Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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Kriegsbeute. Zeichnung nach seinem Hlgemälde von Franz Lisenhut

Erste Münchener Iahres-Ausstellung ^889

Modelle

Lin Novellenkranz. Von Johannes proelß

III. Larminella
(Schluß aus dem vorigen Heft)

ie Hochzeit des reichen Malers aus Westfalen, der
trotz seines ergrauten Haars noch so stattlich aussah,
mit der schönen Carminella, die ihm als Mitgift nichts
andres als ihre jugendliche Schönheit ins Haus brachte,
wurde auf der ganzen Insel wie ein Fest begangen. Es
hatten zwar schon früher mehrere wohlhabende Engländer
arme Töchter der Insel um ihrer Schönheit willen gefreit
und einige von ihnen hätten sich gar auf Capri angekauft
und genossen nun in schönen Villen an der Seite ihrer
dunkeläugigen Frauen — wenigstens dem Anschein nach
— ein behagliches Dasein. Aber ein seltenes Ereigniß
war diese neueste Ehe eines fremden, vornehmen Künstlers
mit einer der Ihren für das Jnselvolk immerhin, das
um so freudiger begangen wurde als auch Tömsen den
Entschluß gefaßt hatte, sich auf Capri anzukaufen und an
geeigneter Stelle nach seinem Geschmack eine Villa zu
erbauen, um in ihr seine späte Ehe fern von der Welt in
einsamem Glück zu genießen. Ein Architekt aus dem
Freundeskreise, der sich allmählich um Tömsen und mich
gebildet hatte, war schon vor der Hochzeit mit der Aus-
führung des niedlichen, in pompejanischem Stil geplantem
Palazzo beschäftigt und der Bauherr begleitete mit regstem
Interesse die Fortschritte des Baues, während er in einer
älteren, leerstehenden Villa sich für die erste Zeit seiner
Ehe einrichtete. Der Trauung des ungleichen Paares in
der schönen Kirche des Städtchens, an welcher „ganz
Capri" theilnahm, sowie dem glänzenden Fest, welches er
darauf seinen Freunden in der neuen Wohnung gab,

während die Verwandten Carminellas in Anacapri regaliert
wurden, konnte ich damals noch beiwohnen.

Hatte die Braut schon beim Kirchgang in ihrem
Weißen Seidenkleid und dem von der Blumenkrone über
das schwarze Haar herabwallenden Schleier entzückend
schön ausgesehen, so daß der Neid, welcher in einzelnen
Gesichtern ihrer früheren Jugendgespielinnen aufblitzte,
nicht blos auf ihre Standeserhöhung und ihren reichen
Perlenschmuck bezogen zu werden brauchte, so war ihr
Anblick bei dem Festmahl noch beglückender. Das von
Tömsen selbst bestellte lichtgrüne Seidenkleid, dessen
griechischer Schnitt prachtvoll zu dem hellenischen Charakter
ihres Gesichts und ihrer Büste paßte, und der weiße
Wasserrosenkranz auf dem antik geknoteten Haar, machten
ihre Erscheinung zu einer wahren Augenweide für uns
Künstler. „Ist sie nicht schön", fragte mich Tömsen immer
und immer wieder, als wir draußen zwischen den Rosen-
hecken der Pergola lehnten, mit dem Gesichte nach der
offenen Thür des Saales, wo am Tische die Kelche mit
perlendem Schaumwein kreisten. „Bin ich nicht glücklich?
. . . Wer hätte mir das prophezeien mögen, als wir vor
drei Monaten gemeinsam hier landeten?" — „Möge es
immer so bleiben, liebster Freund!" sagte ich ernst, ihm
herzlich die Hand schüttelnd. — „Aber warum dieser
Kassandraton?" erwiderte er, mich mit fröhlichem Lachen
auf die Schulter klopfend. „Sie zweifeln doch nicht an
der Dauer meines mühsam genug gewonnenen, endlich,
endlich hier im stillen Port von Capri gefundenen Glückes?!
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