Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 17.1912, Band 2 (Nr. 27-52)

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1912

JUGEND

Nr. 48

Wien)

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Angst erstickten Greisenstimme, und der Schmal-
hofer band ihr mit den wie Espenlaub zitternden
Händen die schönen, blonden Flechten zusanrmen,
die offen auf dem schmutzigen Wirtshausboden

^O^Munderl," sagte er und schaute mit rinnen-
den "Tränen vom Alten zum Annerl, „Munderl,
sein wir froh, daß wir alt sind. Daß wir alle
die gottverfluchten Dummheiten überstanden haben,
mit denen sich die Jungen das Altwerden ver-
dienen muffen."

„Sein wir froh, Munderl," sagte er, und sah
verloren dem Edmund Hubenbrunner zu, der den
Strauß aus farbigen Papierblumen und Glas-
perlen vonr Hut des Scheibenpflug Pepi herunter-
löste und mit bebenden Fingern zerriß.

wiener deutsche Weise

Wie so ein kleines Wiener Mädel plauscht!
Die Worte sind melodisch durchgekettet,

Auf Rosenschein und Glockenklang gebettet,
Es sprüht und leuchtet und es singt

und rauscht.

Für Veilchen sind nun Rosen eingetauscht,
Die Sprache duftet, jede Silbe betet
Und blasse Kelche, herbstlich und verspätet,
Sind letzter Schönheit klagend abgelauscht.

In unsrem Lande singen alle Zungen,

Die rein vom deutschen Sprachenstolz

durchdrungen

Mit Anmut ihre wehe Würde wahren.

Und so ein Wiener Mädel muß uns lehren,
Den süßen Klang im herben Liede ehren
Und uns behaupten, tief

in Feindesscharen.
Walther Beamt

thun es beide nicht. Und darum hört diese
Conversation nie auf. Sie bewegt sich weiter
und kommt doch nicht vom Fleck — eine
Schraube ohne Ende.

Sprache

Zn der Sprache eines Menschen lebt alles,
was er jemals durchgemacht, seine Abkunft,
seine Heimat, sein Schicksal. Seine Mutter
lebt darin, und wenn sie längst gestorben
wäre, der Vater, der Lehrer, die Geliebte;
seine guten Stunden und die bösen; seine
edlen Wallungen und Gemeinheiten; seine
Ekstasen und Depressionen; seine Triumphe
und Niederlagen; der Beruf des Erzeugers,
die Not des Ahnherrn, aber auch das letzte
Buch, das er vor einer Minute aus der Hand
gelegt: Alles lebt in der Sprache, alles,
was einer erlebt, erfahren, geffehen, gedacht
und gearbeitet hat. Daher die Ehrfurcht des
Wissenden vor dem guten Stil. Es ist der
Adelsbrief, den sich jeder selber schreiben
kann, vorausgesetzt — daß er schreiben kann.

Beifall

Der Beifall, den uns die Zugend zollt, ist
der köstlichste von allen. Wie ein Windhauch
ist er, der über ein schon fernes Rosenbeet
zu uns herüberweht. Man schließt die Augen
und wähnt sich eine Secunde lang mitten
unter den Rosen.

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££m paar Gedanken

Von Aaoul Auernheimer
(Aus dem Georg Hirth-Schrein)

Männer und Frauen

Männer und Frauen verstehen sich
nicht, werden sich niemals verstehen; denn,
wenn Männer über Frauen urteilen, so
beurteilen sie sie, als ob sie Männer
wären, aus dem eigenen Geschlecht heraus,
und genau so verfahren die Frauen, wenn
sie über die Männer reden. Erkenne dich
selbst! ist der Schlüssel aller Menschen-
kenntnis. Aber wenn ein Mann sich noch
so gut kennte, so kennt er darum noch
nicht die Frau. — Mann und Frau
reden miteinander wie ein Tauber mit
einem Blinden: Der Taube spricht mit
den Händen, weil er selbst nichts hört,
und der Blinde schreit, weil er die Ge-
berden des andern nicht sieht. Und die
Verständigung wäre doch so leicht: Wenn
der Blinde gestikulierte und der Taube
spräche, ginge es vortrefflich. Aber sie

Uiüi.


Refum6

F. Heubner

„3 bin fürs Moderne und fürs Volksstück. Als
dann, i werd der,Anzengruber des Rientoppssi'

Heimkehr

von Emil Lucka

Spät am Abend kam er ins Dorf und
trug den großen Mantel vor's Gesicht ge-
schlagen, daß keiner darunter blicken könne,
aber nur ein Betrunkener kam ihm ent-
gegen, der nicht sicher auf den Füßen ging.
Er klopfte ans Fenster: zwei kurze scharfe
Schläge, und dreimal wiederholte er sie in
Abständen; es war das Zeichen vergangener
Brautschaft. Das Fenster knarrte und ging
halb auf — ein verhaltener Schrei. Schon
stand er an der Tür und die Riegel wurden
zurückgeschoben, er stieg die Stufe hinauf in
zwei bebende Arme. Er roch sein Haus
wieder und trat eng geführt und ohne an-
zustoßen ins dunkle Zimmer und beugte sich
beim Schein der Kerze, die von der Frau
hoch gehalten wurde, über beide Kinder; die
Stunde war nicht zu teuer gekauft mit allem,
was das Leben noch Schreckliches bewahren
mochte. Eine Nacht lang schlug sein Herz
an das Herz, das sein war wie nichts anderes.
Nur ein Gefühl war in ihm und löste auf,
was noch widerstreben mochte, und goß sein
Wesen in Eins mit allem umher. Dieses Ge-
fühl hieß: Heimat....

Schweigend sah er die Kinder am Morgen,
die ihn erkannt hatten und an seiner Schulter
hingen. Wie auch die Frau bat — er konnte
nicht anders, und sei es das Verderben: er
mußte hinaus und den Duft von allem trinken,
was ihm solange fern gewesen war. Weit und
sonnig ging das Land, nur von wenig
Bäumen besetzt, Wiesen und Kornfelder.
Er beugte sich und griff in das blühende
Gras und aß davon — er nahm den
Boden der Heimat in sich auf. Vögel
blitzten über die Wiese hin, sie hatten
Licht in der Kehle und sie riefen ihm
zu, was er lang nicht gehört hatte; mit
einem Mal wußte er, daß er niemals
einen Vogel hatte singen hören all die
Zeit. Am Rand des Baches saß ein
Knabe gekauert und starrte ins tiefe
dunkle Wasser, das sich kaum regte. Viel-
leicht wartete er, bis ein Fisch zu ihm
käme? Dieser Knabe war abgeschlossen
im Geländ, als gäbe es keine Welt mehr
hinter den niedrigen gelben Hügeln. Er
war in Heimat eingehüllt bis ans Ende
seiner Tage . . .

Lange stand der Zurückgekehrte und
regte sich nicht und hörte wie träumend
die Pfiffe eines fernen Zuges. Er war
nichts als ein einziges Fühlen: Heimat.

Glocken sangen Mittag und er trat
wieder ins Haus. Hinter der Türe standen
sie schon und griffen ihn und führten ihn
fort mit gefesselten Händen. Frau und
Kinder hatten sie weggesperrt, daß er nicht
gewarnt werde.
Raoul Auernheimer: Ein paar Gedanken
Walther Beamt: Wiener deutsche Weise
Emil Lucka: Heimkehr
Friedrich (Fritz) Heubner: Resumé
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