Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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Uber die Kunst in England. Von lserman lselfcrich — pariser Briefe. Von Vtto Brandes

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fassender Wirksamkeit rüsten und
eine famose Polemik führen;
aber bei Constable singen die
Nachtigallen die Polemik, und
rauschen alle Blätter von
Natur, die weißen Wolken ver-
künden es, daß ihre Schönheit
die einzige von ewigem Be-
stände ist, und im lebendigen
Wasser an den frischen Wiesen
entlang, unter schattigen Bäu-
men dahin, wo sich Tiere und
Menschen ergötzen, predigt es
jede einzelne Welle.

Pariser Briefe

von Gtto Brandes

V^eute habe ich Ihnen zwei
bedeutende Ereignisse aus
der hiesigen Kunstwelt zu mel-
den. Em erfreuliches und ein

Thun (Schweiz), von I. M. lv. Turner

trauriges, das Zusammentretcn der »peintres graveurs«
zu einer Separatausstellung und den Tod Meister Ca-
banels. Es hat Sie vielleicht Wunder genommen,
daß ich Ihnen nicht über die vor vier Wochen statt-
gehabte Ausstellung der 33 berichtet, eine Künstler-
genossenschast, die sich nach der Analogie der Brüsseler 22
gebildet und sich die Ausgabe gestellt hat, kleinere Bilder,
die in der im Salon ausgestellten Fülle größerer Arbeiten
verschwinden, dem Publikum vorzuführen. Mein Gott!
die Geschichte war trotz der Uhdeschen Ährenleserinnen
und einiger Elliotscher im vollen Sonnenlicht gemalter
Bilder nicht sehr tröstlich und machte mir den Eindruck,
als ob es sich vielmehr darum handelte, einzelnen Künstlern,
die ich hier lieber nicht nennen will, die Möglichkeit zu
bieten, vor das Publikum zu treten.

Die Ausstellung der »peintres Zraveurs« ist jedoch
etwas Bedeutendes und Eigenartiges. Bis jetzt wurde die
Schwarzkunst hier nicht als selbsterfindende Kunst, sondern
immer als in gewisser Abhängigkeit von der Malerei
stehend angesehen. Die Gravürenabteilung des „Salons"
brachte zwar sehr schöne »epreuvesr aller Gattungen
der reproduzierenden Kunst, aber nur selten hatte man
Gelegenheit, originelle Stiche oder Radierungen, die
uns die ganze Eigentümlichkeit des Künstlers in Erfindung
und Verfahren zeigten, zu bemerken. Mir ist in den
vielen Jahren, seitdem ich den Salon besuche, nur Des-
boutin und Lhermitte ausgefallen, die nach eigenen
Zeichnungen Arbeiten ausstellten. Nicht daß es an Vor-
bildern gefehlt hätte. Ich brauche hier gar nicht ans
Rembrandt, Dürer, van Dyck, Ostade, Hogarth u. a.
zurückzugreifen, Frankreich selbst besitzt deren ja! Die Reihe
derselben, aus der ich nur Claude Lorrain, Saint-Aubin,
Prud'hon bis zu Paul Huet, Celestin Nanteuil, Meryon,
Daumier erwähne, ist selbst lang. Woran es hier gefehlt
hat, das war das Publikum, welches für diese Kunstrichtung
ein Interesse bezeugte und derselben die nötige Auf-
munterung zu teil werden ließ. Die Arbeiten der hiesigen
Künstler gingen nieist nach England und Anierika. Die
Ausstellung ist daher das Produkt eines gewissen nationalen

Die Aunst für Alle lV

Selbstgefühls und soll das Interesse der eigenen Lands-
leute erzwingen.

Die Künstler haben zeigen wollen, daß sie, wie ihre
Vorvordern, auf den verschiedensten Gebieten der Kunst zu
Hause und daß sie in deren verschiedenen Manifestationen,
sich selbst gleichbleibend, immer eine Individualität in
der Erfindung und der Technik zum Ausdruck bringen.
Diese Beobachtung kann man leicht anstelle», da eine
Anzahl derselben neben ihren »epreuves« auch Bilder aller
Art ausgestellt haben.

Es sind 27 französische Künstler und einige Ameri-
kaner, Engländer und Holländer, die der Katalog auf-
weist. Man sieht, die Zahl der Aussteller ist nicht groß,
auch fehlen einige hervorragende unter ihnen wie Rops,
dennoch ist das Material ein reichhaltiges, verschieden-
artiges, interessantes und zum Teil bedeutendes. Am meisten
ausgefallen sind mir Desboutins ausdrucksvolle Charakter-
köpfe, vor allem sein „Mann mit der Pfeife", ein Selbst-
porträtstich, der ihn berühmt gemacht hat, Goeneutte
mit einer Reihe feinbeobachteter, technisch vollendeter Stiche,
wie das „Duo", die „Grille" und einer Anzahl Pastells,
von denen die in das Bad steigende nackte Frau vollendet
modelliert ist— Tissots, dieses Beobachters der Frauen-
welt, Stiche und Radierungen, des skeptischen Sirouy
Lithographien, von denen die des Menschen suchenden
Diogenes, dem ein Knabe zwei Figuren — Floquet
und Boulanger — vorhält, besonders amüsant ist, Rodin,
der bekannte Zola der Bildhauerei, mit verschiedenen
Radierungen des Porträts Viktor Hugos. Vor allem
dann auch Felix Buhot mit seiner Radierung eines
Pariser Fiakerstandes, ferner Albert Besnard mit seinen
schönen Radierungen zu dem Dumasschen Romane „Affaire
Clemenceau", der Pferdemaler John Lewis Brown
mit verschiedenen Radierungen, Serret mit seinen Stichen
aus der liebevoll beobachteten und poetisch zur Darstellung
gebrachten Kinderwelt, Fantin Latour, ein Wagner-
schwärmer, der auf dem Steine die Personen, wie sie
ihm durch die Musik des Meisters erscheinen, fixiert, aber
auch Brahms und seinen großen Landsmann Berlioz in

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