Adamy, Rudolf
Kunstdenkmäler im Grossherzogthum Hessen: Inventarisirung und beschreibende Darstellung der Werke der Architektur, Plastik, Malerei und des Kunstgewerbes bis zum Schluss des XVIII. Jahrhunderts: Provinz Oberhessen: Kreis Friedberg — Darmstadt, 1895

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MÜNZENBERG

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selbständigen Pfarrkirche an dieser Stehe bestand, in dem östlichen Theiie eine Erwei-
terung, welche mit der Selbständigkeit oder dem Wachsthum der Gemeinde zusammen-
hängt. Da mit diesem dritten stärkeren Pfeiler und dem zugehörigen höheren Bogen
zugleich eine Erhöhung des Mittelschiftbodens eintritt, so liegt die Vermuthung nahe,
dass hier die Anlage eines Querhauses erfolgte, welches durch die erweiterten
gottesdienstlichen Bedürfnisse erforderlich geworden war. Mit diesem Querhause
waren alsdann kapellenartige Räume zur Aufnahme zweier Altäre verbunden, wo-
durch sich der schmale vierte Pfeiler erklärt. Diese kapellenartigen Räume sind
noch jetzt vorhanden; der südliche ist in der Höhe des Seitenschiffes mit einem
Kreuzgewölbe überdeckt und der nördliche, im Uebergangsstil des iß. Jahrhunderts
umgebaut, stellt sich als Ciborienaltar (Fig. ißß) dar, dessen nach innen vortretende
und mit einem Rundstab profilirte Rundbogen auf einer
schlanken Säule ruhen, die mit ihrer vortretenden Teller-
basis auf einem über einer Platte mit Schräge befind-
lichen Würfel steht und ein Kapitäl mit acht Knospen
hat. An der Nordmauer trägt den Rundbogen eine mit
Blättern verzierte Konsole. Ueber dem Rundbogen sind
noch die Anfänge von Giebelaufsätzen sichtbar und im
Innern ist dieser kleine Raum gleich dem entsprechenden
südlichen mit einem Kreuzgewölbe überdeckt.
Mit dieser Anlage haben wir eine dritte Bauperiode
berührt, der auch der Chorraum, der untere Raum des
im Uebrigen frühgothischen Thurmes, angehört. Dieser
ist von einem Kreuzgewölbe mit Diagonalrippen über-
wölbt ; die letztem ruhen in den Ecken auf Konsolen
mit verschiedenartigen Knospenverzierungen, deren Aba-
kus das Profil der Kämpfer des Triumphbogens oder
des zweiten Arkadenpfeilers hat. Der Rippenanfang über
den Konsolen ist durch Schilde in der Gestalt des Quer-
schnittes der Rippen maskirt. (Fig. 134.) Die Fenster
dieses Chorraumes, welcher der Mitte des iß. Jahr-
hunderts zugeschrieben werden kann, stehen in Ueber-
einstimmung mit der inneren Anlage. In der Nord- und Südmauer befindet sich
je - ein schlankes Spitzbogenfenster, in der Ostmauer jedoch innerhalb eines grossen
Spitzbogenrahmens zwei schlanke Rundbogenfenster.
Die Fenster des Langhauses zeugen von den gewaltsamen Veränderungen,
welche hier zu verschiedenen Zeiten vor sich gegangen sind. Dem ältesten Baue
gehört kein einziges mehr an. Rechteckige und spitzbogige Fenster, in ungleicher
Höhe gelegen und unter sich durchweg ungleich, bald schlanker und schmaler, bald
gedrungener und breiter, wechseln willkürlich mit einander. Die Fenster in der
Nordmauer gehören wahrscheinlich dem Umbaue an, der bald nach Einführung der
Reformation im Jahre ißßQ stattfand, dem auch die Ueberwölbung aus Holz zu-
zuschreiben ist. Die Vorliebe für den Spitzbogen, welchen die Fenster noch haben,
erhielt sich hier, wie die Kirche in dem nahe gelegenen Dorfe Wohnbach beweist,
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