Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 17.1912, Band 2 (Nr. 27-52)

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sammenstellen, einen für den Chef, einen für den
Assistenten, und begab mich damit am späten
Nachmittag in die Wohnung der Frau, die ihren
Mann erwartete. Sie war aber nicht untröstlich,
als sie erfuhr, daß er nicht käme, und bat mich,
bei ihr zu Abend zu essen. Da ich gleichsam im
Aufträge des Gatten kam, konnte ich die Ein-
ladung ausnahmsweise sogar mit gutem Gewissen
annehmen.

Aber das gute Gewissen hielt nicht lange vor.
Denn etwas später, als die Dämmerung kam,
begannen wir uns aufs neue zu küssen, und
Etelka ließ absichtlich kein Licht bringen. Sie
war eine der Frauen, die sich in der Dämmerung
am wohlsten fühlen.

So saßen wir in der immer finsterer werden-
den Stube im zärtlichen Geplauder beisammen,
als plötzlich draußen auf der Veranda ein heil-
loses Gepolter entstand. ,Um Gotteswillen, mein
Mann!‘ rief Etelka und sprang auf.

Er kam offenbar über die Veranda und hatte
im Finstern ein Möbelstück umgestoßen. Ich
empfahl mich durchs Vorzimmer, so rasch ich
konnte, mit klopfendem Herzen und scheu wie
ein Dieb.

So weit also war es mit mir gekommen!
Ich schämte mich, ging nach Hause und verbrachte
eine schlaflose Nacht.

Aber am nächsten Morgen fand ich zu meiner
Überraschung den Chef nicht im Büro. An
seiner Statt kam Etelka und erklärte mir unter
Lachen den Zwischenfall: der Bär hatte in der
Veranda gespielt und den Tisch umgeworfen. Er
war jetzt schon kein Baby mehr und machte sich
bemerkbar.

Etelka schaute mich an und lachte. Nach einer
Weile fügte sie noch hinzu:

,Übrigens sind wir zwei Kinder. Mit welchem
Zug hätte mein Mann um die Zeit kommen
können?"

Das war richtig und es war, wie ich jetzt
nachträglich einsah, wirklich lächerlich, daß ich mich
durch den Bären hatte erschrecken lassen.

In der Folge, wenn ich in Abwesenheit des
Mannes bei Etelka saß — es geschah noch ein
paarmal, denn wer weiß, wie weit es gekommen
wäre, wenn es öfter geschehen wäre, — kehrten
wir uns wenig um das Gepolter des Bären auf
der Veranda. Er hatte nachgerade die Gewohn-
heit angenommen, Stühle und Tische umzuwerfen,
was ihm offenbar Spaß machte und wir ließen
ihn gewähren, ohne uns durch das dumme Tier
im Küssen unterbrechen zu lassen. Denn wir
wußten, der Mann konnte nur um fünf oder um
7* 11 kommen — außer zu Fuß über das Ge-
birge und das war ausgeschlossen.

Eines Abends jedoch — es war ein schwüler
und gefährlicher Sommerabend, einer jener Abende,
an denen alles selbstverständlich wird — wollte
das Gepolter auf der Veranda kein Ende nehmen.
Es störte uns immer wieder und plötzlich mischte
sich eine bärtige Männerstimme hinein. ,Ver-
fluchtes Vieh!" rief sie, und gleichzeitig näherten
sich vom Vorzimmer her schwere Tritte der Türe.
Schon glaubten wir uns verloren, als die Stimme
des Stationschefs hinzufügte: ,Ich werd' dir
zeigen!" — Die Schritte entfernten sich wieder
und man hörte, daß er irgendetwas aus dem
Nebenzimmer holte.

Diese Verzögerung benützte ich, um über die
Veranda zu entwischen. Ich weiß selbst nicht mehr,
wie ich die Stufen hinunter und in den Garten
kam. Ich weiß nur, daß ich an dem Bären vor-
beilief. Aber plötzlich fühlte ich mich von hinten
an den Schultern gepackt. Ich wurde zu Boden
gerissen, fiel auf den Rücken. Und mit einem Satz
sprang mir der Bär auf die Brust.

Im selben Augenblick wurde drinnen Licht ge-
macht, der Mann trat ans Fenster, ein Gewehr
in der Hand und schlug auf den Bären an, dessen
Silhuette er in der Dunkelheit 311 erkennen glaubte.
Daß ich unter dem Tier lag, wußte er offenbar

nicht, denn er sagte zu seiner Frau, ohne mich
im geringsten zu erwähnen: ,Das Aas hat mich
im Finstern angefallen, mich — seinen Herrn!"

Ich muß sagen, mir wurde nicht ganz gut.
Zwar gelang es Etelka, ihren wütenden Gemahl
zu besänftigen, eh' er losdrücken konnte. Aber
das Tier hockte mir auf der Brust wie ein Nacht-
alb und schnupperte in gefährlicher Weise an
meinem Hals herum. Mir vergingen die Sinne.
Ich hätte wirklich nie gedacht, daß ein kleiner
Bär so schwer sein könne.

In meiner Angst fiel mir ein, daß man sich,
wenn einen ein Bär anfalle, tot stellen müsse.
Ich tat es, und ich glaube, es machte mir keine
besondere Mühe. Das Mittel wirkte übrigens,
denn nach einer Weile kletterte der Bär von
meiner Brust herunter. Entweder er wußte, was
er feinem in Lesebüchern verbreiteten guten Ruf
schuldig war, oder aber — wahrscheinlicher! —:
Er war noch zu jung und zu dumm, um zu
morden....

Nichtsdestoweniger fuhr ich zwei Tage später
aus dem Bärenland nach Hause. Mein Vorge-
setzter ließ mich höchst ungern ziehen, und Etelka
schrieb mir noch eine Zeitlang; zuletzt vor Weih-
nachten, daß der Bär einen Arbeiter angefallen
und zerfleischt habe. Sie mußten das Tier weg-
geben, und es kam, als ein bosnisches Landes-
produkt, in die kaiserliche Menagerie nach Schön-
brunn.

Manchmal, an einem schönen Sonntag, fahr'
ich mit meiner Frau hinaus, Baby begleitet uns,
und dann stehen wir alle drei vor dem sorgfältig
vergitterten Zwinger, in dem mein Freund jetzt
haust. Baby füttert ihn mit Semmelbröckchen,
und wir erquicken uns allesamt an seinen komi-
schen Bewegungen, dem watschelnden Gang, der
naschhaften spitzen Schnauze des Ungeheuers. Es
gibt ja wirklich kaum etwas Drolliges als ein
Bär...

Ich meine natürlich: Als ein Bär — im Käfig."

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Das war mir doch ein wunderlicher Wicht,

Dem heute mich der Zufall beigesellte.

Ein langer Kerl — ich sah nicht sein Gesicht,

Ich — roch ihn nur: modrige Kellerkälte.

Den Schädel hielt er ganz und gar versteckt
In seines Wetterkotzens Zipfelhaube —

Dabei war doch der Himmel kaum bedeckt! —

Die Schuhe grau vom Marsch im Straßenstaube.

Mugfekö

Jetzt seh' ich's erst: der Kerl hat keine Nas' —

Pfui Teufel, ja! Kein Weißes seh' ich blinken
In seinen Augen — seh' mein Doppelglas
Zur Hälfte in die tiefen Höhlen finken!

Scharf stellt er's ein. Und jetzt.... ich träume nicht,
Ich fasle nicht! — ein knöchernes Gestänge
Reckt plötzlich himmelein der graue Wicht —

’nen Arm von zwei-, dreihundert Meter Länge!!

Am Flugfeld war's. Es gab heut guten Sport.

Ein Kenner schien der Kerl im alten Loden.
Rief heiser: bravo! wenn beim Start sofort,

Noch in der Graden, einer kam vom Boden.

Greift in die Luft hinein und — langt sich Zwei,
Pilot und Passagier, geschickt im Falle.

Das Flugzeug taumelt hinterdrein. — Ein Schrei
Der Tausende .... Er öffnet seine Kralle.

Fünf kreisten jetzt, ein kleiner Taubenschwarm,
Hoch überm Feld. Da fühlt' ich einen Drucker
Ganz leicht an meinem linken Oberarm —

Der Nachbar bat um meinen Operngucker.

Der Arm, als wär's ein Taschenspielerstück,

Schien jäh im Armelloche zu versiegen.

Dann reicht' er artig mir mein Glas zurück

Und sprach: „Ich bin der Tod — und fange Fliegen.'
Walter Püttner: Vignette
Ernst Frh. v. Wolzogen: Auf dem Flugfeld
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