Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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Modelle. Novellenkranz. Von Johannes Proelß — Farbige Bildnerei. Von Paul Schumann

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Wenn sie erst wieder thatsächlich ihrem Sägercigewerbe
nachgchen werde, müßte sie bei viel geringerem Lohn
viel länger arbeiten und kein Mensch bringe ihr dann
Thee oder lade sie ein, sich ihre Hände an einem Schiff-
mannsöfchen zu wärmen.

Als ich am nächsten Tag bei der Mutter Adelcns
vorsprach, hatte ich natürlich viel zu erzählen. Adele
konnte nicht genug erfahren. Sie war entzückt von
Arnold Bergs zarter Gemütsart und nannte im Wider-
spruch mit mir den allerdings nicht sehr höflichen Keil
einen kalten, hartherzigen Barbaren. Und da gerade
Weihnachten vor der Thür war, kam sie in ihrer Erregt-
heit auf den Einfall, ihre Mutter um Erlaubnis zu
bitten, am Nachmittag vor Heiligabend mit mir der alten
Frau einen geputzten Christbaum herausbringen zu dürfen.
Die Mutter sagte nicht Ja, und sagte nicht Nein. Sie
bemerkte nur, daß Herr Berg in diesem Besuch eine
größere Aufmerksamkeit erblicken könne, als eine junge
Dame einem Herrn bezeugen dürfe. Worauf die kleine
ganz entrüstet rief: „Aber Mama! Ich will doch nicht
etwa gar Herrn Berg draußen besuchen. Das wäre noch
schöner! Der ist mir auch ganz gleichgültig. Nur der armen
alten Frau möchte ich eine kleine Freude bereiten. Auch
will ich ja nur das Tantchen begleiten." — Sie nannte
mich immer Tantchen, wahrscheinlich wegen meines würde-
vollen Wesens, Herr Weinhold. Aus dem hin und her
der Meinungen durfte ich dann entnehmen, daß von seiten
der Mutter dem Plane nichts im Weg stehen würde,
wenn Berg seinen dem Hause schuldigen Besuch in der
Zwischenzeit gemacht haben werde. Jenen abgelehntcn
Besuch bei Adele könne die Mutter nicht in Anrechnung
bringen. Das sei eine Privatangelegenheit zwischen den
jungen Leuten ... Es war mir dann nicht allzuschwer,
den im innersten Herzen nach dem Anblick Adeles sehn-
süchtig schmachtenden Maler zu überreden, dem stillen
Wunsche des geliebten Mädchens „mit Großmut" — wie
er sagte — zu entsprechen. Und so kam denn Adelens
Weihnachtsplan zur Ausführung.

Doch ich will Sie mit keiner ausführlichen Schilde-
rung unsres Überfalls ermüden. Ich sage „Überfall".
Denn als solcher wurde er von dem gestrengen Herrn
Keil empfunden, der uns sehr brüsk anließ und uns er-
suchte, dergleichen Szenen doch in die Privatwohnung
der „Dame vom Sägebock" zu verlegen. Darüber kam

cs zu einer argen Entzweiung zwischen den beiden Malern.
Berg brauste auf und Keil kündigte ihm den Vertrag.
Berg —- ohnehin unbefriedigt auch von diesem zweiten
Versuch, sich in der Pleinair-Malerei als Meister zu
zeigen — schied frohen Herzens ans dem trostlos-wüsten
Freilichtatclicr und gehobenen Sinnes, denn er konnte
sich dabei seiner Dame als Ritter bewähren.

Am andern Tage fand er sich dann feierlich im
K.'schcn Hause ein. Er bat Fräulein Adele, cs noch einmal
mit ihm als Maler zu versuchen. Er habe ein Bild ini
Sinn, für dessen Hauptfigur nur sie allein das Modell
sein könne. Eine „Caritas" solle cs werden. Ganz ohne
Frcilichtcffekt, einfach nach seinem Geschmack und in ge-
wohnter Weise wolle er den Anblick verewigen, der ihm
gestern durch sie geworden: wie sie in der schneebedeckten
Einöde draußen mit dem geputzten Chrislbaum der alten
Taglöhnerin erschienen sei, ein holdseliger Genius des
Mitleids und der Menschenliebe! Und noch um etwas
andres bat der auf einmal wieder kühn und beherzt auf-
lrctcnde Maler das Fräulein Adele, etwas, worauf er
von ihr nicht nur den kleinen Finger, sondern die ganze
Hand erhielt und dazu einen Kuß und noch eine ganze
Menge Küsse. Das war ein fröhliches Weihnachten in
dem Hause! „O du fröhliche, o du selige, gnadenbringcndc
Weihnachtszeit" — ich habe das Lied wohl nie von
einem so seligen und fröhlichen Mcnschenpaore singen
hören, wie letztes Weihnachten in Berlin bei der Vcr-
lobungsfeier der kleinen, blonden Adele.

Und als ich neulich die Anzeige erhielt, welche
der Welt die Verheiratung dieses selben glücklichen
Menschenpaars verkündete, brachte gerade die Zeitung
eine andre Nachricht, die mich an jene Zeit erinnerte.

Herr Maler Moritz Keil in Berlin hatte für sein
Bild „Im Schneegestöber" auf einer großen Ausstellung
die silberne Medaille erhalten. Und in derselben Zeitung
war von der herzbeklemmenden Wirkung dieses düster em-
pfundenen, „furchtbar wahren Bildes" die Rede, das gleich
einer Büßpredigt die Herzen der Besitzenden zum Mitleid
aufrüttle. Doch auch über die „Caritas" Bergs wurde
mit Sympathie geurteilt, obgleich dasselbe dem Geschmackc
der neuen Richtung keinerlei Konzessionen mache. Dieselbe
schiene auch der Eigenart des gemütvollen Künstlers wenig
zu entsprechen, der in seinem Bilde das Mitleid selbst
bei der Arbeit dargcstellt habe.

Farbige

von Paul

ine Ausstellung farbiger Bildwerke, die der Berliner
Bildhauer Enno v. Üchtritz in der Knnstgewerbc-
halle zu Dresden veranstaltet hat, gibt uns Gelegenheit
zu einigen Bemerkungen über farbige Plastik. Trotz des
Widerspruchs einiger Theoretiker haben sich die bemalten
Bildwerke in den letzten Jahren ein Feld in der Kunst
erobert, oder sagen wir besser, zurückerobert. Die Kunst-
lehre wird sich mit dieser Thatsachc abfinden müssen und
kann es ohne alle Schwierigkeiten. Wie soll man Malerei
und Plastik gegen einander abgrenzen? Indem man
dieser die Form, jener die Farbe zuweist. Schwerlich.
Die Kunstgeschichte sollte uns von einem solchen Irrtum

Büdnerei

Schumann

zurückhaltcn. Der wichtigste aus der Natur der Sache
hervorgchcnde, unabänderliche Unterschied zwischen den
beiden Künsten ist der, daß das Gemälde sein Licht in
sich selber hat, während es das Bildwerk von außen
empfängt. Der Maler malt seine Gegenstände in einer
bestimmten Beleuchtung, der Bildhauer kann nur dafür
sorgen, daß sein fertiges Werk die günstigste Beleuchtung von
außen empfange. Die Malerei wirkt mit scheinbarer Körper-
lichkeit, wie sie Luft- und Linienperspektive erzeugen; die
Plastik gibt die volle Körperlichkeit selbst. Die Farbe
können, allgemein gesprochen, beide nach Belieben ver-
wenden oder nicht. Dem farbigen Ölgemälde steht die
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