Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 18.1913, Band 2 (Nr. 28-53)

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H. Bing

Der HervöTe

„Tagsüber kann ich nicht fahren: die Gegend geniert nrichl"

„Wo? Wo?" frage ich atemlos.

„Wo!"

Er schlägt sich mit der steifen offenen
Hand auf die Stirn und jubelt:

„Bei ihr, bei ihr!"

„Bei wem?" schrie ich. „reih das
Maul auf. rede doch!"

„Bei der Wirtin. Mensch . .. Zwei
Stunden bleibe ich bei ihr... tu schön
mit ihr. . . ach. so schön!"

Mit fliegender Hand zieht er den
Nachtkasten heraus. Bücher stürzen
hin, mir aufs Knie.

„Hier!"

Ein blauer, sich überstürzender
Strom von Geldscheinen! Nie habe
ich soviel bei einander gesehen.

. Guten Tag, guten Tag, sage
ich, kommt Ihr aus Petersburg? —

Ja, sagen Sie, direkt aus Peters-
burg. — Ich hab's mir überlegt,

Freunde, könnt wieder fortreisen, tum-
melt euch! — Tummelt euch! Grüßt
Rußland! Hoch die Freiheit!"

Er droht vor Lachen zu ersticken.

Ich klopfe ihm auf die Schulter.

Er singt einen Kosaken-Marsch,

Verse erfindet er:

„Morgen geht's ins Krankenhaus
— ins Krankenhaus. Die Wirtin will
betrogen sein — betrogen sein. Nie
kehre ich mehr zu ihr zurück — zu
ihr zurück."

Dann schläft er ein.

Gegen Morgen kommen Männer
aus dem Krankenhaus, laden ihn auf
eine Bahre und tragen ihn fort.

Ich gehe auf der Treppe neben
ihm und halte seine Hand.

„Fedor," sage ich und beuge mich
zu ihm hinüber, „sag, hättest du es
wirklich getan?"

„Was denn, Menschchen, was denn?" fragt
er halb im Dusel.

„Das mit dem Namen.hättest du den

Vater der kleinen Sonja aus Twer nach Sibirien
schicken lassen?"

Er schläft ein paar Sekunden, so matt ist er.
Unten, bevor sie ihn in den Wagen stecken, der
wie ein Ofen darauf lauert, ihn zu verbrennen,
wacht er auf und sagt:

„Ein Leben habe ich vor mir, darüber nach-
zudenken . Leb wohl, Freundchen! Sei

gesegnet!"

Er ist nicht mehr zur Wirtin zurückgekehrt.
Am nächsten Abend ist er im Spital gestorben.

Ein verrückter Hund war das!

*

Wer wagt zu sagen, daß wir schlecht dinieren?
Auch unsere Wohnung ist kein Pferdestall.

Wir wissen glatt und sicher zu parlieren
Flüssig (und wässrig) wie ein Wasserfall.

Fixiert uns wer? Er muß sich duellieren,

Und wacker wird ihm das Gesicht zerhackt.

Im übrigen kann nichts uns arg genieren.
Gefühle sind wie Röllchen. Wir woll'n Takt.
Wir halten fern uns von den Arbeitstieren
Und... Geldverdienen?? Bestenfalls im Spiel!
Nur. . . daß wir unser Einglas nie verlieren
Ist unserer Tage Sehnsucht, Ruhm und Ziel.

Richard Rieß

Södie Jokers Deutschtandsreise

Brief an seinen Bruder in Amerika, mitgeteilt
von Henry F. Urban

Lieber Charlie!

Also ich will Dir wieder einige lustige Zeilen
über unsere Tour durch Deutschland schreiben.
In München waren wir nur Kurze Zeit. Aber
es ist eine sehr interessante Stadt. Die Ein-
wohner zerfallen in zwei Klassen: die einen brauen
Bier und die andern trinken es. Diejenigen, die
zu keinem von beiden Geld genug haben, malen
Bilder, die sie Carnegie oder Rockefeller ver-
kaufen möchten. Wir waren noch in verschiede-
nen andern interessanten Städten, z. B. in Wei-
mar, wo die beiden größten deutschen Dichter ge-
lebt haben, Schiller und Goethe, sowie ein be-
rühmter Humorist namens Serenissimus, der in
Deutschland fast so berühmt ist wie Mark Twain
bei uns. Schiller, wie Du weißt, ist der Ver-
fasser des Melodramas „Die Räuber", das die
deutschen Turner bei uns immer aufführen. Von
Goethe stammt der Text zu der berühmten Oper
„Faust". Sie haben beide ein sehr komisches
Denkmal in Weimar, wo einer dem andern den
Lorbeerkranz wegnehmen will; aber jeder hält
ihn fest. Ich habe nie eine treffendere Darstel-
lung geschäftlicher Konkurrenz gesehen. Der be-
deutendere von beiden war Goethe, der als Dich-
ter viel Geld gemacht hat, so daß er Minister
wurde. Sie sind beide geadelt worden, als sich
im Laufe der Jahre herausstellte, daß sie zu den
Klassikern gehörten. Schiller wohnte in einem
jämmerlichen Häuschen ohne Zentralheizung und
Warmwasserversorgung und lebte eine Zeit lang

vorn Abfall der Niederlande, wie mir
ein junger Student sagte.

Aber, mein lieber Junge, die Haupt-
sache ist doch Berlin. Das' reine
Chicago, sage ich Dir, mit etwas
New Pork dazwischen! Nur. daß sie
dort noch keine Wolkenkratzer haben.
Freilich hätten diese Gebäude in dem
rauhen Klima keinen Zweck, weil
ewiger Schnee auf dem Dache liegen
würde. Die Wolkenkratzer werden
daher in Berlin in die Breite gebaut,
wie das ganz amerikanische Waren-
haus A. Wertheim, auch Kriegsmini-
sterium genannt. So rufen es wenig-
stens die Straßenbahnschaffner aus.
wenn sie dort anhalten. Man kann
dort morgens an einem Ende einen
Strauß Rosen kaufen und zu Mittag
am andern Ende die Vase dazu.
Sehr imponiert haben mir auch die
riesigen Restaurants, die ganze Ge-
bäude einnehmen, und wo Tausende
von Leuten auf einmal essen können.
Eins dieser Gebäude gehört einein
Mr. Kempinski. Er steht persönlich
in einer prachtvollen grünen Uniform
vor der Tür und sagt jedem Gast:
„Guten Tag!" der hineingeht und
„Auf Wiedersehn!" wenn er das
Lokal verläßt. Denn Du nmßt wissen,
lieber Charlie, in Berlin ist Jedermann
Soldat. Wie ich höre, hat Mr. Kem-
pinski die Uniform vom Kaiser be-
kommen, dafür, daß er ihm Kacheln
für sein Restaurant abgekauft hat.
Der Kaiser ist nämlich nicht bloß im
Kaiser-Geschäft tätig, sondern zugleich
noch Fabrikant von Kacheln und aller-
lei Tonwaren, sowie Farmer. Als
Farmer hat er eine Spezialität. Er
importiert tropische Rinder und nmcht
daraus durch Kreuzung deutsches Rind-
vieh, das vorzüglich ist. Na, überhaupt
der Kaiser! Den sollten wir bei uns
im Lande haben, dann solltest Du was
erleben! Ich komme auf ihn noch zurück, weil ich
Dir erst noch von andern Geschäftsleuten erzählen
will. Sehr komisch für einen Amerikaner ist es,
daß auch die Geschäftsleute Titel bekommen. Wenn
einer geschäftlich sehr tüchtig ist, so nennt man ihn
Kommerzienrat, wenn seine Tüchtigkeit ganz un-
gewöhnlich ist, so erhält er den Titel Schieber.
Dann muß er aber schon an Rockefeller erinnern.
Wenn er noch tüchtiger ist, dann reist er nach Ame-
rika, weil er sonst ins Gefängnis gesteckt wird.

Das Leben und Treiben in Berlin ist wirk-
lich geradezu amerikanisch. Sie fahren dort mit
Hilfe von Autos mindestens ebenso viel Leute
tot wie in Chicago und New Pork. t Besonders
großartig ist die Untergrundbahn. Sie wird wie
folgt gebaut: erst pflanzen sie schöne Bäume und
Blumen in einer Straße. Wenn die dann hübsch
gewachsen sind, reißen sie sie heimlich in der Nacht
wieder heraus, graben eine tiefe Höhlung, legen
Schienen hinein, schütten alles wieder zu und
pflanzen nun kleine Bäume darauf, über die dam
die Berliner fortgesetzt schimpfen. Das ist näm-
lich eine Lieblings-Beschäftigung von ihnen, wo-
durch sie aber glänzend vorwärts kommen, weil
alle, die etwas unternehmen, Angst vor ihnen
haben. Die Bäume und die sonstigen schönen
Anlagen werden von den Steuern unterhalten,
die der Berliner zahlt. Dafür darf er dann nach
Herzenslust schimpfen. Nur über die Amerikaner
schimpfen sie nicht, erstens, weil uns der Kaiser
gern hat, zweitens wegen unserer Dollars, drittens
weil sie uns bei jeder Gelegenheit übers Ohr
hauen. Sie können sogar von einer bestrickenden
Liebenswürdigkeit sein. Dann erwarten sie aber
auch ein Trinkgeld. Ein Zeichen unserer Be-
liebtheit ist, daß an jeder Straßenecke ein Schutz-
mann steht, der unsere glorreiche Flagge auf dem
Ärmel aufgenäht trägt. Das soll besagen, daß er

(Schluss auf Seite 1264b)

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Henry Bing: Der Nervöse
Richard Rieß: Gents
Henry F. Urban: Eddi Jokers Deutschlandreise
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