Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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Unsere Bilder, vom Herausgeber — Personal- nnd Ateliernachrichten

ihrer ehrwürdigen Kirchen vorführt. Es war kein Gottes-
dienst und nur einzelne Betende und die niemals fehlenden
Bettler da zurückgeblieben, als der Priester unter ge-
waltigem Geklingel des Küsters aus der Sakristei in die
Kirche heraustrat, um irgend einem sterbenden armen
Teufel die letzte Wegzehrung zu bringen. Sie haben es
sehr eilig und sind nur schnell in ihre Kleider geschlüpft,
denn es ist kein großes Trinkgeld zu hoffen, wie man
der verdrießlichen Miene und dem zerzausten Schopf des
Küsters leicht ansieht. Aber wie echt find sie alle von
ihm bis zu den beiden Ministranten mit den flackernden
Wachsfackeln und den herabgetretenen Schuhen, oder dem
Priester mit seiner konventionell feierlichen Amtsmiene!
Ebenso charakteristisch, ja noch schlagend wahrer sind die
so ganz echt venezianischen Figuren des Vordergrundes,
der alte Gondolier vorne, die knieende Frau neben ihm,
die vom Markte kommend, wo sie etwas Grünzeug ge-
kauft, nur in die Kirche gelaufen war, um geschwind noch
ihr tägliches Vaterunser abzubeten, das schlampige junge
Mädchen neben ihr, der kleine gaffende Schlingel mit dem
zerrissenen Schuhwerk hinter hem Schiffer, oder auf der
andern Seite die knieende Donna mit dem Fächer, die
wohl allerhand Peccadillos abzubeten hatte, wie die neu-
gierige alte Kupplerin mit dem Shaw! über dem Kopf —
kurz alle, alle haben das Gepräge jener Mischung
von Armut, Saloperie, Beweglichkeit und angeborener
Grazie, die für Venedigs Voll so bezeichnend ist. Nicht
weniger ist es die Kirche selber, die jener. Mischung der
Renaissance mit Gotik gehört, wie man sie nur dort so
bezaubernd findet. Da oben in dem Flügelbild ahnen
wir eine fromme Madonna von Vivarini mit zwei
mürrischen Heiligen, darüber zwei Engellnaben von Bnon,
nebenan rechts den Steinsarg eines Dogen, ja selbst das
Gitterwerk des Portals zeigt uns die zierlich spielende
Schmiedeknnst der Renaissance. Am meisten aber ist der so
überaus malerische und mannigfaltige Gruppenban der ganzen
Komposition zu bewundern. Hier sieht man wohl, weshalb
Führich unfern Passini seinen besten Schüler genannt hat!
Darin gerade sind nun die Deutschen seit Rubens,
Cornelius und Menzel bis auf Passini oder Uhde allen
modernen Nationen überlegen, und es ist schon passabel
komisch, wenn unwissende Kunstschreiber ihnen die Nach-
ahmung der modernen Italiener oder Holländer empfehlen,
die darin gar wenig leisten, deren Vorzüge nach ganz
andrer Seite hin liegen. Da dürfte es denn doch ge-
ratener sein, wenn wir uns die zu erhalten suchen, die
unsrer Begabung entsprechen. — Während es jetzt oft
Mode wird, das eine Komposition zu nennen, wenn man
eine Figur möglichst langweilig neben die andre stellt oder
setzt, so erfreut uns hier bei Passini eine Abwechslung
der einzelnen Stellungen, ein überaus feinabgewogener
Aufbau des Ganzen, eine Lebendigkeit der Silhouetten
und dabei doch eine Klarheit nnd bezaubernde Natürlich-
keit der Anordnung, wie ihrer eben nur ein echter Künstler
fähig ist, der noch etwas andres gelernt hat als es der
modische Naturalismus in seiner Roheit, mit oder ohne
graue Lnitreflexe zu bieten vermag, wenn er eine platte
Modellabschrift die Rolle der schaffenden Phantasie ver-
treten läßt. — Und solche Armut der künstlerischen
Erfindung wagt man uns auch noch als Muster anzn-
preisen!

Erträglich wird sie nur, wenn sie das, was der
Verschlingung der Gruppen an Kunst abgeht, durch einen

wirksamen Gegensatz der Mafien und die schlichte,
wahre Empfindung ersetzt, welche die einzelnen Figuren
belebt und würdig macht, wie bei des Amerikaners
Rein hart „Die Erwartung" mit der die Mitglieder
einer Lootsenfamilie der Rückkehr des Vaters von der
Fahrt entgegensehen. Hier macht wenigstens die Einfach-
heit in der Entgegensetzung von dunklen und Hellen Flecken
einen stimmungsvollen Eindruck, welcher der Poesie keines-
wegs entbehrt.

In einem noch besseren Lichte läßt uns Bernatzik
die neueste naturalistische Richtung erscheinen in seiner
„Vifion des heiligen Bernhard", dem in einem stillen
Klostergarten bei helllichtem Tage auf einmal eine Heilige
auf sein brünstiges Flehen erscheint. Wie die Dame da
Plötzlich aus den Stauden herauswächst, das ist bei dieser
gründlich nüchternen Deutlichkeit der Dinge, die uns keinen
Grashalm vorenthält, so unglaublich, daß es gerade da-
durch naiv wirkt, nm so mehr als sie selber wie ihre
ganze Umgebung in ihrer gewissen liebevollen Ausführ-
lichkeit direkt an alte Florentiner erinnert. Daß diese
Naivität aus zweiter Hand, gewollt, nicht ungesucht sei,
das ist zwar nicht zu verkennen, thut aber der Liebens-
würdigkeit der von einem echten Talent Zeugnis gebenden
Bilder keinen Eintrag. Haben doch die Sandro Botticelli
oder Fiesole auch einen so ausgedehnten Gebrauch von
der Naivität gemacht, daß sie schwerlich immer von selbst
kam, sondern erst durch die Entfernung der vier Jahr-
hunderte recht glaubwürdig wird.

Wie man durch die allereinfachste Entgegensetzung
von einer dunklen gegen eine Helle Masse eine mächtige
Wirkung erzielen kann, zeigt uns Andreas Achenbach
noch viel meisterhafter als Reinhart in seinem Gewitter,
dessen Abzug ein Schleppdampfer mit vier Segelschiffen
zur Ausfahrt aus dem Hafen benützt, wenn wir recht
sehen. Solche Einfachbeit der Kontraste hat immer etwas
Imponierendes, und hier hat sie ein großer Meister mit
genialer Überlegenheit zu einem packenden Bilde ver-
wendet, das uns die Gewalt der Elemente in höchst
ergreifender Weise versinnlicht.

Personal- und Mrlirrnachrichkrn

N. Berlin. Der Bildbauer Emil Hundrieser in
Ckarlottenlmrg bat den Auftrag erbalten, die Statue der Königin
Lulle von Preußen, welche wir bereits (Jahrgang NI, Seite 288)
beschrieben haben, für die hiesige Nationalgalerie in Marmor
auszufübren. Das Kunstwerk bildete eine Hauptzierde unsrer
vorjährigen großen akademischen Kunstausstellung und brachte
dem Künstler gelegentlich derselben die kleine goldene Medaille
für Kunst ein.

— St. Petersburg. Heinrich Siemiradzkis
Gemälde „Pbrpne" ist von dem russischen Kaiser für 120000 Mk.
erworben worden. Dem Meister ist jedoch gestattet worden, das
Gemälde, ehe es der kaiserlichen Sammlung einverleibt wird, in
einigen Hauptstädten Europas zur Ausstellung gelangen zu
lassen. So geht dasselbe zunächst nach Moskau, dann nach
Warschau. Berlin und Wien.

H. ?t. Bon dem in Nr. 9 der „Kunst für Alle" erwähnten
Radierer M. Hentschel in Stuttgart ist seither wieder eine
große Radierung nach dem ..Bildnis eines alten Herrn mit dem
Stock" von Rembrandt erschienen, welches ebenfalls von gutem
Verständnis des Malers und seiner künstlerischen Mittel Zeugnis
ablegt und dadurch sehr wirkungsvoll geworden ist.

- - Zürich. Meister Arnold Böcklin ist von der philo-
sophischen Fakultät der Universität Zürich zum Doktor promoviert
worden.

— München. Der Sekretär der Künstlergenossenschaft,
kgl. Rat Ad. Paulus,hat den schwedischen Wasa-Orden erhalten.
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