Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 18.1913, Band 2 (Nr. 28-53)

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fragte in aufgeregtem Ton: „Gretl, gehst Du in
die christliche Religion?"

Gretl antwortet: „Ja, natürlich."

Darauf Kurt mit einem tiefen Seufzer der Er-
leichterung: „Gott sei Dank, da bin ich wenigstens
nicht der einzige Iud."

Der Ordinarius der Ouinta diktiert den Schü-
lern, wenn sie irgend etwas aufgefressen haben
oder faul gewesen sind, eine Benachrichtigung an
den . Vater, die sie mit dessen Unterschrift versehen
zurückbringen müssen.

Neulich legt mir nun mein Jüngster ein un-
beschriebenes weißes Blatt vor und ersucht mich
zu unterschreiben.

„Ja was soll ich denn da unterschreiben?"
frage ich erstaunt.

worauf der Schlingel antwortet: „Das schreibe
ich nachher hin, Vater."

o sancta simplicitas!

Väterchen befindet sich aus einer Geschäftsreise.

von Berlin teilt er seine baldige Rückkehr mit
und unterschreibt die an seine Frau und Töchter-
chen gerichtete Karte: „Euer treuer Vater."

Am nächsten Tag trifft' eine Karte aus Magde-
burg ein mit der Unterschrift: „Euer stets treuer
Vater."

Und am dritten Tag steht unter der von Frank-
furt abgesandten Karte: „Euer ewig treuer Vater."

„Siehst du, Mutter," sagt da die kleine Sophie,
„je näher er kommt, desto treuer wird er."

Hbscbted R-Hessc

„Zufolge Verfügung S. flß. des Königs habe ich aufgebört Jbr Hmtsvorstand |u
sein. — 'jfcb glaube ganz in Ihrem Sinne zu bandeln, wenn icb Sie zu dem
Rufe auffordere: S. JR. lebe bocb — bocb — bocbl“

Liebe Jugend!

Gretl ist, wie ihr Vater, katholisch, wächst aber guten Freund, der seit einer Woche Schüler der

bei ihren Angehörigen mütterlicherseits, die Juden I. Klaffe ist. Unlängst, als wir spazieren gingen,

sind, auf. Dasselbe ist der Fall bei Kurt, ihrem kam Kurt ganz atemlos auf Gretl zugestürzt und

C

Bei etwaigen Bestellungen bittet man auf die Mülleimer „JUGENÜ“ Bezug zu nelimen.

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[nicht signierter Beitrag]: Liebe Jugend!
[nicht signierter Beitrag]: O sancta simplicitas!
Rudolf Hesse: Abschied
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