Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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Unsere Bilder. Bc>m kserausgcber

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Don Rsmiro

Probe-Illustration aus „seines Buch der Lieder
Illustriert von Paul Grot Johann
(Besprechung s. S. 94)-

über dem^man, einmal gefangen genommen,
der Wirklichkeit ganz vergißt. Wenn cs nnn
aber einmal zum Berns der Kunstwerke wie
der Frauen gehört, uns zu fesseln, nicht ab-
zustoßen, zu berauschen, nicht zu ernüchtern,
so muß man auch gestehen, daß dies hier
entschieden erreicht worden sei, denn der eigen-
tümliche Reiz der koloristischen Stimmung
läßt uns ganz der nüchternen Alltäglichkeit
vergessen, die manchen Leuten jetzt als das
Höchste in der Kunst erscheint.

Wie Wallensteins Lager ungefähr aus-
gesehen haben mag, das zeigt uns dann Pius
Messerschmitts Bild im sonndurchgläuztcn
Nebel eines Herbstmorgens mit ganz erfreulicher Über-
zeugungskraft und nicht ohne einen gewissen gesunden
Humor. Freilich sind die verschiedenen Charaktere, die
Schillers Dichtung so hochinteressant machen, hier mehr
bloß augedeutet als ausgeführt, dem Künstler war es
offenbar hauptsächlich um die ganze Handlung, nicht um
einzelne Persönlichkeiten oder den Reiz eingehender Charak-
teristik zu thun. Sein Bild trifft aber wenigstens den
Zeitcharakter wie den speziellen dieser wilden Söldner-
scharen mit entschiedenem Talent und zeugt von einer
glücklichen Erfindungskraft, die nie um jene Zufälligkeiten
verlegen ist, die so viel dazu beitragen, eine Handlung
erst wahrscheinlich und glaubwürdig erscheinen zu lassen.

Als bloße landschaftliche Szenerie ist das Bild allein
schon eine sehr anerkennenswerte Leistung.

Wenn es zu den unantastbarsten Privilegien aller
Verliebten männlichen Geschlechts gehört, gelegentlich sehr

einfältig auszusehen, so macht Laupheimers junger
Schulmeister allerdings einen ziemlich weitgehenden Ge-
brauch von diesem Vorrechte. Daß er darum nur um
so glaubwürdiger erscheint, beweist uns wenigstens, wie
tief begründet es im germanischen Gemüt ist, womit wir
uns dann beruhigen und ihm für die Zukunft einen zier-
lichen Pantoffel im Wappen wünschen wollen. — Zu
einem solchen vermöchte Hugo Königs allerliebste
krausköpfige Leserin offenbar Rat zu schaffen, denn so
sehr sie jetzt auch in den Kalender oder in die Ver-
lobungsanzeigeu der „Neuesten" vertieft scheint, so dürfte
sie doch alle möglichen Garantien dafür bieten, daß an
dem künftigen ehelichen Himmel dereinst allerhand Donner-
wetter aufsteigen werden, denn „krause Haare, krauser
Sinn" behauptet die Weisheit auf der Gasse und es ist
nur gut, daß auch jeden, Ehestandsgewitter Sonnenschein
vorausgeht oder nachfolgt.

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