Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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326 Die Photographie in der modernen Kunst. von A. Raupp — Modelle. Lin Novellenkranz, von I. proelß

nur klingt sein Gruß und die Bitte um Geduld daraus
hervor.

Bereits sind die Künstler, denen noch der photo-
graphische Apparat fremd geblieben, in der Minderheit.
Dagegen ist er, und besonders bei vielen der jüngern,
darunter schon häufig genannte Namen, gleichsam zur
rechten Hand geworden, mit seiner Hilfe setzt sich das
Kunstwerk in allen seinen Teilen zusammen. Der Apparat
hilft den Entwurf des Bildes vorbereiten, leitet und stützt
die Vollendung in allen ihren Phasen. Daß mit solcher
Anwendung der Photographie diese in dem modernsten
künstlerischen Schaffen eine beherrschende Stellung sich
errang, ist begreiflich, aber daß dasselbe auch mehr und
mehr dadurch in eine einseitige Richtung gedrängt, daß
schließlich in der extrem-modernen Knnstproduktion vor
allem die sichtbare photographische Erscheinung als Merkmal
des Wertes und der künstlerischen Feinheit des Kunstwerks
unwillkürlich gefordert ward, ist leider gleichfalls der
Fall. Die sehr vielfach geschmacklose Darstellung der
Momentaufnahmen und ihrer grotesken, fehlerhaften Per-
spektive erfreuen sich heute, mit Ölfarbe auf Leinwand
übertragen, von vornherein von gewisser Seite einer ganz
besonderen Respektierung unv achtungsvoller Beurteilung.
Es ist dies alsdann das wahre, echte Kunstwerk, das auf
der Höhe der Zeit stehend, alle veralteten Traditionen
abgestreift hat. So sagt man! Es gibt freilich noch Künstler
heute und hat es einst vor Zeiten gegeben, bei deren
Schöpfungen man sich die Benützung eines photographischen
Apparats nicht denken kann, bei welchen derselbe einfach
eine Unmöglichkeit wäre, ja ein Mangel ist, der ihren
Werken recht eigentlich die für alle Zeiten gültige innere
Bedeutung verleiht.

Wer könnte sich Rubens, van Dyck, Raffael und
die großen Italiener alle, aber auch Defregger und Knaus
mit solchen Mitteln schaffend vorstellen? Dagegen wieder
recht gut Terburg, Mieris und unter den heutigen vor
allem Meissonier! Lenbach benützt den Apparat aus-
schließlich, er hat wohl in Deutschland zuerst in um-
fassendster Weise sich die Photographie dienstbar gemacht,
aber sie ist ihm keineswegs alleiniger Zweck geworden.
Das photographische Bild liefert nur den äußeren Umriß,

er legt die ganze Kraft in den lebendig geistigen Ausdruck
seiner Porträts, deren Bedeutung eben allein durch eine
monumentale Auffassung, durch eine einfach machtvolle
Tonwirkung und Stimmung, und nicht in der Hilfe der
Photographie, welche ihm dabei diente, bedingt ist.

Die bildliche Wiedergabe der Natur, wie sie die
Photographie zeigt und lehrt, bewahrt, und das ist deren
große Bedeutung für. die Kunst, dieselbe wohl immerdar
vor manieristischen Ausartungen früherer Kunstperioden.
Dieses untrügliche Korrektiv der Naturanschauung hält
künftig sicherlich die Formenwiedergabe beim Kunstwerk
in gleichmäßigeren Bahnen, der unaufhaltsam wechselnde
Zeitgeschmack aber wird in der technischen Behandlung,
der Farbe und vor allem in den darzustcllenden Motiven
dem künftigen künstlerischen Schaffen sein Gepräge einst
aufdrücken und sich von der absoluten Abhängigkeit der
Photographie wieder befreien. Im Augenblick schränkt
die bedingungslose Herrschaft der Photographie, soweit
der modernste Realismus in Betracht kommt, das Gebiet
des Darstellbaren in der Malerei auf eine Weise ein,
gegen welche eine entschiedene Reaktion wahrhaft künstler-
ischen Schaffungstriebes unausbleiblich ist. Die direkte
Mithilfe des photographischen Apparats erlaubt für die
Wahl des bildlichen Stoffes nur die engsten Grenzen —-
was sich eben photographieren läßt!

München, das in künstlerischen Dingen für Deutsch-
land die Führcrrolle beansprucht, eröffnet am 1. Juli
abermals eine Ausstellung im Glaspalast. Das jüngste
künstlerische Evangelium erhofft darin alleinseligmachende
Geltung zu erringen. Unsre raschlebige Zeit jedoch
verwirft morgen das, was sie heute verehrt, und
jedes kommende Jahr sieht im Münchener Glaspalaste
aufs neue ein künstlerisches Rendezvous aller Nationen.
Hoffentlich erschallt alsdann das nach neuen Zielen hin-
weisende tonangebende Losungswort nicht abermals aus
Paris. Die Jahrcsausstellung wenigstens soll und muß
für München und mit ihm für die deutsche Kunst zu dem
Boden werden, aus welchem in wandelbaren künstlerischen
Dingen von nun an für uns der einzig gültige Wandel
ersteht.

München, 1. Juli 1889.

Modelle

Lin Novellenkranz. Von Johannes proelß

III.*) La

erade bei dem die Gegensätze versöhnenden Schluß
der Geschichte des jungen Genoffen war über das
Antlitz des alten Landschafters ein Schatten geflogen.
Tolle Welt! rief er, tief Athem holend, nach einer
länger» Pause. Und das Tollste darin sind doch die
Romane, welche das Künstlerlebcn ausspinnt. Ihre Er-
zählung hat eigenthümliche Erinnerungen in mir geweckt
— Erinnerungen an sonnigstes Glück und wieder solche
von trübster Art. Was die erster» betrifft, so genügt
ein Wort, um ihren Charakter anzudcuten: Capri! Und
nachdem ich cs ausgesprochen dies „Sesam" für eine
einzig schöne Welt, welche die heitersten Dichterträume

*) II. S. Heft 19 u. 20.

ininella N »d ck b,

von Erdenparadiesen verwirklicht zeigt, will ich das Trübe
überhaupt bis an den Schluß der Erzählung verschieben.

Sic kennen meine Vorliebe für Capri. Welcher
Künstler und vollends welcher Landschafter könnte auch
heimisch auf ihr geworden sein, ohne an sic wie an eine ferne
Geliebte, an ein Paradies zurückdenken zu müssen, dessen
Pforten wieder der Rückkehr freundlich offen stehen. Ich
habe denn auch dieser Sehnsucht schon oft genug nach-
gegeben, und wills Gott, so gehts diesen Herbst wieder
über den Gotthard und ohne viel Aufenthalt hinunter bis
Neapel und gleich weiter über Sorrent nach der traulichsten
der Inseln in dem herrlichsten der Meeresgolfe, welche
die Sonne Italiens bescheint. Wer mir noch einmal die
Stunden des Entzückens wiedcrgäbe, da ich in meiner
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