Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 18.1913, Band 1 (Nr. 1-27)

Page: 622
DOI issue: DOI Page: Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/jugend1913_1/0640
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile
^ r ■*

* r-*

IMMB

El

jgc


,fhr;

Frühling und Friede!

Winterstürme wichen deni Wonnemond,

Der böse Balkan balgt sich bald nimmer,
Nachgiebig neigt sich, nett und niedlich —

Nicht mehr ein neidischer Nickel! —

Nikola freundlich jetzt Franz Josef,

Statt daß Skandal vor Skutari
Mäßig er mache.

Stündlich aus Stambul
Sowohl als aus Sofia
Erwartet der Westen

Freudig schließlich des Friedens Schluß! —
Aufatmet Europa!

Hochblau und heiter
Lächelt der Himmel hernieder,

Weithin von Wolken

Scheint er wirklich verschont!-

Das heißt, da drunten
Uber Albanien
Drohen noch welche,

Schwärzlich und schwül . . .

Keiner kann sagen, wer König sein wird.

Daß Essad Pascha

Pocht auf den Posten, so sagt er selber,

War mieser Mumpitz des Montenegriners —
Doch wer ist der Würde wahrhaft nun wert?

Wird wegen der Grenzen
Sich Grieche grimmig und Serbe
Nächstens noch necken?

Wird heimtückisch hinterher hämisch nicht hetzen
Panslavisches Pack?

Und russische Rowdies

Rufen sie nicht nach Raub und Rache?

Trübselig Trachten der Tripleentente,

Droht's nicht dem Dreibund
Mit treulosem Treiben
Mit Trug und mit Tritten
Des ekligen Esels,

Wo immer es angeht?

Vielleicht auch verhauen im Bierbund
Die mutigen Mächte sich gegenseitig
Beim Teilen der Beute in tunlichster Bälde!

Sonst aber ist fraglos der Friede gesichert,

Ein Eden hebt herrlich nun an auf Erden —
Nur in Frankreich faselt von ferneren Fehden
Der Chauvinisten schamloser, schaler
Schwätzender Schwarm
Und wühlt wider Deutschland,

Ruppig und rastlos!

Prahlerisch prügelt mit gallischer Galle
Die Bande germanische Gäste
Und ritterlich rühmt sie der biedere

Barthou.

Ebenso England gönnt »ns nichts Gutes,
Heftige Haue nur gönnts uns von Herzen.
Spanien sogar verspüret zur Spannung
Lausige Lust:

„Reaktionär" schimpft die Rasse den

Deutschen! —

Sonst scheint die Sonne so schön

und blau blickt
Europas politischer Himmel
Heiter hernieder —

Nur möglich, daß morgen
Wieder ein Weltkrieg
Tobt vor der Türe —
Winterstürmen weicht dann der

Wonnemond,
Und wüst geht es weiter
In inünitum,

Bis alles kaput ist

Mit alleiniger Ausnahme von Albion!

Biedermeier mit ei

/

ll

f

A. Schmiclhammer

Bitte Kronprätendenten!

wer hat nun den Mut, sich auf den Deckel
des Albanische» Rochtopfcs zu fetze» ?

*

Das Schinkenbrot

(Aus der elfässifchen Lämmer)

Ja, das sind die Früchte dieses Ferrer!

Ja, da sieht man, was der Jugend droht!

Fraß da nicht am Freitag frech ein Lehrer
Bor der ganzen Schul'ein Schinkenbrot?!

Aber Gottscidank. Das Zentrums-Auche
Wacht' und denunzierte gleich den Dachs.

Was erwiderte jedoch der Schlauche?

„Es war gar kein Schinken, es war Lachs!"

Kann man solchene Gemeinheit denken?

Das Gemeinste aber ist sogar,

Daß es — diesen Lehrer sollt man henken! —
Eigentlich: Lachsschinkenbrötchen war.

A. I>. SI.

*

Der den Futuristen

belauschte ich neulich folgendes Gespräch zweier
geistlicher kserrn: „Ach, die Viccherei," meinte der
eine, ein wohlgenährter kserr in den besten Fahren.
Der andere, ein ernster, hagerer schaute lange nach
den bunten, letzten Bsfenbarungen der Kunst:
„Immerhin," sagte er dann, „sie erwecken wenig-
stens keine Unsittlichkcit."


V Vil,


IS

Wahrheit und Dichtung

Die Blumen blüh'n und alle Dichter singen
Bon schönen Mädchen, die ein Strauß beglückt —
Mir ist mit Veilchen, Rosen und Springen
Im Reich der Liebe niemals viel geglückt.

Natürlich darf man nicht mit Blumen sparen,
Sie sind sehr nützlich oft als Angebind,

Wer in der Kunst des Don Juan erfahren,
Wählt stets die Blumen, die recht teuer sind!

Doch jene Lieder zu der Blüten Ruhme
Sind Dichterlüge, sind gewiß nicht wahr —

Biel mehr als selbst die allerschönste Blume
Gilt in der Liebe Sekt und Kaviar . ..

Und darum lob ich nicht den Frühling Heuer,
Wenn er mit Blumen auch die Welt bedeckt —
Der Kaviar ist leider gar zu teuer
Und hoch im Preise steht der gute Sekt!

Ich kann nicht nur mit Frühlingsblumen balzen,
Dies schöne Vorrecht bleibt dem Dichtcrsmann —
Ich brauche Kaviar, der ungesalzen,

Und Schampus ... mehr, als heut' ich zahlen kann!

Hermann Iaques

Scharfer 'Rurs

der Dadls ci'köts
Hochzeitsreisende

M

v

Der Kleinstaat

„Vater, warum is cs denn net zum Krieg zwischen
Oesterreich und iTikita kommen?"

„Sic hab'n wahrscheinli' Montenegro net g'fundcnl"

In Venedig lernte ich an
ein junges Ehepaar kennen,
aus Wien.

Sie ein taufrischer junger Kerl, er ohne Haus-
freund gar nicht zu denken. In Roni traf ich
die beiden wieder, als sie gerade nach Neapel
abrcisen wollten.

„Bon viaggio!“ lachte ich, „je südlicher man
kommt, desto heißer wird die Liebe!"

Da stieß sie ihn heimlich mit den Ellenbogen
in die Seite.

„Vielleicht könntest Du die Billette gleich bis
Kapstadt nehmen?!" Ifeinx Scharpf

*

Liebe Jugend!

Als Ex-Präsident Roosevelt nach Amerika
zurückreiste, besuchte er bekanntlich auch Berlin
und hatte mehrere Zusammenkünfte und Unter-
redungen mit dem Kaiser.

Nach dem Essen in Potsdam war er
zu müde oder zu heiser, um den ständig
ihn begleitenden Journalisten persönlich ein
Interview zu gewähren, wie dies nach
amerikanischer Zeitungssitte üblich und un-
entbehrlich ist. Er beauftragte deshalb
seinen Freund, Herrn Lawrence Abbott,
mit dieser Mission.

Herr Lawrence ließ die Journalisten zu
sich kommen und erzählte ihnen in wohlge-
setzter, wohl vorbereiteter Rede, was der
Präsident an jenem Tage getan und ge-
sagt hatte. Er beschloß seinen Bericht mit
den Worten:

„Nach dem Essen zogen sich Seine
Majestät und Colonel Roosevelt in eine
Ecke des Zimmers zurück, wo sie über
eine Stunde lang debattierten."

Er hielt an. Die Korrespondenten waren
in respektvolles Schweigen gehüllt. Dann,
nach einer lautlosen Minute fragte plötz-
lich Fred Grundy, der Korrespondent der
„New Pork Sun", mit lauter Stimme:
„Wer hat denn gewonnen?!"
[nicht signierter Beitrag]: Vor den Futuristen
[nicht signierter Beitrag]: Liebe Jugend!
Hermann Jaques: Wahrheit und Dichtung
Biedermeier mit ei: Frühling und Friede!
A. D. N.: Das Schinkenbrot
Heinz Scharpf: Scharfer Kurs
Monogrammist Kreispunkt: Der Kleinstaat
Arpad Schmidhammer: Bitte Kronprätendenten!
loading ...