Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 18.1913, Band 1 (Nr. 1-27)

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Georg Pfeil (München)

-An der Perronsperre

„Druckcs ncr a so, nächste Woch'n gehr do aa wieder a Zug!"

Die ^Nitgiiedcr

. Nach dem Obmann kommt lange nichts ur
niemand.

Aber dann kommen die Mitglieder.

Allen voran Fräulein Erika Krampf.

Wäre sie jung und hübsch. dann wäre
Mitglied der Liedertafel „Lyra". Da sie ab
ältlich, ein wenig schief und reichlich dürr
schwärmt sie für Literatur und Kunst. .

... Sie haßt die Männer und hat ein Fa»,
lur Obmänner.

Sic schnupft.

2hr folgt Herr Knaute.

Herr Knaute ist Kommis und verkauft wa!

rend des Tages Heringe, Kartoffelii tind Bun
Papier.

. .das hält ihn indessen iiicht ab, ein Organ z
yaven, e,n volles, tönendes Organ.

Herr Knaute deklamiert.

Wenn er es tut, danii zittern die Fenster, d
tvande und die Hörer — Papa Kreibich am

hörig 0» Jahre alt und schwe

Auch Pap« Kreibicl) schnupft.

Pm übrigen begnügt er sich damit, recht häuf,

H°ni!" zu sagen, mit dem Kopf zu wackel
und zu meckern.

2hm folgt Herr Doktor Beitlich.

Herr Doktor Beitlich singt.

Gr gründet Kabaretts, arrangiert Pfände
(p>ele und schwärmt n,it koketter Unverhohlenhc
lur Soubretten, die er für große Künstlerinnen hä!

Herr Doktor Beitlich hat keine Patienten, da-
für Lackschuhe, seidene Strümpfe, einen englisch
gestutzten Schnurrbart und einen Klemmer.

Herr Doktor Beitlich schnupft nirl)t.

Ihm folgt Fräulein Eleonore Bacher.

Bon ihr weis; man nur das, was ein Kunst-
maler einmal von ihr gesagt hat: daß sie ein
brillanter Akt sei.

Davon zehrt sie schon zwanzig Fahre.

Sie möchte gern schnupfen, geniert sich aber.

Ihr folgt Herr Urbansky.

Er glänzt durch seinen Schmutz.

Als ein Mann, der in seinem tiefsten Wesen
Demokrat ist, verachtet er alles, das nach Forme»
riecht.

Was nach Knoblauch riecht, liebt er dagegen.

Er hat schwarze Fingernägel, einen speckigen
Rock und schneidet sich nicht die Haare.

Er ist Botaniker.

Er schnupft.

Den Schluß macht Frau Emma Peter.

Sie möchte gern viel reden, stottert aber.

Sie hat ein Doppelkinn und kann sich, wen»
sie einmal sitzt, nur schwer wieder erheben.

Sie ist Witwe nach einem Bäcker und Mutter
eines Mopses, den sie verhätschelt.

Ihr Mops ist nicht beliebt.

Wenn Herr Knaute deklamiert, dann bellt er.

Dev L.eseabe«rd

Der Leseabend findet wöchentlich einmal statt.

Die Mitglieder sind schon pünktlich um 8 Uhr
im Vereinslokal versammelt, während der Ob-
mann erst eine Viertelstunde später zu ihnen stößt.

Dafür ist er der Obmann.

Er lächelt huldvoll, schwingt pathetisch seinen
großen Schlapphut und begrüßt die Mitglieder
mit einem sonoren:

„Guten Abend!"

„Guten Abend!" tönt es aus sieben Kehlen
zurück.

Papa Kreibich meckert, wackelt mit dem Kopf
und macht:

„Häm! Häm!"

Sodann beginnt die Arbeit.

Ein jedes der Mitglieder erhält ein Buch
und liest daraus seine Rolle vor.

Da die Damen — warum sollten sie auch
nicht? — dabei gleichzeitig Strümpfe oder Puls-
wärmer oder Winterleibchen stricken, gibt es zu-
weilen kleine Verwirrungen und Entgleisungen,
die von dem Umhängebart des Herm Obmann
indessen schnell korrigiert werden.

Es vergehen auf diese Weise, während die
Strümpfe, Pulswärmer oder Winterleibchen sicht-
lich gedeihen, reichlich zwei Stunden.

Nachdem der Vorhang hinter der letzten Rolle
gefallen ist, reckt sich der Obmann, sein Gesicht
wird düster-ernst, seine großen Stiefel knarren
und durch seinen Umhängebart geht es wie ein
Rauschen.

Er sagt: „Liebe Mitglieder," sagt er, „nun —"

„Häm! Häm!" macht Papa Kreibich und
meckert.

„ — nun," fahrt der Umhängebart unerschütter-
lich fort, „nun, liebwerte Mitglieder, wollen wir
uns auch über den Sinn des Gelesenen klar wer-
Georg Pfeil: An der Perronsperre
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