Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 18.1913, Band 2 (Nr. 28-53)

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Roderich Müller (Paris)

Kritik

„Anö dazu lassen f sich alle Morgen in der Früh' unr sechs wecken!"

als volle Verachtung! Aber während er die
Hand noch auf der Brust hielt, Kamen schon
andere, und in diesen hob er das Gesicht Kühn,
fragend empor, was? fragten sie ihn, ein Durstiger
soll nicht trinken, ein Verschmachtender sich nicht
stärken, und ist etwa der Tote nicht tot? Und,
wenn er es nicht war, unterschied nicht gerade
Der den ehrlichen Willen der Besserung von dem,
was diesen Willen gar nicht anfocht: von der
körperlichen Notdurft? Und siehe, diesen Sekun-
den folgten wieder andere, noch vernünftigere,
da blickte Zulian schon entschlossen um sich, ge-
wappnet gegen die törichten Einwände; wunder-
schön wird es sein, wenn Du getrunken haben
wirst, sagten sie, erst dann, sagten sie, wird Dein
Bewußtsein ganz klar, Dein Bedenken völlig
hell, Deine Liebe zum Toten werktätig sein können,
erst dann wirst Du das neue Leben erwägen,
Deine Vorsätze fassen können, ja, sogar für die
feindliche Mutter und die feindlichen Geschwister
wirst Du das richtige Wort, das versöhnende
Wort finden, denn dann wirst Du Dich stark
fühlen, mutig, sicher. . .

Da riß er die Flasche vom Tisch, setzte sie an
die Lippen und trank.

Lange, gierig. — Dann setzte er sie ab. Blickte
rundum. Nichts hatte sich verändert! Nichts!
Und so setzte er die Flasche wieder an. Länger
diesmal, gieriger trank er. Und wie er sie dann
zu zwei Drittel geleert, in der Hand hielt, gegen
das Kerzenlicht hielt, war er ein ganz anderer!
Aufrecht, fast edel, bleich, war er gekommen. Nun
war er rot, aufgedunsen, verwahrlost. Seine Kleider
waren ungebügelt. Seine Hände schmutzig. Sein
Haar zerzaust. Seine Haltung gebrochen. „Ah",
sagte er, sich in den Sessel zurücklehnend, und
setzte von neuem die Flasche an. „Ah!" Leerte
sie bis auf die Nagelprobe. Stellte sie nun vor-
sichtig in den Teppich nieder, denn jetzt hatte er
nur mehr eine Sorge: nicht gestört darf ich werden!
Und als die Flasche schön stille stand, erhob er
sich vom Sessel, schaute halben Blicks nach dem
Toten, griff nach der Kognakflasche, zog den
Stöpsel, roch, ja, ohne Zweifel, das war Kognak

vieux, Donnerwetter!, tat einen Schritt zurück,
brachte die Karaffe an die saugenden Lippen, trank,
trank. . .

Und ließ sie, zu Stein erstarrt, fallen: die
Mutter stand in der Türe!

„Zulian!" schrie sie, nach einer Sekunde, und
dieser Schrei kletterte wie eine Peitsche seinen
Körper hinan.

„Zulian!" schrie sie zum zweitenmal, weil er
wie tot schien. Und nun schüttelte sie ihn, rüttelte
sie ihn, aber er kämpfte gar nicht, er wehrte sich
gar nicht, an den Fetzen seiner zerreißenden Kleider
ward er aus der Türe gezogen, ein ungeheurer
Lärm entstand um sein Ohr, die Schwestern sah
er aus diesem Lärm tauchen, die Augen der
Mutter lohten, ihre Hände brannten, die Augen
der Schwestern zerbohrten ihn, und hier....

Julian erstarrte: Hier stand der Bruder!

Einen Augenblick lang maßen sie sich. Dann,
wie eine aufknisternde Nakete, stürzte der Bruder
auf den Unbeweglichen ein, riß ihn an der Brust
und brüllte ihm zu: „Hinaus!"

Zulian erbleichte. Weiß wie Papier war er.

„Hörst Du? Hinaus!" keuchte der Bruder
nochmals.

Aber Zulian rührte sich noch nicht.

„Soll ich Dich also," knirschte der Bruder
und reckte den Arm, „hinauswerfen?"

Da knickte Zulian zusammen. Er streckte das
rechte Bein aus, zog das linke nach, — und als
das gelang, noch einmal, und nun nocheinmal,
— und rannte nun mit dein ganzen Gewicht seines
hämmernden Leibs gegen die Tür.

Die Treppen sah er nicht. Den Flur sah er
nicht. Das Tor sah er nicht. Die Frauenstraße
sah er nicht. Er lief, lief, lief, ohne zu sehen,
ohne zu hören, ^ Nacht war es in ihm, völlige
Nacht, nur soviel wußte er, hinter ihm rannte
Jemand ihm nach, der tote Vater lief ihn: nach,
Du bist ein Verbrecher! schrie er ihm nach, die

Mutter lief ihm nach, Du bist ein Schänder!
schrie sie ihm nach, die Geschwister liefen ihm nach,
Du bist schlechter als Kain! schrieen sie ihm nach,
aber noch eine Menge anderer Menschen lief ihm
nach, Du bist ärger als Zudas! schrieen sie ihm
nach, und nun, siehe, lief ihm sein ganzes Leben
nach, Du bist nicht mehr zu retten, schrie es ihm
nach, und wenn alle Engel vom Himmel steigen!
— aber er, alle diese Schreie vernehmend, lies
weiter, immer weiter, weiter, weiter, weiter; „ja,"
flüsterte er keuchend, atenüos, „Zhr habt Recht,
Recht, Recht, Alle habt Ihr Recht, ja, Ihr habt
Recht," und biß sich in die Zunge, und kratzte sich
die Wangen auf und zerfleischte mit den blutigen
Nägeln seine Brust, und lief immer noch weiter,
immer noch weiter, — bis er plötzlich, ganz plötz-
lich, so als ob er nun erwacht wäre und entdeckt
hätte, daß ihn kein Mensch verfolgte, einhielt
und stillestand. Wie ein Baum!

Und nun wandte er sich um, nach allen
Seiten, vorsichtig, stellte fest, daß er weit außer
der Stadt stand, in einem Torffeld, nickte be-
friedigt, sagte: „Gut!", zog die Pistole hervor,
setzte sie an die Schläfe und drückte ab. Und
fiel im. nächsten Augenblick wie ein erschlagener
Baum in den Boden.

s

-Liebe Jugend!

In einer kleinen Stadt der Pfalz wird der
Prinzregent erwartet. Alle Däuser prangen in
festlichem Schmuck zahlreicher Fahnen und Gir-
landen. Kommerzienrats haben ein Übriges ge*
tan. Aus jedem Fenster hängt ein echter Perser.
Einige der spalierbildenden kleinen Mädchen be-
merken beim Anblick dieser ihnen ungewohnten
Dekoration entrüstet:

„Na, heut wo der Prinzregent kommt, hätten
die gerade auch nicht zu putzen (stöbern) brauchen!

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[nicht signierter Beitrag]: Liebe Jugend!
Roderich Müller-Guttenbrunn: Kritik
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