Schäfer, Georg
Kunstdenkmäler im Grossherzogthum Hessen: Inventarisirung und beschreibende Darstellung der Werke der Architektur, Plastik, Malerei und des Kunstgewerbes bis zum Schluss des XVIII. Jahrhunderts: Provinz Starkenburg: Ehemaliger Kreis Wimpfen — Darmstadt, 1898

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WIMPFEN A. B.

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manche historisch unangebaute Strecken aufzuweisen hat, an der grossartigen Schöpfung
zu Wimpfen nicht gleichgiltig vorübergehen darf, dass es vielmehr ihrer Aufgabe
würdig ist, dem unbekannten Künstler nachzuforschen und ihm eine Stelle unter den
hervorragendsten Meistern der Dürerära einzuräumen. Der evangelischen Kirchen-
gemeinde der Stadt Wimpfen aber gebührt öffentlicher Dank dafür, dass sie es ver-
standen, frei von engherzigem Vorurtheil, der Kunst und Kunstliebe ihrer Altvordern
gerecht zu werden und die Versündigung, welche frühere Zeiten an einem hochaus-
gezeichneten Denkmal altdeutscher Wandmalerei begangen haben, nach Kräften
wieder' gut zu machen.

Im Mittelschiff haben sich als Gemäldeschmuck der Hochwände überlebensgrosse Apostel-Wandge-
Figuren der zwölf Apostel (sechs auf der Nordseite, sechs auf der Südseite) er-" "»l&tff "
halten, die hier als monumentale Zeichen der bischöflichen Konsekration des Gottes-
hauses im Sinn der in keinem katholischen Kirchengebäude fehlenden zwölf Apostel-
kreuze oder Weihekreuze zu betrachten sind. Solche Kreuze waren früher ebenfalls
vorhanden ; sie fielen jedoch der jüngsten Erneuerung zum Opfer. —Die Apostel treten als
Einzelgestalten mit ihren Attributen auf; flatternde Spruchbänder tragen ihre Namen.
Die Sendboten bezeugen ihre Heiligkeit durch grosse Nimben um's Haupt, und auf
ihr Lehramt deuten die Artikel des apostolischen Glaubensbekenntnisses, die auf den
Podien der Gemälde geschrieben stehen.

Die erste Reihenhälfte der Figuren beginnt an dem der Chorpartie zunächst
gelegenen Theil der nördlichen Hochwand mit der auf der Kathedra thronenden Ge-
stalt des Apostelfürsten St. Petrus, welcher das Attribut des Schlüssels führt und
das Glaubensbekenntniss in folgender Schreibung einleitet: CREDO IN DEVM
PATREM OMNIPOTENTEM CREATOREM COELI ET TERRE; Ich glaube an
Gott den allmächtigen Vater, Schöpfer Himmels und der Erde. Am Podium sieht
man auf einem Wappenschild die Initialen DW (Familie Werrich?) und darunter ist
ein Grau in Grau gemaltes Brustbild des Kaisers Nero, zu dessen Zeit der Apostel
den Tod durch das Schwert erlitten, angebracht nebst der Randschrift: IMPERATOR
NERO CAESAR AVGVSTVS PONT. MAX. — St. Andreas hält ein schweres
Balkenkreuz umfangen, nach seinem Martyrium Andreaskreuz genannt. Spruchband:
ET IN JHESVM CRISTVM FILIVM EJVS VNICVM NOSTRVM; Und an Jesu»,
Christum seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn. Dabei steht die Jahrzahl 1516.
In der Ornamentation darunter sieht man einen Schild, worauf eine Tarnkappe und
dahinter läuft ein Spruchband mit der Inschrift: W KÄMET VFF. — St. Johannes
der Evangelist, des Heilands Lieblingsjünger, trägt als Attribut den Giftbecher,
aus dem sich eine Schlange windet. Spruchband: QVI CONCEPT EST DE SPI-
RITV SANCTO NAT EX MARIA VIRGINE; Der empfangen ist vom heiligen
Geiste, geboren aus Maria, der Jungfrau. Unterhalb des Podiums erscheint das
Medaillonbild des Kaisers Vespasian mit der Umschrift: IMP. CAES. DIV. VESPA-
SIANVS AVGVSTVS P. M. — Stjakobus der Aeltere ist anachronistisch
als Pilger von Compostella mit Wanderstab und Muschelhut dargestellt. Der eben-
falls anachronistische Rosenkranz in seiner Hand deutet wohl auf die 1463 ge-
gründete Wimpfener Rosenkranz-Bruderschaft als Stifterin des Gemäldes. Spruch-
band: PASSVS SVB POTIO PILATO CRVCIFDC MORTVVS ET SEPVLTVS;
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