Jugend: Münchner illustrierte Wochenschrift für Kunst und Leben — 43.1938, (Nr. 1-52)

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J U G E

4 3. JAHRGANG

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i-ybcit fco ik ju openbar", steht auf
fcem Schilde des Rolands zu Bremen. Ich
künde euch die Freiheit! Das Bewußtsein,
ein freier Bürger einer freien Stadt, in
einem freien deutschen Reiche zu sein, er-
füllt jeden Bremer mit Stolz.

„Ma bonne ville de Breme a un tres
mauvais esprit“, zürnte Napoleon einmal
über die Störrigkeit der Bremer. „Ja",
meinte der Gründer Bremerhavens, der
spatere Bürgermeister Johann Smidt,
„gezwungen tun die Bremer nichts. Gebt
ihnen das Bewußtsein ihrer Freiheit und
ihr werdet sie zu jedem Opfer bereit
finden."

Die Bremer sind Niedersachsen. Dort,
an der Unterweser, entstand der Spruch:
Ehre ist Zwang genug. Das stolze Be-
wußtsein persönlicher Freiheit und persön-
licher Verantwortung drückt stch auch im
Stadtbild, in der Bauweise Bremens aus.
Die Stadt hat den edelsten Gemeinschafts-
bau, das schönste Rathaus Deutschlands,
und manch anderen ragenden Zeugen einer-
großen Vergangenheit. Mietskasernen
gibt es in Bremen fast gar nicht. Jede
Familie wohnt in ihrem eigenen Hause.
Bremen ist die Stadt, in der
selbst der Arbeiter sein eige-
nes Haus h a t. Die großen Ein-
familienhäuser sind wohl in der Woh-
nungsnot der letzten Jahre öfter zu
Zweifamilienhäusern umgebaut worden.
Das Stadtbild aber wird wie in keiner
anderen Stadt Deutschlands durch die
Einfamilienhäuser beherrscht. Die Be-
zeichnung Villa kennt der Bremer nicht,
warum ein Fremdwort; Er wohnt in
seinem „Hause", das frei oder an der
Straßenzeile steht, fast stets mit einem
Vorgarten und einem kleinen Garten da-
hinter. Diese Däuser haben in der Regel
Haustüren mit großen Glasscheiben, ohne
jene Schlösser und Riegel, die anderorts
üblich sind. Es ist die Stadt der gläsernen
Düren.

wer in ein solches Haus eintreten will,
muß zuerst das Grundstück betreten, in-
dem er durch den Vorgarten geht. Solch
ein blumengeschmückter Vorgarten ist
meistens schmal; aber doch nicht mehr
Straße. In der Stadt mit 340 000 Ein-
wohnern gibt es kaum ein paar hundert
„Etagenhäuser", wie in anderen Städten,
wie elegant solche Wohnungen auch sein
mögen: der Bremer bezeichnet sie mit-
leidig als Mietskasernen. Dem freiheit-

liebenden Bremer ist das armselige Arbei-
terhäuschen mit einem einzigen Innen-
raum lieber als die prächtige Zwölfzimmer-
wohnung am Rurfürstendamm, wo soll
man denn auch in einer Mietwohnung die
Rinder spielen lassen; Das Bremer Haus
hat seinen Vorgarten und seinen Garten
hinter dem Hause, wenn auch in kleinen
Ausmaßen.

Das ist allerdings nur möglich in einer
Stadt, wo es keine Gr u n d st ü ck -
spekulation in dem Sinne gegeben
hat wie seinerzeit in Berlin oder auch in
Hamburg. Nicht die anonyme Aktien-
gesellschaft beherrschte die bremische Wirt-
schaft, sondern der selbstverantwortliche
„königliche Raufmann". Auch die Indu-
strie wuchs aus diesem Raufmannstum
heraus. Trotz ihres starken Verkehrs mit
dem Auslande und ihrer Gastlichkeit ge-
genüber Fremden blieben die Bremer
unter sich. So durfte noch im 19. Jahr-
hundert kein Jude in Bremen wohnen.
Als die Bremer in der ersten Hälfte des
vorigen Jahrhunderts bei Rothschild eine
Anleihe zum Ausbau Bremerhavens auf-
nahmen, mußte dieser vor den Stadttoren
übernachten und wurde erst am nächsten
Morgen zur Weiterführung der Verhand-
lungen wieder hereingelassen.

Von jeher werden in Bremen die Men-
schen nach ihrer Persönlichkeit, nicht nach
ihrem Titel eingeschätzt. Das stolze Be-
wußtsein, Bremer Bürger zu sein,
verband alle Bremer zu einer Gemein-
schaft. Es war der größte Ehrentitel, den
Bremen zu vergeben hatte. Der Gemein-
sinn der Bremer zeigt sich vor allem in
der Freigebigkeit der Stiftungen für ihre
Vaterstadt. Bis zum Weltkriege waren
die einzigen Titel, die man in Bremen
kannte: Bürgermeister, Senator, Richter,
Ronsul, Doktor, Rapitän und Pastor.
Seit i6oü war es den Bremer Bürgern
verboten, fremde Titel und
E h r u n g e n a n z u n e h m e n oder sich
adeln zu lassen. Man erinnert sich noch
an das Entsetzen eines Hofmarschalls und
hohen Großherzoglichen Würdenträgers,
der Bremen besuchte und wohlwollend mit
„Herr Lakai" angeredet wurde. Auch heute
noch wird ein Oberamtsgerichtsrat oder
Rammergerichtspräsident einfach mit Herr
Richter angesprochen.

Bremen ist ein Ausfallstor Deutsch-
lands in die Länder und Meere der Welt
und war von jeher Träger des

R e i ch s 9 e d a n k e n s. Buten und Bin-
nen, wagen und winnen ist der Leitspruch
des Bremer Raufmanns. Lange Zeit hin-
durch beherrschte Bremen den Nord- und
Ostseehandel. Riga, die erste große Ost-
seekolonie der Hanse, ist eine Bremer
Gründung. Deutsch-Südwest-Asrika, die
erste Rolonie des neuen Raiserreiches,
wurde von dem Bremer Lüderitz gegrün-
det, und auch an dem Aufblühen der übri-
gen Rolonien war Bremen maßgebend be-
teiligt. Bremer waren es, die den ersten
Brasiltabak pflanzten und einführten. Die
rot-weißen Streifen der Bremer Flagge
erkor sich das befreite Amerika als Ban-
ner. Der Schöpfer der ersten deutschen
Flotte war der Bremer Arnold Duckwitz.
Bremische Gründungen und Unterneh-
mungen finden sich in der ganzen Welt,
und in dem wiedererstarkten Reiche Adolf
Hitlers nennt Bremen sich mit Stolz die
Stadt der deutschen Rolonien.

Den Bremern, die aus dem Auslande
heimkehrten, war es ein Bedürfnis, mit
ihren Mitbürgern geselligen Verkehr zu
pflegen, und so entstand ein Bremer Rlub-
leben, das viele Nichtbremer an England
erinnerte, das sogar als Ausländerei aus-
gelegt wurde. Aber dieses Leben ist völlig
bodenständig und deutsch, Nach Ansicht
der Bremer ist es nicht von England her-
übergekommen, sondern den umgekehrten
weg gegangen. Denn die Unterweser ist
der Stammsitz der Sachsen, die mit den
holsteinischen Angeln nach England wan-
derten. Von hier aus zogen die Angel-
sachsen nach dem Westen. Der Einfluß der
Hansestadt wirkte auch später noch auf
Englands Werdegang. Bis zu den Zeiten
der Ronigin Elisabeth war der Staalhof
der deutschen Hanse der erste Handelshof
in London. Es ist deshalb nicht verwun-
derlich, daß sich in den angelsächsischen
Ländern Züge finden, die mit dem Bremer-
Leben manches gemein haben.

Die Bremer sind nicht orthodox und
radikal. Bremen war seit Luthers Zeiten
die Stadt der unabhängigen und freireli-
giösen Bekenntnisse. Die protestantischen.
Pastoren, die der hannoverschen Landes-
kirche zu „frei" waren, fanden ein Asyl in
Bremen. Alles ist den Bremern willkom-
men, was an alte, ge r m a n i s ch e
Ü berlieferung e n anknüpft. Die
Niedersachsen halten zäh an ihren Sitten
und Gebräuchen fest. Sie begrüßen Neues
mit Mißtrauen, haben sie aber einmal

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E. R.: Die Stadt mit den gläsernen Türen
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