Schäfer, Georg
Kunstdenkmäler im Grossherzogthum Hessen: Inventarisirung und beschreibende Darstellung der Werke der Architektur, Plastik, Malerei und des Kunstgewerbes bis zum Schluss des XVIII. Jahrhunderts: Provinz Starkenburg: Ehemaliger Kreis Wimpfen — Darmstadt, 1898

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EHEMALIGER KREIS WIMPFEN

licher noch spricht der Geist der anbrechenden neueren Kunstweise aus den leider
schwer beschädigten kleinen Genien in den oberen Zwickeln der Tafel. St. Urban er-
scheint mit der päpstlichen dreifachen Krone auf dem Haupte und dem an die Schulter
gelehnten dreifachen Papstkreuz. Er deutet mit der Rechten auf die von der Linken
getragene heilige Schrift. Als Attribute liegen Weintrauben auf dem Buche, was
augenscheinlich auf einer Verwechslung mit dem Winzerpatron St. Urban, Bischof

von Langres, beruht. Im
Gegensatz zur bewegten Fi-
gur des Täufers Johannes
ist St. Urban in würdevol-
ler Ruhe aufgefasst. Auch
in dieser Komposition we-
ben schon renaissancemäs-
sige Züge. Im Faltenwurf
des reichen Pontifikalorna-
tes hingegen sind gothisi-
rende Motive deutlich er-
kennbar. Am meisten, ja
fast durchweg ist die orna-
mentale Ausstattung des
Flügelaltars von der Re-
naissance beeinflusst, aller
Wahrscheinlichkeit nach in
Folge einer Erneuerung des
Gehäuses. Die Grau in Grau
gemalten Verzierungen auf
der Predella, mit munteren
Genien als bogenbewehrte
Schützen und Füllhorn träger
in Arabcskengebilden, be-
kunden durch die beigefügte
Jahrzahl 1519 die kunstge-
schichtlich bemerkenswerthe
Thatsache, dass die zeich-
nerische und malerische Re-

,. , _, ... naissancekunst schon zu ver-

Fig. u. Wimpfen a. B. Evangelische Pfarrkirche.

Steinernes Sedile, Dreisitz, im Chor. hältnissmässig früher Zeit

ihren Einzug in die kunst-
liebende Reichsstadt gehalten und daselbst eine achtbare Stufe der Ausbildung
erreicht hat. Die Plastik, wiewohl ebenfalls der Renaissance zugeneigt, hielt damit
nicht gleichen Schritt. Denn die Fruchtschnürc und die Engelfigurinen am Podium
der gothischen Pietasgruppe und über den Figurenpaaren auf den Innenseiten der
Altarflügel können sich in künstlerischem Betracht nicht entfernt mit der malerischen
Dekoration der Predella messen. Das Nämliche gilt von den über der Pielas
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