Schäfer, Georg
Kunstdenkmäler im Grossherzogthum Hessen: Inventarisirung und beschreibende Darstellung der Werke der Architektur, Plastik, Malerei und des Kunstgewerbes bis zum Schluss des XVIII. Jahrhunderts: Provinz Starkenburg: Ehemaliger Kreis Wimpfen — Darmstadt, 1898

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WIMPFEN I. TH.

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gier ein durch seinen trichterförmigen Hut als Jude gekennzeichnetes Individuum, das
an einem Schwein saugt und das Ferkel vom Mutterthier wegstösst, während ander-
seits ein über einem Frauenhaupt erscheinender bärtiger Männerkopf mit verzerrten
Zügen als Symbol der Unlauterkeit gilt. Auch die statuengeschmückte Fialennische
am Eckstrebepfeiler trägt zur dekorativen Wirkung des Bautheiles bei.

Der aufmerksame Betrachter wird angesichts der theils schmucklosen theils
dekorativ angehauchten Ostpartie unschwer herausfühlen, dass es sich hier mit dem
Eintreten der Wirksamkeit des neuen Werkmeisters um eine wohlerwogene allmälige
Steigerung des Formenausdruckes handelte, als Vorbereitung auf die volle Entfaltung
der ihm zu Gebot stehenden künstlerischen Mittel an der Fassade des südlichen Quer-
schiffes durch Vereinigung einer Fülle architektonischer Einzelformen mit zahlreichen
Werken der Figurenplastik. Als solche Vorboten sind an der Ostpartie vornehm-
lich die Rosettenmotive in der Fensterarchitektur, die gesäulten Fialennischen und
die sie belebenden Statuen anzusehen, Faktoren, die nun am Aussenbau des südlichen
Querschiffes in glänzender Weise zur Vollerscheinung gelangen sollten, Faktoren,
die der Chronist Burchardus de Hallis in seinem Bericht als fowstrac, COlumnae
und iconcs sanetorum betont.

Ist die Gruppe der östlichen Bautheile in der Gesammterseheinung von Chor, sudfassade
Thürmen, Nebenapsiden als eine Schöpfung von würdevollem Ernst und stiller Strenge Allgemein»
zu rühmen, so darf die südliche Transseptfassade den Anspruch erheben, ein
reiches, ja überreiches Prachtstück und die dekorativ belebte Schauseite des Stifts-
münsters zu sein. (Fig. 125.) — Dass hier kein Gothiker deutscher Observanz sondern
ein französich geschulter Werkmeister frei und unabhängig gewallet, dafür spricht die
ganze Anordnung und, man möchte sagen, jeder Meisselschlag. Vor Allem gibt sich
die fremde Einwirkung durch den für die französiche Gothik charakteristischen
Horizontalismus gegenüber dem in Deutschland ungleich mehr betonten Vertikalismus
zu erkennen. Dies geschieht theils durch Mehrung der den Bau umgürtenden Sims-
bänder, theils durch neben und über einander geordnete Reihen von offenen oder
geblendeten Arkaturen mit und ohne Statuenschmuck. An Stelle des Ernstes und
der Strenge des deutschen Stiles, in welchem die Ornamentation dienend sich ver-
hält, tritt jenes Schmuck werk um seiner selbst willen auf, so dass die Mauerflächen
vollständig damit bedeckt sind. Uebrigens ist einzuräumen, dass das Alles in glück-
lichen Verhältnissen sowie mit Klarheit und Folgerichtigkeit durchgeführt ist. Diese
Schmuckmotive und unter ihnen nicht zum mindesten die Säulung der Arkaturen
und fialenbekrönten Statuenbaldachine geben Zeugniss von dem Eifer, womit der
Idloiiiiis die Kenntniss des französischen Stilidioms sich anzueignen bestrebt war;
selbst am breitgelagerten Portal verläugnet er dieses Studium nicht. Sein deutsches
Kunstnaturell blieb sich aber doch in einem Punkte treu, nämlich im Festhalten
an der schlanken Lichtöffnung über dem Eingang, an welcher dominirenden Stelle
die französische Gothik der Fensterrose den Vorzug zu geben pflegt.

Der aus dem Gesammtbaukörper in einer Abmessung von 4,25 m hervor- Hau- und
tretende südliche Transseptflügel, dem die Fassade zu hoher Zierde gereicht, ist von Lhmutkforme
je einem rechtwinklig zu einander stehenden Strebepfeilerpaar flankirt, das den viel-:
gestaltigen Bautheil gleich einem Rahmen nach beiden Seiten hin abschliesst. Die
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