Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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Modelle. Ein Novellenkranz. Don Johannes Hroelß — Unsere Bilder. Dom Herausgeber

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sein Modell wird, keine Schuld. Das vergiftete Lautier-
blut, das durch seine Adern rollt, seine Phantasie erhitzend,
aber die Thatkraft lähmend, trägt daran die Schuld." Er
klappte sein Buch zu. „Übrigens ein großartiges Werk,
trotz allem was sich gegen die Kunsttheorien Claudes
und sein »klein air« sagen läßt: kühn und neu im Ent-
wurf, scharf beobachtet und geschildert, ergreifend in der
Wirkung."

„Ach, schweigen Sie doch von dem entsetzlichen Buch",
rief mit einer Geste des Abscheues die Dame.

„Ja, verschonen Sie uns mit Zola. Wir hatten
an „Nana" genug", klang es von dem Düsseldorfer
Brüderpaar herüber.

„Nein wahrhaftig, meine Herren", warf Professor
Schultz ein, „U'oeuvre steht hoch über Nana. Sie sollten
es lesen: die gährenden Kämpfe einer Heranwachsenden
Künstlergeneration, die ihrer eigenen Zeit neue Ideale
abringt, sind da mit unbestechlicher, scharfblickender Wahr-
heitsliebe geschildert. Man braucht diese Ideale nicht zu
teilen und muß doch Sympathie empfinden mit den mut-
vollen Neuerern, denen ein voller Sieg ja auch in dem
Romane versagt bleibt."

„Was aber das Verhältnis Claudes zu Christine
betrifft, so ist ihr Schicksal doch gerade ein Beweis für
meine Auffassung", fuhr die Dame fort. „Da zeigt sich
ja, wohin es führt, wenn ein Künstler ein Weib nimmt,
das ihm nicht mehr zu sein vermag als ein Modell."

„Nicht doch. Christine ist ja gar kein Modell. Sie
wird es wider Willen. Und ihr Unglück ist im Gegen-
teil, daß sie als Weib geliebt sein will, während Claude
mehr und mehr nur sein Modell in ihr liebt."

„Und von dem ganzen Verhältnis sind französische
Zustände, ist das moderne Paris die Voraussetzung."

„Warum schreibt kein deutscher Schriftsteller einen
Roman, der unser eigenes modernes Kunstleben in seinen
Gährungen, seinen sozialen Verhältnissen darstellt, unter
denen die Modellfrage eine so große Rolle spielt. Die
große Frage der Grenze zwischen Realismus und Idealis-
mus hat ja in unsrem künstlerischen Verhältnis zu unsren
Modellen ihren Angelpunkt. Und es fehlt wahrlich nicht
an Stoff. Jeder von uns hat da zu erzählen. — Nehme
man beispielsweise den Prozeß gegen Professor Gräf,
dieses Märtyrertum einer verirrten Küustlerphantasie, zum
Hintergrund! — Machen Sie sich daran, Doktor!"

Hans Weinhold hatte, während der ältere der Brüder
Böhm an ihn diese Anregung richtete, diesem den
Band Zola überreicht und nahm nun auch Platz in dem
Kranz der malenden und zeichnenden Künstler. „Sie
vergessen Heyse's „Im Paradiese". Daß die Heirat mit
einem Modell auch glücklich machen kann, hat er darin ja
meisterlich an seiner „roten Zenz" gezeigt, dem lustigen
Ding, das Wohl die gelungenste Figur in dem farbigen
Lebensbild ist."

„Wohl eine prächtige Figur", ergänzte Thausig.
„Aber der Mann, den sie beglückt, der Phantasieschwelg
Rossel, ist als Künstler nicht voll zu nehmen. Er malt
ja nicht mehr."

„Und darum läßt sich mit seinem Fall der von
Enghaus auch nicht vergleichen", triumphierte die schöne
Polin, die inzwischen gleichfalls wieder ihre Arbeit aus-
genommen hatte. Dann sich zu Fräulein Cilli wendend:
„Es ist eigentlich Unrecht solche Dinge in Ihrer Gegen-
wart zu erörtern."

Doch der Vater des jungen Mädchens ergriff statt
ihrer das Wort. „O Cilli ist kein Kind mehr. Und immer
auf den Verkehr mit mir alten Knaben angewiesen, ist
sie an solche Erörterungen gewöhnt. Komm', Kamerad,
sag' auch du deine Meinung."

„Ich meine, es läßt sich in dieser Frage überhaupt
nichts allgemein Giltiges feststellen. Es kommt doch alles
auf die Persönlichkeit an. Meinst du nicht auch Papa?"

„Da hat wieder Fräulein Schultz den Nagel auf den
Kopf getroffen", rief mit Nachdruck Hans Weinhold.
„Und weil die Modellfrage nicht so einfach zu lösen ist;
wie wär' es, wenn jeder von uns nach seiner Erfahrung
sie in einer besondern Beleuchtung zeigte. „Wenn weise
Reden sie begleiten, dann fließt die Arbeit munter fort",
sagt der Dichter. Unweise Geschichten thuns auch —
vielleicht noch besser. Hier — so im Freien — fern
von der, den Flug der Gedanken beengenden Salon-
atmosphäre — erzählt es sich gewiß gut. Wird der Roman
auch nicht geschrieben, von welchem Herr Reinhold Böhm
sprach, so bringen Sie so doch wenigstens Material für
einen solchen zu Tage. Und mir den Schriftsteller über-
lassen Sie dann dasselbe zu weiterer Verwendung. Nicht
wahr? Einverstanden?"

Damen und Herren drückten ihre Zustimmung aus.
Und Thausig, den Blick dem herrlichen Innthal zuwendend,
das zu ihren Füßen häuserbesät und reich an Wiesen
und Wäldern zwischen den Bergen dahinzog, rief begeistert:
„Hier ist der rechte Ort für diese Beschwörung. Dort
unten zieht die alte Heerstraße dahin zum Brennerpaß,
über den so mancher deutscher Maler gen Welschland
gewandert, um die Enkelinnen von Raffaels Modellen
zu suchen. Und hier in der frischen Bergluft redet sich's
frei und offen. Wer aber fängt an?"

„Immer, der fragt. Herr Thausig hat das Wort."

„Ja, aber wie anfangen?"

„Nur munter hineingegriffen in den Strom der
Erinnerung!"

„Gut denn. Meinetwegen. Die Geschichte wird
meiner schönen Nachbarin beweisen, wie es doch sehr
wohl Vorkommen kann, daß ein junger wohlerzogener
Maler aus der besten Familie auf die tolle Idee gerät,
sein Modell zu heiraten. Und weil das flinke Ding,
dem dabei die Hauprolle zufiel, keine roten Haare hatte,
sondern braune, auch nicht Zenzl hieß, sondern Burgei, so
sei die Geschichte schaukweg „Die braune Burgei" betitelt."

(Fortsetzung im nächsten Hefte)

Unsere Bilder

Dom Herausgeber

^sl^räumerei" betitelt der Spanier Melida seine allem
" nach zum Maskenball in der Pariser großen Oper
mit Eroberungsplänen ziehende Schöne. Dieses „Wohin"
läßt sich allerdings weit eher mit Bestimmtheit erraten,
als wo sie her sein mag. Nur daß es keine Spanierin
ist, sondern viel wahrscheinlicher eine jener internationalen
Schönen, wie sie solche Bälle zieren, die ebenso gut aus
Moskau, Warschau oder auch aus Brüssel stammen kann,
nur sicherlich weder aus Sevilla noch aus Saragossa.
Auch das Mobiliar des Gemachs, das ihr als Overations-
basis dient, harmoniert vollständig mit dem elegant sein
sollenden Gerümpel eines Zimmers in einem Pariser
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