Schäfer, Georg
Kunstdenkmäler im Grossherzogthum Hessen: Inventarisirung und beschreibende Darstellung der Werke der Architektur, Plastik, Malerei und des Kunstgewerbes bis zum Schluss des XVIII. Jahrhunderts: Provinz Starkenburg: Ehemaliger Kreis Wimpfen — Darmstadt, 1898

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WIMPFEN I. TH.

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In Vorstehendem haben wir versucht, dem Leser ein getreues Bild der Kunstherr-
lichkeit und kunsthistorischen Bedeutung der Stiftskirche vor Augen zu führen. Ohne ein
kurzes Nachwort können wir jedoch von dem altehrwürdigen Baudenkmal nicht scheiden.

Die Kirche St. Peter zu Wimpfen im Thal ist ein Kleinod edelster Gothik, das
um so sorgsamer behütet sein will, nachdem die zerstörende Zeit das Gebäude
empfindlich geschädigt hat. Im Laufe der letzten Jahrzehnte ist zwar Manches zur
Wiederherstellung unternommen worden, schlecht und gerecht, je nach dem Vermögen
der Bauleute. Wir anerkennen den guten Willen und die guten Vorsätze, die dabei
gewaltet haben, bedauern aber um so weniger, dass die damaligen Arbeiten in's
Stocken gerathen sind, nachdem inzwischen die Kenntniss der gothischen Bauformen
an Bestimmtheit und die Erneuerung gothischer Bauwerke in technischem Betracht
ungemein gewonnen hat. So, wie das Denkmal vor den Blicken der Welt dasteht,
mahnt es noch immer daran, dass der Geist des alten Meisters trauernd über dem
verwahrlosten Werke schwebt und zur Heilung der Wunden sowie zur Vollendung
der unfertig gebliebenen Bautheile auffordert. Die Kunde, dass die längst beabsich-
tigte Erneuerung und Fertigstellung ernstlich zur That werden soll, lässt die Herzen
der Verehrer vaterländischer Kunst höher schlagen. Die Meinungen der Kunstfreunde
über das Wie sind jedoch getheilt und gehen weit auseinander. Die Einen — die
Stilpuristen — verlangen Entfernung der vorgothischen Bautheile zu Gunsten eines
mit den Formen des Chores und des Langhauses übereinstimmenden gothischen
Fassaden-Neubaues. Die Anderen — die in solchen Fragen konservativ denkenden
und pietätvoll empfindenden Beurtheiler — stimmen entschieden für Beibehaltung der
in würdiger Weise zu erneuernden romanischen Stirnseite, wobei jedoch, wie über-
haupt am Aussenbau, das Bestreben darauf zu richten wäre, das ehrwürdige Aussehen,
welches Zeit und Alter dem Bauwerk gegeben, möglichst zu erhalten und zu be-
wahren. Denn alles Dasjenige, wodurch die Architektur älterer Jahrhunderte an dem
Dasein jüngerer Bauschöpfungen mitbetheiligt ist und was vielen Generationen er-
haltenswerth erschienen, darf berechtigten Anspruch auf Fortdauer erheben, besonders
dann, wenn es einen wesentlichen Bestandtheil jüngerer Baudenkmäler ausmacht und
den Eindruck des stilistisch und technisch Bedeutsamen im Entwickelungsgang der
Architektur gewährt.

Die Stunde einer richtigen Lösung der umstrittenen Aufgabe schlägt aber erst
dann, wann der rechte Meister erscheint, will sagen, der im mittelaltrigen Kirchenbau
und in der Kunst der. Wiederherstellung mittelaltriger Sakralgebäude erprobte
Meister. Denn kein einsichtsvoller Beurtheiler wird läugnen, dass es zur Zeit mit
der Wiederherstellung alter Bauwerke, namentlich der Kirchen romanischen und
gothischen Stiles, mitunter noch sehr zweifelhaft bestellt ist, zumal die gegenwärtige
Strömung im Bereiche der Architektur weit mehr der leichter zu handhabenden Re-
naissance und ihren Spielarten sich zuwendet als den gesetzmässig strengeren Bau-
stilen des Mittelalters. Nur ein in der Gothik gründlich geschulter und darin heimisch
gewordener Baukünstler wird darum imstande sein, die Erneuerung und den Ausbau
des Thalwimpfener Gotteshauses im Geiste seines Urhebers in die richtigen Bahnen
zu lenken und einem glücklichen Ziele entgegen zu führen, zur Bewunderung und
Freude von Mit- und Nachwelt.

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