Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 26.1921, Band 1-2 (Nr. 1-31)

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Der schaukelnde ©tümpfltng

Von Carl 3 • Luther-München

Es war im Friedenswinter 1920, daß der Liter Alkohol nur neuirzig
Pfennig kostete. Wie? Ja, so billig war der Alkohol, daß wir endlich
einmal unsere norwegischen Rucksäcke ihrer eigentlichen Bestimmung
zuführen konnten. Norwegische Rucksäcke haben nämlich rechts und links
je eine tiefe schmale Flaschcntaschc, weil Norwegen eines der abstinen-
testen Länder ist.

Wohl ausgerüstet, vermessen, abgewogen, ja plombiert zogen wir los.
Wahrlich nicht zu unserem Vergnügen. Im Gegenteil. Wir stairden,
aßen, tranken, schliefen und liefen im Dienste der Wissenschaft Mein
Freund Bee von der Technischen Hochschule strebte nach dein Dipl.-
Ing. und Dr.-Ing, rmö wir waren die Versuchskaninchen für seine
Arbeit über Skisorm und Skitechnik. Deshalb wurden wir vor jeder
Fahrt vermessen uird vermögen, damit ja nichts, keine allzu schwere
Tasche links, keine Konservenbüchse rechts iin Rucksack, das statische
Gleichgewicht störe. Deshalb auch waren die Flaschen in den Rucksack-
taschen durch ein System kommunizierender Röhren verbunden, damit
ei» Schluck rechts sofort links den notwendigeir Ausgleich schassen könne.

bind plombiert und auf Retorten und Reagenzgläser angewiesen waren
wir durch Den Willen des Geheimrates Zumpf, der in uns nur Stoss-
wechselmaschinen sah für seine Versuche über den Einfluß des Alkohols.

Es waren die herrlichsten Skitage, die wir so, begeistert für Wissen-
schaft und Technik, in den Schlierscer-Bergen verbrachten.

Wir kamen aus unserem Bege sterungsrausch überhaupt nicht mehr
heraus.

Als wir eines Tages auf der Fürstalm den Inhalt unserer kommu-
nizierenden Flaschen um zwei Teilstriche tiefer gesogen hatten und uns
der Gehcimrat eben die Nasen mit Ouetschhähnen zliklemmte und den
Atemmeß-Schlauch in die plombierte Mund-Fassung eknschrauben wollte,
da kollerte, purzelte, zischte, wischte, quirlte, heulte und jodelte aus ein-
inal, d. h. erheblich nach und nach ein Halbmüller'scher Skikurs über den
großeit Stümpflinghang herab. Voran als bester Schüler der junge
Vanderbild aus New-Pork, als Lumpensammler hinterher in famoser
Schußfahrt Halbmüller. — Dicht vor uns hielt er im Schwung, strich
sich aufatmend daö Haar zurück und rief lachend: »Herrgott, wär das
fein, wenn sich der Stümpsling jetzt um-
kehren würde und wir die Fahrt noch
einmal machen könnten!"

„Uii?" fragte Vanderbild.

Und Halbmüller erklärte, daß das ei-
nes jeden Skiläufers Wunsch nach einer
schönen Abfahrt sei: was jetzt unten,
sollte gleich wieder oben sein, damit die
Abfahrt ins Unendliche verlängert werde.

»Herrlich wär das," spuckte ich mei-
nen Kanaldeckelverschluß vom Munde.

„Großartig!" schneuzte sich mein Ka-
merad den Quekschhahn von der Nase,
und mit des Geheimrats Versuchen war
es für diesen Nachmittag vorbei.

Der junge Vanderbild aber meinte
sinnend: »Das ist doch zu machen,
meine Herren!"

»Ui?" riefen wir einstimmig.

„Oh, a little amerikanisch," lachte
Vanderbild, „Uir uerden sehen!"

In der SVM Hütte, unser»: Stand-
quartier und Laboratorium, setzte uns
Vanderbild unter dem Siegel der Ver-
schwiegenheit einen genialen plan aus-
einander,- dabei ging der Rest des für die
physiologischen Studien bestimmten Al-
kohols gänzlich in Begeisterung auf.

Acht Tage darauf war das ganze Ge-
biet rim den Stümpsling herum aufge-

kaust, vierzehn Tage später stacheldrahtumzäunt, die Stümpsling
Swing Company Ltd. gegründet und die im Gebiete ansäßigen und
„arbeitenden" Skivercine so glänzend abgefunden, daß sie sich in der
Stadt die schönsten künstlichen Skibahnen bauen konnten. Vanderbild
weilte indessen in Ainerika, kam aber schon nach zehn Tagen Abwesen-
heit mit einem Kurierflugboot der Occan Aera Company und mit
Ingenieuren, Arbeitern und Maschinen zurück, und sofort begann hinter
Ioscphsthal eine fieberhafte Tätigkeit. Hermetisch verschlossen und mit
Reichswehrtruppen zuverlässig, absolut zuverlässig bewacht waren rings
alle Zugänge. Voir der Rotwand und von: Wallberg aus suchten fcrn-
glasbewehrte Neugierige vergeblich zu ergründen, was drüben am
Stümpfling geschehe.

Man kennt die Vorsichtsmaßregeln großer chemischer und indu-
strieller Werke, welche selbst leitenden Persönlichkeiten den Weg zu und
von den Arbeitsstätten genau vorschreiben und kein tinberufencs Auge,
keilten Arbeiter der einen in die andere Abteilring sehen lassen. Ihre
Vorsicht ist Kinderspiel gegen die Absperrmaßregeln der Stümpfling
Swiitg Company Ltd. Alle Arbeiter wohnten innerhalb der Stachcl-
drahtumzäunung. Die ganze Zufuhr erfolgte durch Flugzeuge und Luft-
schiffe, die überdies nur nachts kamen und gingen, und wie alles, was
sich im Gebiete bewegte, von den dauernd überm Stümpfling kreisenden
Überwachungs-Flugzeugen kontrolliert wurden.

Dcniroch gelang es einem schweizerischen Ingenieur die Blockade zu
brechen. Ehe er aber Wesentliches gesehen, war er schon entdeckt und gefaßt.

Übrigens gab es selbst für Eingeweihte weirig zu sehen, da die Arbeits-
stellen geschickt verkleidet und die Arbeitsweisen rätselhaft waren. Nur
ein in 3osephstal unten in wenigen Wochen eisenbetoniertes und aus dem
Spitzingsee gespeistes Kraftwerk war jcdein offeitkundig und schließlich
ein ebenda mündendes Kanalrohr, das ununterbrochen Schlamm spie
und eine riesige Muhre vorschob. — Heut' kann ich's ja verraten: Alle Erd-
und Felsarbeiten und Platzschaffung für die Maschineneinbauten erfolgten
durch elektrisch-chemisch-hydraulische Unterwühl- und Spülmaschinen.

Als endlich, Mitte März, an Stelle der SVM Hütte schwammerling-
schnell ein Ricscnhotel emporwuchs und auf dein Stümpflinggipfel ein

kleiner eleganter Pavillon entstand, hörte
unten das Schlanunrohr zu spucken auf,
und die Bctriebseröffnung war da.

Unmittelbar vor dem Gipfelpavillon
empfing Vanderbild die mit dem Zepp
„Bodenschneid" herbeibeförderten Eh-
rengäste, die Vorsitzenden sämtlicher Ski-
und Alpenvcreinc, die Filmopcrateure
und die Spitzen der Behörden, natürlicb
auch zahlreiche Damen, alle skibewehrt.
Nach einer kurzen Begrüßung durch
Vanderbild und einigen sachlichen Er-
klärungen seines ersten Ingenieurs und,
nachdem die Erschienenen zu ihrem Er-
staunen sestgestellt hatten, daß sich, abge-
sehen von dem Gipfelpavillon und dem
Palasthotel jenseits des Eszeha-Grabens
(Decknamen für den wohlbekannten
„Sch .. ßgraben"), in der Gegend nichts
Wesentliches geändert hatte, bat ich die
Gäste — denn mir war der ganze Ski-
bctrieb des Unternehmens unterstellt —
die Abfahrt zum Stümpflingsattel anzu-
treten. Nur Vanderbild und sein erster
Ingenieur blieben am Gipfel zurück.

Es war ein seltener Genuß, nach lan-
ger Zeit wieder einmal und zudem in
Gesellschaft so guter Läufer — der Kul-
tusminister war damals einer der ersten
Skrmeister Müirchens, von den übrigeir


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Karl J. Luther: Der schaukelnde Stümpfling
Gerhardt Hentrich: Schlittschuhläuferin
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