Schäfer, Georg
Kunstdenkmäler im Grossherzogthum Hessen: Inventarisirung und beschreibende Darstellung der Werke der Architektur, Plastik, Malerei und des Kunstgewerbes bis zum Schluss des XVIII. Jahrhunderts: Provinz Starkenburg: Ehemaliger Kreis Wimpfen — Darmstadt, 1898

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EHEMALIGER KREIS WIMPFEN

der Hauptstrasse erinnert trümmerhaftes Gemäuer an das vormalige Oberthor, das
ein Doppelthor gewesen zu sein scheint. — Der unweit davon gelegene Feuersee füllt
einen Theil des alten Stadtgrabens. Ein wohlerhaltener runder Mauerthurm nahe
dabei (Fig. 112) ist mit Schiessscharten in Form von horizontalen Mauerschlitzen ver-
sehen, mitunter aber auch von modernen Fenstern durchbrochen und als Wohnbau
benützt; sein renaissancemässig gegliedertes Kranzgesims besteht aus Eichenholz.

Auf der Strecke vom Feuersee bergabwärts bis zur Westfront der Dominikaner-
Klosterkirche haben sich ebenfalls Ueberreste der Beringung erhalten. Auch an

der Südseite des Konventsgebäudes
und von da an thalwärts tritt der
Mauerzug mit Zwinger und Graben
zu Tage. Im Schied- oder Nixensee
sowie im Neuthorsee sind Wasserläufe
des alten Stadtgrabens zu erkennen.

Ein Wehrbautorso von beträcht-
lichen Abmessungen ist das an der
Südostecke der Umwallung gelegene,
Bollwerk J^jiBk.^J^^^^iC^ JHP'' vom Schiedsee bespülte B o 11 w er k

(Fig. 113), das auf kreisrunder Plan-
anläge sich aufbaut und Ueberreste
von Vertheidigungsgängen, sogen.
Mordgängen, nebst Schartenzeilen auf-
zuweisen hat. Das Innere des kraft-
vollen Baues enthält eine geräumige
Kasematte von bedeutender Tiefe.
Der düstere Raum wirkt durch wuch-
tige Massenschwere und technische
Gediegenheit wahrhaft überraschend.
(Fig. 114.)

Das dem Bollwerk nahegelege-
ne, langgestreckte altreichsstädtische
Kelterhaus wird noch jetzt von den
Winzern benützt. Den Haupteingang
Fig. 114. impfen a. . schmückt ein befriedigend skulptirtes

Grundriss und Schnitt der Kasematte

des Bollwerkes. Wappen der freien Reichsstadt und

die Jahreszahl 1788.

Am unteren Zug der Hauptstrasse steht das vom Neckar her in die Stadt füh-
rende Unterthor. (Fig. 115.) Dasselbe ist glücklicher Weise dem Loose der
Vernichtung entgangen, womit moderne Nivellirungssucht alle übrigen Thorbauten
der städtischen Befestigung heimgesucht hat. Das Unterthor bildet mit dem seine
Ostseite flankirenden Mauerthurm eine Gruppe, an welcher Mittelalter und neuere
Zeit mitsammen gebaut haben, insofern der Thurm seiner ganzen Beschaffenheit nach
aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts stammt, während der krenellirte Thorbau dem
Schluss des 18. Jahrhunderts angehört und als Erneuerung eines älteren Stadtthores
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