Schäfer, Georg
Kunstdenkmäler im Grossherzogthum Hessen: Inventarisirung und beschreibende Darstellung der Werke der Architektur, Plastik, Malerei und des Kunstgewerbes bis zum Schluss des XVIII. Jahrhunderts: Provinz Starkenburg: Ehemaliger Kreis Wimpfen — Darmstadt, 1898

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"WIMPFEN A. B.

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thümcrn und Reliquien bei feierlichen Anlässen, theils zu obrigkeitlichen Kundgebungen
in bürgerlichen Angelegenheiten der freien Reichsstadt.

Bevor die Nordseite des Langhauses ihren Hauptzug beginnt, ladet sie Langhaus, Nord-

. seite

am romanischen Thurm 2,45 m aus, setzt dann im rechten Winkel um und schlägt
die Richtung gen West ein, überall begleitet von wuchtigen Sockel- und tief unter-
schnittenen Kaffgesimsen. Die Strebepfeiler bauen sich in je drei verjüngten Ab-
sätzen auf, welche unterhalb ihrer geschmiegten Wasserschrägen mit Horizontal-
streifen von mannigfaltigem Pass- und Blendbogenrelief ornamentirt sind. Aehn-
lichen Schmuck enthalten die geschwungenen Giebelfelder der Strebenabschlüsse,
die von ihren krönenden Kreuzblumen leider nur noch geringe Ueberreste auf-
weisen. Die dahinter zur Hochwand aufsteigenden Pfeilerendigungen haben die ausge-
sprochene Form spätestgothischer Schmiegen. Als eigenartiges Ziermotiv, möglicher
Weise als Statuettenträger, treten an den obersten Wasserschrägen kleine Ueber-
eckkonsolen aus der Mauerfläche vor.

— Folgende Steinmetzzeichen erschei- jjf J "sj J^\I

nen an der Nordseite des Langhauses: '

An der Fensterarchitektur senken sich die Sohlbänke jäh zum Kaffgesims Femter-

. . . architektur

herab; die Gewände bestehen aus doppelten Hohlkehlen mit Plattstäben, die sich in
den Giebeln schneiden; die Pfostung ist am östlichen Fenster zweitheilig, an den
übrigen Lichtöffnungen dreitheilig; das Maasswerk der Spitzbogenschlüsse variirt das
Vierblattmotiv mit herzförmigen und schneussenartigen Füllungen. Zwischen dem
westlichen Strebepfeiler und dem Uebereckpfeiler der Fassade findet der Lichteinfall
mit Rücksicht auf die Emporenanordnung des Innern in der Weise statt, dass ein
unteres kreisrundes Fenster und ein oberes Spitzbogenfenster — beide mit Fisch-
blasenmaasswerk — in die Beleuchtungsaufgabe sich theilen, sonach in Ueberein-
stimmung mit dem benachbarten Fassadenfensterpaar stehen. — Nahe am Ostende der
Umfassungsmauer tritt die grössere Seitenkapelle (s. Grundriss Fig. 5, S. 19) in starker
Ausladung vor die Nordfront. Ihre beiden Lichtöffnungen stimmen im Pfosten- und
Maasswerk mit den übrigen Fenstern am Langhause überein; die Giebelschlüsse
jedoch sind hier mit doppelter Bogenspannung versehen.

Das daneben befindliche Portal (Fig. 20) harmonirt durch seine trümmerhafte Nordportal
Beschaffenheit keineswegs mit dem Ganzen. An der Hochwand und am angrenzenden
Strebepfeiler bemerkt man — als Ueberreste eines ehemaligen Portalbaldachins oder
einer säulengestützten Vorhalle — Ansätze von feingegliedertem Wölberippenwerk,
das einerseits mit einer zierlichen, statuenlosen Doppelnische, woran Vegetativkonsolen
und kleine Frauenschuhbaldachine, zusammenhängt, anderseits aus viel eckigen Trag-
steinen hervorwächst. Die Verbindung der beiden Rippenansätze wird durch einen
zart bewegten Sims vermittelt. Darunter zieht über dem Portalbogen ein Fries mit
Fischblasenrelief hin, welcher am Strebepfeiler als Vierpassblende verläuft. Die
Portalgewände sind von kräftiger Gliederung; sie besteht aus vorspringenden birn-
förmig prolilirten Stäben mit tiefen Kehlungen an den Seiten. Die Gliedertheile
entwickeln sich aus Basamenten mit Spiralornamentation und gehen am Scheitel des
«ogenschlusses in lebhafte Durchkreu zungcn über.
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