Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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vom Herausgeber

^ ekanntlich wird die alte Fabel
vom Fuchs, der den Schwanz

verloren hatte und min die Herren
Vettern überreden wollte, sich des
ihren freiwillig zu entäußern,
immer wieder in allerhand Va-
riationen neu aufgetischt. So
sind in der Kunst diejenigen, die
keine Phantasie haben, beständig
bemüht, den glücklichen Besitzer»
derselben mit allen möglichen
Gründen zu beweisen, daß sie
viel besser thäten, auf die Küsse
dieser Himmelstochter zu ver-
zichten und sich mit dem Kultus
jener dicknasigen Erdenfräulein
zu begnügen, die man im ge-
meinen Leben Modelle zu nennen
und überdieß auch noch mög-
lichst häßlich abzuschreiben pflegt,
wenn einem eben nichts besseres
cinfällt. Es ist glücklicherweise
wenig Aussicht, daß Karl
Gehrts auf die Lockungen
dieser neuen Reinickes und Frei-
luftspringcr hören und sich in
Zukunft jener köstlichen Schöpf-
ungen echter Dichtungskraft ent-
halten werde, wie wir heute so
glücklich sind, eine von ihm
bringen zu können. Das ist
doch endlich einmal ein geborner
Maler, sagt man unwillkürlich,
wenn man dies prächtige „Wid-
mungsbild" sieht mit den köstlich
frischen uud lustigen Genien, die
dem Herrn Fabrikbesitzer Julius
Brügelmann und seiner Gattin
im Namen ihrer Arbeiter zur
silbernen Hochzeit mit Pauken
und Trompeten einen schmettern-
den Tusch ausbringen! Jeder alte

Benetianer könnte Gehrts um diese vom frischesten Humor,
Ver gesundesten Gestaltungskraft sprudelnde Erfindung
beneiden, Eigenschaften, die man jetzt bei den deutschen
Künstlern fast allein noch trifft und die ihnen die graue
Theorie verleiden möchte! Der Festesjubel ist hier in den
kleinen Musikanten eben so glücklich ausgesprochen als die
Erinnerung an die ihm vorausgehenden sauren Wochen
sinnig angedeutet in den beiden von der Arbeit auf-
sehenden Spinnerinnen unten und all dem köstlichen
Handwerkszeug vou Spulen und Weberschiffchen re. in
den Eckfüllungen wie in dem ganzen prächtigen Ranken-
wcrk der Komposition. Doch was sage ich — Kom-
position ist ja jetzt womöglich noch verpönter als freie
Erfindung, und Gehrts begeht gleichwohl hier das un-
erhörte Verbrechen, gleich im Aufbau derselben an die
besten alten Meister zu erinnern und uns das Herz zu
erquicken, ohne nur erst in Paris um Erlaubnis zu
fragen!!

Krridestudie von Ludwig Bnaus
Probe-Illustration aus „Studienmappcii Deutscher Meister"
(Besprechung s. S. 92)

Auch Ed. Schleich sen., dessen grandios gedachte
Mondscheinlandschast wir bringen, gehörte zu jenen voll-
kommen frei schaffenden Künstlern, welche cs nicht ein-
sahen, daß eine dürftige und armselige Wahrheit in der
Kunst der freien Schönheit vorzuziehen sei. So erreichte
er denn auch hier eine Einheit und Macht des Eindrucks,
um die ihn jeder beneiden kann, der es weiß, daß die
Wahrheit wohl das erste aber nicht das letzte Ziel des
Kunstwerks sei.

Daß man auch auf dem Wege unmittelbarster Natur-
nachahmuug, d. h. bei einem Bildnis, zu einem phantastisch
geheimnisvollen, ja fast geisterhaften Eindruck kommen
kann, zeigt uns des Müncheners Alb. Keller Frauen-
bildnis. Man denkt da nicht an das nüchterne Tageslicht,
sondern an die alles Nebensächliche verschwinden lassende
Stille der Nacht. Sie läßt diese forschend die Augen
auf uns richtende Frau fast wie eine Vision erscheinen,
und verleiht ihr dadurch unstreitig einen traumhaften Reiz,
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