aufklärung ge-
geben, die jeden Nebel unseres Mißvergnügens
mit einem gordischen Schwerte durchhaut. Die
Sache war ganz einfach so:

Die Nationalliberalen haben sich an der Groß-
blockpolitik bei den Wahlen beteiligt, wollen sie
aber keineswegs auf das Reich übertragen wissen,
sondern sind bei der Präsidentenwahl mit dem
schwarzblauen Block zusammen gegangen, den sie
erbittert bekämpfen, und haben den deutschen
Reichs - Orterer Dr. Spahn gewählt, diejenigen
Mitglieder der Partei ausgenominen, die ihn nicht
gewählt haben. In der festen Ueberzeugung, daß
ein Sozialdemokrat nicht zum Präsidenten paßt,
' sind sie dafür eingetreten, daß die Sozialdemo-
kratie im Präsidium vertreten sein müsse, was
auch darin zum Ausdruck kommt, daß eine andere
Strömung in der Partei das Präsidium aus einem
Zentrumsmann, einen, Konservativen und einem
Nationalliberalen zusamengesetzt wissen will, in
Erinnerung daran, daß schon Bismarck den Aus-
schluß der Sozialdemokraten aus dem Präsidium
als einen taktischen Fehler bezeichnete.

Von Unstimmigkeiten in der Partei zu reden-
ist also eine Frivolität, denn alle herrschenden
Meinungsverschiedenheiten und Inkonsequenz
sind ein Beweis von der unerschütterlichen
mütigkeit der Partei, deren Ausnahmen bloß ^
Regel bestärken!

Wer sich jetzt nicht auskennt, dem ist nicht 3"
helfen!

Das neueste Geber

Die Erzbischöf' von England
Empfehlen ein Gebet,

Drin wird der liebe Herrgott
Um Einsicht angefleht:

„Erleucht' die Bergarbeiter
Mit deinem heil'gen Geist,

Dannt sie das Gelüste
Zu streiken nicht mehr beißt!"

Der liebe Gott im Himmel
Saß mild auf seinem Thron,

Da — klingling — bimmelt plötzlich
Das Himmelstelephon:

„Hier Erzbischöf' von England!

O hör' voll Majestät:

Wir haben ausgeknobelt
Ein nagelneu Gebet!"

Der Herrgott hört's verwundert,

Es bebt sein Heiligenschein,

Er hängt den Hörer eilends
Verärgert wieder ein:

„Ihr Erzbischöf' von England,

Das tut mir wahrlich leid,

Es scheint mir, daß 'mal wieder
Ihr falsch verbunden seid!

Ich finde Euer Bitten
Beinah' ein bissel dreist!

Doch weil Erleuchtung gerne
Gewährt mein heil'ger Geist,

So will ich Euch erleuchten
Als Chef-Episkopus,

Daß Ihr in Zukunft etwas
Gescheit'res betet! — Schluß!"

liai'lclien

Liebe Jugend!

In meiner Leipziger Wohnung lief mir vor
einigen Lagen ein Airdale-Terrier zu, der mich
auch im Gewühl der Stadt nicht wieder verlassen
wollte. Ich wandte mich daher an einen Schutze
mann, und es entwickelte sich folgendes Gespräch:

„Mir ist ein lsund mit der Steuermarke Nr. X
zugelaufen. Auf welchem Wege kann ich ihn an
seine richtige Adresse zurückbringen?"

Schutzmann: „Da ziehn Se 'n doch e baar
dichdje iber, da wird das Luder schon heeme
loofen."

Gespräch i>n Literarur-Laft

„Rärin Michaelis hat sich verlobt.
Wann soll die Hochzeit sein 7“

„<!). mit der hat'» noch gute Wege! Er
will erst ihr gefährliches Alter vorübergehcn
lassen I"
[nicht signierter Beitrag]: Endlich Klarheit!
Monogrammist Frosch: Gespräch im Literatur-Café
Monogrammist Frosch: Liebe Jugend!
Karlchen: Das neueste Gebet
Frido: Alle Mann gegen Deck!
Rudolf Hesse: Der Reichstagspräsidial-Hut
A. De Nora: Ein Protestler
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