Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 26.1921, Band 1-2 (Nr. 1-31)

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Geschäfte im Osten

8rau Kufd)l ist neulich in ihrer un-
garischen Heimat gewesen. Außer einer
echten Salami brachte sie mir eine Ge-
schichte mit. Va ich die Wurst meinen
Lesern nicht mehr anbietcn kann, sollen
sie wenigstens die Geschichte hören. Sie
handelt vonLöbRasenpickcl inikzerno-
wlh und seinemGeschästesrcund Daniel
Spitzer in Tarnopol.—£öb Rascnpickel
machte in Vamenkonscktion. St hatte
zwar keine festen Grundsätze, er hatte
auch keinesestcnpreise,aber cinvamcn-
konscktionsgeschäflsinhaber weih, wie
wandelbar die Anschauungen dieser
Welt sind: die weiten Rock', die heute
modern sind, werden morgen Laden-
hüter sein. Und die Blusen, um die sich
heute ganz ikzernowih reißt, sind mor-
gen unverkäuflich, passd und erledigt.

löb Rasenplckcl hatte—Gott wollte
ihn damit strafen! — einen Lehrling.

Ss gibt viele Rindviecher aus der Welt,
und die Lehrlinge pflegen keine Wun-
derrabbis an verstand zu sein. So ein
Rindvieh, wie der Rathan Meyer, gabs
aber im ganzen Stande der Lehrlinge
nur alle Schaltjahre einmal. Wollte ich
hier berichten, was Löb Rasenpickel von seinem Lehrling hielt,
dann müßte ich sieben Zeilen Verbalinjurien aneinandeireihen.
Ich schenk mir die Mühe und begnüge mich zu erzählen, daß
Rathanleben eine große Schachtel Neuangekommener Blusen —
letzte Mode, genannt: Paris in ikzernowih — daß dieser von
Jehova im Zorn erschaffene Rathan diesen Posten neuer Blusen
ganz zu unterst aufs Lager legte, ausgerechnet zu den Laden-
hütern vom vorigen Zahre! Ss kam natürlich kein Mensch aus
die Zdce, hier die neuesten „creations" zu juchen, und jo ver-
ging die Zeit, es verging das Zahl, cs verging die Mode, und

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iin FrankfurtJfa u. JicrJ/riS.\\(Gl

und erst bei der großen Inventur entdeckte Löb Rasenpickel die
ganz und gar vergessene Pracht. Rathan Meyer schwor zwar,
er wäre unschuldig, aber — selbst wenn er wirklich sich schul-
dig bekannt hätte — der Schaden war nun mal nicht mehr gut
zu machen, und hätte der große Lhef auch den Rest des Lehr-
lings-Taschengeldes von z o Rronen monatlich auf Lehrzeits-
dauer zurllckbehalten. der Schaden war riesig, der Schaden war
uneinbringlich, der Schaden war.... halt! Löbchen kraulte
sich das Röpfchen. „Gewiß, in ikzernowih waren die Blusen
nicht mehr abzustoßen, aber — gibts nicht auch noch eine Pro-

vinz? Zst man dort so anspruchsvoll
wie in der Metropole, wie in ilzerno-
witz ? Löb Rasenpickel hatte im Ru einen
Ausweg gesunden. Oer hieß: Daniel
Spitzer, Warenhaus in Tarnopol.

Wie aber, wenn Spitzer Lunte roch.
Man mußte ihm die Sache auf irgend
eine Art besonders schmackhaft machen.
Löb kraulte noch intensiver seine Haup-
tcszier. dann bohrte er etwas in der
Rase, reinigte auch die Hörmuscheln,
und dann — dann hatte er's. Und
tat also: Sr verpackte zwanzig Stück
Blüschen fein säuberlich zusammen
und legte einen Wertbrief bei, ln
dem er seinem Geschäftsfreunde aus-
einandersehte, daß er ihm zehn Stück
von dieser neuesten und modernsten
' Ware zu einem Ausnahmeprcise zu
offerieren ln der Lage sei. der Preis

betrage.Run, der Preis war

wirklich ein Ausnahmepreis, denn er
war doppelt so hoch wie früher. So
betrug die Rechnung sür die ange-
botcnen zehn Blusen ebenso viel, wie
sie, unter ehrlicheren Umständen, für
zwanzig Stück betragen hätte. Zwan-
zig Stück aber enthielt ja der Rar-
ton. D, Löw war ein ehrlicher Mann.
Spitzer aber würde, so kalkulierte er, zwanzig Blusen statt der
angegebenen zehn vorfinden, ein veijehen vermuten und sofort
zugreifen. Beruhigt ging Löb Rascnpickel schlafen.

Viel Tage später kam Antwort aus Tarnopol. der Blusen-
karton kam retour. Und ein Brief des Bedauerns, Spitzer
hätte sür die angebotcnen zehn Blusen leider keine Verwen-
dung. Sr schickte sie zurück.

Als Löb Rasenpickel das Paket aufgejchnürt hatte, da fand
er sie. da fand er ... D, du Schuft, du Spitzer du ... da
fand er-zehn Blusen. Richard Rieh

Bei etwaigen Be-tellungen bittet inan auk ckie Münchner „Jugend" Bezug zu nehmen
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Richard Rieß: Geschäfte im Osten
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