Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 21.1916, Band 1 (Nr. 1-26)

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Kindermund

Ein "Wasser rauscht, ein Wasser singt
An diesem fremden Dorf vorbei.

Sein Atem weht, sein Mund erklingt
Wie gern es hier auf Erden sei.

Im Schwarzwald ist sein Vaterhaus
Ich weil? nicht seinen ^Vanderort:
Doch lauschend lehn ich oft hinaus
Und höre seiner Quelle Wort. —

Einst bin ich drüber aufgewacht
Und habe, halb im Traumgesicht,

An einen kleinen Mund gedacht.

Der auch so klar wie Quellgrund spricht.

Nur Abends schläft er glücklich ein,
Von Mutterliebe heimgeküft.

Und träumt es froh in sich hinein.
Wie gern er hier auf Erden ist.

FRANZ LANGHEINRICH

Vergangene Cage

Bon Julie horn

Wie ich heute meinen Schreibtisch ordne, kommt
mir ein altes Buch aus meiner Kindheit in die
Hand, das einen schwarzledernen Einband hat,
auf dem in schöngeschwungenen, goldenen Buch-
staben „Poesie-Album" steht, und um die Schrift
sind lauter rote, kleine Röschen.

Mein Papierkorb ist voll von .zerrissenen
Briefen und wertlos gewordenen Dingen, die ich
seit Jahren aufgehoben hatte, und oben drauf
werfe ich nun das Buch, obne es noch einmal
anzusehen, weil ich in der Erinnerung lebe, daß
lauter alberne Verse und geschmacklose Bilder
darin sind.

Da kommt meine kleine Tochter ins Zimmer
und ich beauftrage sie, den Korb zu leeren und
ihn mir wieder zu bringen. Aber sie bleibt lange
aus, und wie ich sie nun rufe, tritt sie mit dem
Buche in der Hand aus dem Kinderzimmer heraus.

„Mama," sagt sie, „soll denn dieses schöne
Buch mit den Gedichten und den schönen Bildern
auch weggeworfen werden?"

„Welches schöne Buch?" frage ich, und plötzlich
überkommt mich ein seltsames Gefühl.

Ich sehe mich auf einer großen Wiese sitzen
mitten im Gras unter einem alten Nußbaum.
Einige meiner Kanieradinnen faßen um mich
herum und ein paar standen hinter mir und sahen
über mich gebeugt in mein Album, das ich auf
dem Schoße hielt, und hörten mir zu, wie ich
ihnen die Berfe vorlns. Sie gingen und holten
sich Bilder, die sie zwischen den Blättern ihrer
Schulbücher liegen hatten, meist Engelsköpfe Utid
Blunrenkörbe in bunten Farben, und wir klebten
sie in das Buch, waren aufgeregt und redeten
durcheinander, und jede wollte >nir in das Album
schreiben.

Hub nun fühle ich auf einmal, wie glücklich
und stolz ich damals war, wie schön ich die Bilder
und Gedichte gefunden — gerade so, wie jetzt
meine kleine Tochter.

Mann und Weib Eduard Zimmermann

<ßan Eßekred

Du bist die Sehnsucht
Und ihre Erfüllung,

Tiefe der Inbrunst
Und ihre Enthüllung.

Du führtest mich
In den Garten Gottes,

Durch die Straße des Zweifels
Und die Wege des Spottes.

Du gabst meinen Wurzeln
Erde zu greifen.

Nun Kann ich blühen
Und herbstzu reifen.

Alfons petzold

Langsam nehme ich nun dem Kinde das Buch
aus der Hand und schlage die erste Seite auf.

„Ehre Vater und Mutter, auf daß Dir's wohl-
ergehe!" steht mit fester Handschrift oben auf dem
Blatt. In der Mitte ist ein Bild. Ein Kreuz
mit roten Rosen umwunden, und darunter steht:
„Zum Andenken an Deiire Mutter."

Es war an einem Herbstmorgen, dichter Nebel
lag noch in den Gasten, und in den Stuben
brannten noch Lichter hinter feucht angelaufenen
Fenstern, als mir meine Mutter diese Worte in
das Burl> schrieb. Ich saß am Tisch und früh-
stückte, und als ich einen Augenblick ausblickte,
sah ich, wie meine Mutter die Hand vor die
Augeii legte, aus denen in großen Tropfeii das
Wasser fiel. Damals verstand ich nicht, warum sie
weinte, später aber wußte ich, daß es wegen meineui
Bruder war, der ihr viel bitteres Weh angetan
halte, und dem es in der Fremde schlecht ging.

Es ist schon viele Jahre her, aber ich sehe in
diesem Augenblick ihr tieftrauriges Gesicht ganz
deutlich wieder vor mir.

Langsam drehe ich dann das Blatt um und
mit blauer Tinte steht da ein langer Vers vom
Blünilem der Zufriedenheit, das mir am Wege
blühen möge, „gewidmet voii Deiner Dich lie-
benden Freundin Rosa Jäger."

Ich brauche lange, bis ich mir diese Freundin
in’s Gedächtnis zurück rufen kann. Eiidlich aber
fällt mir ein, daß sie ein schwarzhaariges Mädchen
war, mit bleicheni Gesicht und großen, schwarzen
Augen. Sie hatte viele Geschwister und einmal
war ihr ei» sechs Wochen altes Schwesterchen ge-
storben. Da hatte mir das Mädchen gesagt, daß
das Kind einen ganz blauen Körper habe, und
heimlich hatten wir »ns in das Zimmer geschlichen,
wo das Kind lag. Es halte ein langes, steifes
Sterbehemdchen an und neben ihn, auf dem Bette,
wo es ausgebahrt lag, waren stark riechende
Blumensträuße. Vorsichtig hoben wie dem Kind-
chen das Hemd hoch und neugierig besahen mir
uns den loten Körper des Kindes. Auf einmal
aber hörten wir im Nebenzimmer Srliritte und
schnell waren wir unter das Bett geflüchtet, wo
ich eine unsagbare Augst ausgestauden hatte.
Später hatten wir uns dann wieder leise davon-
geschlichen, aber das tote Kind und seinen blüu-
lichen Körper hatten wir uns noch einigemal
hei,»sich angesehen.

„Lerne beten, gehorchen und arbeiten!" steht
auf einer der nächsten Seiten, van meinem „treuen"
Vetter Emil. Ob er selbst manchmal gebetet hat,
das weiß ich nicht, gehorcht und gearbeitet hat er
nie. Er hat mir diese Widmung auch wohl nur
geschenkt, weil ihm nichts Besseres eingefallen war.

Dann kommt ein Gedicht von einer mich „ewig
und treu liebenden Freundin Luise Müller." Das
preist die Sauftniut, Elternliebe, doch das höchste
Kleinod sei, Frömmigkeit und Herzensgüte.

Ach. diese „Freundin" war ein so heimtücki-
sches und verlogenes Geschöpf, das später große
Betrügereien gemacht und sich dann umgebracht hat.

Es war an einem Tag im Juni, als die mir
diesen Reim widmete.

Wir gingen zusammen die Landstraße entlang,
die a» meinem elterlichen Haus vorbeiführte, und
die Sonne war schon hinter den Bergen ver-
schwunden. Ich hatte ein leichtes, hellblaues
Waschkleidchen an, das de» Hals frei ließ, und
ich sprach gerade davon, wie ich mich vor Mäusen
und Schlangen fürchte, als das Mädchen sich
bückte, etwas nufhob und mir oben am Hals in
mein Kleidchen steckte. Es fühlte sich kalt an
und ich spürte, wie es sich an meinem warmen
Körper bewegte. Und wie ich nun ängstlich an-
fing zu schreien und zu fragen, was das fei, sagte
sie mit einem bösen Lächeln, „Eine Kröte."

Ich schrie, was ich konnte, zerrte an meinem
Kleid und dann vergingen mir die Sinne und
kalter Schweiß trat mir auf die Stirne. Da
mochte das Mädchen wohl gesehen haben, was
sie angestellt hatte, denn sie riß mir das Kleid
auf und langte das Tier wieder heraus. Als ich
niich dann wieder beruhigt hatte, sagte sie, sie
wolle mir ein schönes Gedicht in mein Album
schreiben, wenn ich nichts von dem eben Erlebten
meiner Mut, er sage.

So wende ich ein Blatt nach dem andern um
und lese, was mit ungelenke» Kinderhündchen ge-
schrieben worden ist; und immer mehr breitet sich
jene Zeit vor mir aus mit all ihren Freuden und
Schmerzen.

Ich sehe niicl> wieder im kurzen Kleidchen mit
meinen Gespielinnen über Wiesen und Felder
springen und an heißen Sommertagen unter Bäu-
men liegen und durch ihr Geäst in den blauen
Himmel hinaufschauen, wo hoch oben die Schwal-
ben zwitschernd hin und her flogen.

Auch eines bitterkalten Winters erinnere ich
mich, da zu mir eine jener Freundinnen gesagt
hatte, ich solle einmal den eisernen Brunnen ver-
kosten, wie süß der im Winter sei. Und da ich

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Franz Langheinrich: Kindermund
Eduard Zimmermann: Mann und Weib
Alfons Petzold: Ein Ehelied
Julie Horn: Vergangene Tage
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