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Kandinsky, Wassily
Kandinsky: 1901 - 1913 — Berlin, 1913

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https://doi.org/10.11588/diglit.27676#0009
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AN KANDINSKY

Seele nun sieh gleich dem leuchtenden Morgen
Offen uni Gipfel erblühtes Bunt
Keinerlei Ding doch bezwungen verborgen
Ursinn von Feuchte und Dampf und Grund

Welch Gefüge das Flammen zerreißen
Welch ein Gepralle von Seufzern geduckt
Linien die schneidend den Abgrund zerreißen
Ringelndes Weben das Lüfte durchzuckt

Himmel und Erde Geheimes verheißen
Äther und Trübung quirlend in Eins
Dunkel Gedröhn aus den Tiefen die kreisen
Himmlische Weide voll zitternden Scheins

In mir empfangen die Pole einander
Knisternder Funke schweißt Gluten hinein
Nimmer für mich der antike Meander
Mein von den Blitzen das Zick-Zack Gebein

Was gilt es mir ob Formen sich klären
Ob Euer Kind-Herz Gewesenem anhangt
Wo sich in Farben dem Auge gebären
Wunder: das Seele zwie seelig vor - bangt

Wunder das All in Bewegung verflossen
Sichtbare: Drinnen ihr Spielgesell
Ewiger Wechsel enthüllt und verschlossen
Stürzet in uns ein endloser Quell

Quelle des Alls sein flutendes Leben
Wirbel und Wurl von Färb und Gezack
Mit ihm zerrinnen wir mit ihm verweben
Wir in ein strömendes Glimmer - Geflack

Dies unser Wesen, das Licht und die Glänze
Wo sich fahren und formen verloren
Wo inmitten der endlosen Tänze
Augenblicks Starre kein Nu sich erkor.

Albert Verwey

(übertragen: K. W.)
 
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