Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 19.1914, Band 1 (Nr. 1-26)

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Von Hugo Greinz

Die Stunde ist lockend und entbindet einen aller Schwere.
Man sitzt auf der Terrasse ani See, der draußen wie ein
dunkles Geheimnis ohne Glanz im Abend ruht. Nur dann
und mann blitzt ein Licht auf, fährt der lange Streifen vom
Scheinwerfer des italienischen Zollbootes über . die schwarze
Fläche, rmd man sieht Wellen glitzern. Der Himmel funkelt
von Sternen, die nicht leuchten. Sieht man eine Minute lang
hinaus in dies Dunkel, in diese grenzenlos scheinende Weite,
fröstelt man unwillkürlich. Ein Gefühl der Einsamkeit und
Verlassenheit, der verschwindenden Nichtigkeit stellt sich ein.
Man kehrt gerne wieder zurück mit den Augen.

Ringsum an den Tischen, unter blau zuckenden Bogen-
lampen, fröhliche, plaudernde Gäste, Eleganz, Lebenslust, Zugend.
Neben ihm dieses schlanke, hübsche, angenehme Mädchen, mit
der Mutter, mit einem Bruder. Eine Bekanntschaft der Reise.
Eine Woche schon trifft man sich täglich. Liegt zu dritt im
Bad und läßt sich die Sonne auf Nacken und Arme brennen,
schwimmt mitsammen hinaus, freut sich dieser jungen schlanken
Glieder, die neben einem ohne Mühe durch das grüne Wasser
vorwärtsstoßen, — oder man sitzt schweigend im Segelboot,
läßt den Wind arbeiten und träunrt von tausend Dingen. Geht
über Land, auf die Berge, komnrt staubig, schmutzig, erhitzt
nach Hause, und sitzt eine halbe Stunde später tadellos rein und
neugekleidet im Hotel.

Er denkt sich: kann es ein schöneres Kennenlernen eines
Menschen geben, als in solchen Tagen, wo er sich so vielfältig
zeigen muß, niit allen Vorzügen, die ihni die Natur mitgegeben?
Wie indianerbraun sich die glatte, weiße Haut dieses Mädchen-
gesichtes verfärbt hat! Sie würde sich schwer tun, fällt ihm
plötzlich ein, wenn sie jetzt erröten müßte.

Zwei Spieler mit Mandoline und Gitarre. Zupfen sen-
timentale italienische Weisen. Locken die Sehnsucht nach dem
Lande, das tiefer im Süden liegt, locken die Sehnsucht nach
weiblichen Gnaden, nach weichen Händen, nach heißen Blicken.
Er sieht in Leontinens Augen, da er fühlt, daß sie schon eine
Weile auf ihm ruhen. Er fängt einen Blick auf, der flehend
ist, und übermächtig gewordene Neigung verrät. Seine Hand
zuckt und) ihrer Linken, die im Schoße liegt, und dieser Hände-
druck, würde er jetzt gegeben, wäre mehr als eine Berührung,
ein Griff, eine Zärtlichkeit. Er wäre ein Versprechen, ein Ge-
löbnis, das fest und unauflöslich bindet.

Das durchfuhr ihn plötzlich: gebe ich jetzt meine Hand
auch nur ganz vorsichtig, ganz leise und kaum merkbar dort-
hin, so klammern sich schlanke braune Mädchensinger um sie,
die ihrer schon ungeduldig harren. Wenn sie auch wieder los-
gelassen würde, es wäre doch auf einmal ganz, ganz anders
geworden, lind alles ginge automatisch weiter: den Abend
über ein stummes, stets sich wiederholendes Verkrampfen der
Finger, wo sie sich nur finden, man würde nicht müde des
Spieles; dazu eine stumme Sprache der Augen, der Mund ist
qualvoll geschlossen, sodaß es fast schmerzt, und die Augen über-
hasten sich in Worten und Sätzen, — soviel könnten die Lippen
niemals sagen, so reich an Ausdruck und Einfüllen und Wand-
lungen ist die Sprache gar nicht, die ja doch nur inühselig
nachhinkt. Dann die Stunde des Nachhausegeheus. Mutter
und Bruder voran. Nu» kommen die ersten, stammelnden
Worte, die nur einen kleinen Teil jener Unendlichkeiten geben
können, in deren Besitz nian sich weiß. Zn einer Viertelstunde,
ach was, — in fünf, in einer Minute dieses allein Miteinander-
gehens wird der ganze Inhalt der Zukunft bestimmt. Die
ersten Koseworte, das erste Küssen, das erste Aneinanderdrücke»,
die ersten schmerzlich-wonnigen, durchschauernden Vorfreuden
eines Besitzes. Ellies Dinge, deren verwirrende Schönheit man
stärker und voller zu genießen meint, als je ein anderer es
getan, - Dinge, die eines verpflichtenden Händedruckes unterm
Tisch, während des Spieles dieser Mandolinen- und Gitarren-
zupfer, wohl wert wären. Leontine ist ein hübsches, kluges,
wohlerzogenes Mädchen niit allen möglichen guten Eigenschaften.
Es würde einen Mann nicht unglücklich machen.

Aber mit diesem Heiniweg am Strand, der ersten Selig-
keiten voll, ist cs nicht abgetan. Elf Uhr wird cs sein, wenn
er sich vor dein Hotel verabschiedet. Noch nie lag in öen Ab-
schiedsworten ein solcher Ton. Verheißend, sehnend, bangend,
— nein, der Ton ist ein anderer: glücklich, siegesbewußt, be-
sitzesfreudig, fast herrschend. Er küßt der Mama die Hand,
sagt zu dem jungen Gyuinasisten ein burschikoses „Servus!",
wie zu einem erwachsenen Freunde, dann wird er noch ins
Cafs gehen am Platz, der vor dem Hafen liegt. Dort ver-
bringt er allabendlich eine Stunde, an einem kleinen Tischchen
vor den Bogengängen aus alter Zeit, seine Zigarette rauchend,
in die Ferne sinnend, und sich seiner Freiheit freuend, der un-
begrenzten. Stets im Bewußtsein, über alle Möglichkeiten des

Das kitzlige Schnecklein



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