Adamy, Rudolf
Kunstdenkmäler im Grossherzogthum Hessen: Inventarisirung und beschreibende Darstellung der Werke der Architektur, Plastik, Malerei und des Kunstgewerbes bis zum Schluss des XVIII. Jahrhunderts: Provinz Oberhessen: Kreis Friedberg — Darmstadt, 1895

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Die Verthpidi-
Burg

180

KREIS FRIEDBERG

Durch die Thorhalle, den einzigen öffentlichen Weg, das Innere der Burg
betretend, befinden wir uns in jenem länglichen, von Westen nach Osten sich er-
streckenden, im Norden und Süden von mannigfachen ruinenhaften Gebäuden um-
grenzten und an den beiden Schmalseiten von je einem hohen Rundthurme bestandenen
Platz, der als einer der schönsten und weiträumigsten früh - mittelalterlichen Burg-
höfe zu gelten hat. Der würdigen und ebenso lebensvollen Pracht der romanischen
Wohnbauten und der leichteren der gothischen, gesellt sich die durchaus ernste
und trotzig wehrhafte der Vertheidigungsanlagen. Kaum eine zweite Burg Deutsch-
lands hat die Doppelseitigkeit mittelalterlichen Hoflebens, den Hang zum fröh-
lichen Genüsse und die ständige Kriegsbereitschaft, in gleich edler und ausgeprägter
Weise zum Ausdruck und diesen bis auf unsere Tage gebracht.
Die Vertheidigungsanlagen der Burg bestehen aus Ringmauern mit Wehr-
gängen und Zinnen, zwei Bergfrieden und aus Vorwerken. Der westliche Theil
der Burg hat nur einen Wehrgang, dessen Mauer in wenig regelmässigem Mauer-
werk grösstentheils aus Säulenbasalt hergestellt und in neuerer Zeit vielfach geflickt
und durch Streben verstärkt ist. Dieser Wehrgang zieht sich an der Südseite des
Palas und der anstossenden Bauten hin, folgt mit seiner durch Zinnen bewehrten
Brüstungsmauer der östlichen Rundung der Burganlage und tritt an der Nordseite
bei A (des Grundrisses), wo die Ringmauer sich nicht schliesst, sondern mit ihren
Endstücken neben einander herläuft, wieder in den
inneren Burghof, wo er sich, jedoch hier höher gelegen,
bis zu dem sogenannten Falkensteinerbaue fortsetzt.
Vor Errichtung des letzteren schloss dieser Wehrgang
sich zweifellos dem der westlichen Rundung an. Da
wo die Ringmauerenden an der Nordseite neben ein-
ander herlaufen, beginnt ein zweiter innerer Wehr-
gang, der bedeutend höher gelegen ist, als der äussere;
er war allem Anscheine nach hier auf einer Treppen-
anlage zu ersteigen, setzte sich um den östlichen Berg-
fried fort, sich unmittelbar an diesen anlehnend, und
endete an der Südseite der Burg vor der Ostmauer
der Kapelle. Hier (Fig. 108) konnten die Vertheidiger
des oberen Wehrganges über die Köpfe der Ver-
theidiger des unteren hinweg den Feind wirksam be-
schiessen, der an dieser schwächsten Stelle der natür-
lichen Lage der Burg am erfolgreichsten einen Ansturm
wagen durfte. Die Zinnen der aussen mit Buckelquadern
bekleideten Brüstungsmauer sind noch zu erkennen,
die Oeffnungen zwischen ihnen jedoch mit Basaltmauerwerk geschlossen. Unter
ihnen und über dem unteren Wehrgang sind in der Mauer einige schiessschartenartige
Oeffnungen. Unsere Abbildungen (Fig. 107 u. 108) verdeutlichen diese ebenso
einfache wie sinnreiche Gestalt dieser Wehranlagen, von der die aussen mit mächtigen
Buckelquadern bekleideten oberen Zinnen und die sie tragenden Mauern in gleichem
Gewände den Eindruck unverwüstlicher Kraft erwecken. Die Brüstungsmauern dieser
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