Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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z^2 Der Pariser Salon 1889. von Vtto Brandes — Modelle. Lin Novellenkranz, von Johannes Proelß

Fensterbilder sich in erschreckender Weise mehren; es scheint
dies die leichteste Formel für den angehenden plainair-
Maler zu sein. Etwas drastischer ist schon Ai me Perrets
Bild, „Ein spätes Geständnis", in welchem auf einsamem
Feldwege ein hochbetagter Junggeselle unter Verabreichung
einer Prise seiner greisen Gefährtin die Liebe seines alten
Herzens für sie gesteht. Die verschämte Miene der alten
Bäuerin wirkt überaus komisch. Das naive Bild erweckt
ein behagliches Lächeln bei dem Beschauer, der beste
Beweis dafür, daß dem Künstler auch technisch sein Bild
gelungen. Von grob komischer, fast karikaturistischer
Wirkung aber ist Denneulins, des bekannten Malers
der Jagdmisere „Tie Jagdpartie auf Möven". Sämtliche
Jäger sind zum großen Ergötzen der den Nachen führenden
Teerjacke seekrank, und das zu jagende Wild streift ihnen
dicht über den Köpfen. Der Künstler hat vortrefflich den
Seejammer dieser Nimrodsmärtyrer zu charakterisieren
verstanden.

Ich schließe hier mit der Malerei. Ich bin mir
wohl bewußt, daß ich manches Vortreffliche, ja ganze
Kategorien der Malerei, wie die Marine- und Orient-
bilder mit Stillschweigen hier übergangen. Ich habe dies
aber bei der Platzbedrängnis um so eher geglaubt thun
zu dürfen, als ich auf keine neuen Ideen gestoßen bin
und einen wesentlichen Fortschritt nicht bemerken konnte.
Benjamin Constans, Weeks, Bridgman haben in
ihren Orientbildern keine Rück- und keine Fortschritte
gemacht. Henner modelliert nach wie vor seine perl-
mutterfarbenen Figuren mit der größten Delikatesse und
Langeweile, Hebert ist bei seiner Vorliebe für grüne
Töne und bei der akademischen Malerei geblieben, und
auch in der Tier- und Stilllebenmalerci sind neue hervor-
ragende Werke nicht zu verzeichnen.

In der Skulptur hat der Kultus der Jungfrau von
Orleans, der in der letzten Zeit zur Belebung des
Patriotismus hier stark geübt wird, eine Reihe von
Produktionen zu Ehren dieser Heroine zuwege gebracht,
von denen die Reiterstatuen Fremiets und Dubois
am meisten Erwähnung verdienen. Fremiet, ein Schüler
Rüdes, hatte bereits auf dem Rivoliplatz eine Reiterstatue
der Jungfrau von Orleans stehen, die er aber mit Rück-

sicht auf die Perspektive nach dem Vendome- und Tui-
lerienplatz und bei der Umgebung der hohen Häuser als
zu klein für diesen Rahmen erachtete. Er beschloß daher,
auf eigene Kosten ein anders Werk an diese Stelle zu
setzen. Das Monument ist größer geworden, dem Pferde
hat er eine ruhigere Allüre gegeben, die Lorbeerkrone auf
ihrem Haupte und die wehende Fahne Frankreichs deuten
an, daß wir es mit einer triumphierenden Jungfrau nach
der Schlacht zu thun haben. Leider hat der Künstler die
unglückliche Idee gehabt, ihr statt der inspirierten Maske,
die sie auf dem ursprünglichen Denkmal hatte, eine viel
strengere, kriegerische zu geben, wodurch die Figur ihren
mystisch-allegorischen Zug verliert. Dubois' Jungfrau sitzt
von Kopf bis zu Fuß gerüstet auf einem Pferde, dessen
Leib ihre Beine kaum umspannen können. Das Denkmal
ist für Rheims bestimmt. Wir haben dann noch eine
Johanna d'Arc zu Fuß und eine auf dem Scheiterhaufen,
die beide uninteressant sind. Ausgefallen ist mir eine
„Judith" Aizelins, die durch vornehme Kraft imponiert.
Die Behandlung des Nackten hat nichts Außerordentliches
gezeitigt. Dagegen finden wir allerhand Sonderbarkeiten,
wie Becquets, eines sonst talentvollen Künstlers, „Ge-
hängter Judas", der von ausgemergeltem Körper, die
Zunge heraushängen läßt. Die lebensgroße Figur ist
langweilig und flößt Ekel, aber keinen Schrecken ein.
Eine bizarre Idee ist ebenfalls die Darstellung des Zu-
falls durch eine sich mit einem Doruenring krönende,
männliche Figur mit einem Ziegengesicht, deren Fuß auf
einem Affen ruht. Unzählige Büsten sind vorhanden,
darunter die der Kaiserin von Rußland von Gautherin
und eine ausgezeichnete Büste Andre Theuriets von
Dalou. Auch sind wieder verschiedene wohlgelungene
polychromische Versuche mit Büsten unternommen worden.

Ich habe bei dieser Besprechung der fremden Künstler
nicht gedacht, die im Salon ausgestellt haben. Die Aus-
stellung im cllamp cts ^lars wird hinreichenden Anlaß
zur Vergleichung der Kunst der verschiedenen Nationen
bieten. Bei dieser Gelegenheit soll auch Uh des neuestes
Bild „Die heilige Nacht", welche hier geradezu Sensation
macht, eingehend besprochen werden.

Modelle

Lin Novellenkranz. Von Johannes proelß

II. Die braune Burgei

(Schluß)

^lshnliche Szenen wie der Verlauf dieser ersten „Sitzung"
mit sich gebracht, wiederholten sich nun noch oft.
Die Verlegenheit Strömbergs dem jungen Mädchen gegen-
über, besten anmutige Reize ihm nur Vorlage sein sollten
für sein künstlerisches Vorhaben, ihm wider Willen aber
auch Sinne und Seele verwirrten, sie brachte ihn zu dem
schmucken Modell von vornherein in eine schiefe Stellung.
Bald suchte er, dabei Klampfners Beispiel kopierend, seine
Unsicherheit durch ein burschikoses Auftreten zu verbergen,
dem aber auch die Burgei anmerkte, daß es nicht natürlich
von Herzen kam. Bald nahm er wieder eine gravitätische
Miene, eine Art väterlicher Würde an, mit der er im

Anfang ja auch dem fröhlichen Kinde Respekt eingeflößt
hatte, die aber bald genug nicht mehr verfing. Im
Gegenteil, erst warm in der neuen Umgebung geworden,
zog die Burgei ihn damit auf und ihr: „Gehn's, Herr
Gotthold, stecken's doch das geistliche Gesicht nit auf; es
ist doch nit Ihr Ernst" — brachte ihn schnell wieder
aus dem Gleichgewicht.

Und während er unfern gelegentlichen Neckereien
gegenüber es in immer gereizterem Tone sich verbat, sein
künstlerisches Interesse an seinem Modell mit Verliebt-
heit zu verwechseln, geriet, ihm unbewußt, sein ganzes
Wesen Tag für Tag in größere Abhängigkeit von ihr.
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