Schäfer, Georg
Kunstdenkmäler im Grossherzogthum Hessen: Inventarisirung und beschreibende Darstellung der Werke der Architektur, Plastik, Malerei und des Kunstgewerbes bis zum Schluss des XVIII. Jahrhunderts: Provinz Starkenburg: Ehemaliger Kreis Wimpfen — Darmstadt, 1898

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WIMPFEN I. I'II.

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sind gekrönt. Die Gestalt der Muttergottes strahlt von Hoheit und Würde. Unter
der Krone drängt sich das mit einem kurzen Schleier bedeckte Gelock hervor. Der
linke Arm trägt das Christuskind, dessen rechte Hand allem Anschein nach in moderner
Zeit unschön erneuert wurde. Der Blick der Madonna ist auf den zarten Sohn ge-
richtet, der in kindlicher Heiterkeit zur geliebten Mutter emporschaut und beide
Händchen auf ihre Brust legt. Die gebogene Haltung der Gruppe erklärt sich aller-
dings aus dem belasteten linken Arm der Mutter; allein die Erscheinung ist auch
charakteristisch als ein fast sämmtlichen Madonnenstatuen der
Epoche eigentümlicher, verstärkter Ausdruck der Empfindung,
ein Motiv, das damals durch die mit cisalpinischen Architekten
nach Italien gewanderten Plastiker dort viel Verbreitung fand,
besonders in Toskana. Die Gewandung der Figur ist ein Meister-
stück vornehmer Anordnung in freiem und doch weichem Wurf.
Wir bemerken in diesem Betracht verwandte Züge mit der
Marienstatue am Thürpfeiler des Südportales; in allem Uebrigen
jedoch ist das letztere Werk weit entfernt von der fesselnden
Hoheit und stillen Grösse der Chormadonna.

Den Zusammenhang mit der Werkstatt, welcher die Portal-
skulpturen entsprossen sind, bekundet an den Chorslatuen, ausser
plastischen Analogieen, auch die verwandte Bildung der Bal-
dachine in Form von einfacheren und reicheren Absidialkon-
struktionen des französischen Kathedralensystems mit Choruni-
gängen und Kapellenumkränzung. Nur der Madonnenbaldachin
macht insofern eine Ausnahme, als seine Struktur offenbar nicht
einer grösseren Kirche sondern einem kleineren Heiligthum nach-
gebildet ist, an dessen Ausschmückung Architektur und Plastik
gkichmässig sich betheiligten. In der Mittelnische einer Apside
thront Christus als Weltrichter; in den Seitennischen erscheinen
die Jungfrau Maria und der Evangelist Johannes, die als typische
Fürbittende fast bei keiner Darstellung des jüngsten Tages im

Bereich der Kunst des Mittelalters und der Renaissance fehlen; ,,.

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weiterhin lassen beschwingte Himmelsboten die Posaunen des Welt- imThal. Ritterstifts-

gerichts ertönen. Mit anerkennenswerthem Meisselgeschick hat kirchc St. Peter.

der Künstler diese zierlichen Figurinen dem spröden Sandstein

0 r pttetsüal.

zu entlocken gewusst und dabei nicht unterlassen, das Material
auf seine für Jahrhunderte berechnete Dauerhaftigkeit mit Verständniss auszuwählen.
— Unter den streng architektonisch entwickelten Baldachinen sind diejenigen über
den beiden Statuen an den östlichen Vierungspfeilern von besonders reicher Durch-
bildung des vielgestaltigen Strebensystems, der Fensterarchitektur, der Kapellen-
gruppirung und der theilweise gethürmten Fialengipfelung. (Fig. 142 u. Fig. 143.)

Im Anschluss an die herrliche Statuenfolge des Chorinneren dürfte hier der
Hinweis auf eine Skulptur geboten sein, die im Kapitelsaal des Kreuzganges, mitten
unter verschiedenen dort aufbewahrten, mehr oder weniger trümmerhaften Ueber-
resten architektonischer Einzelformen, als eine bemerkenswerthe frühgothische

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Statuen-
balilachine
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