Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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12 Auf Frauenchiemsee. Erzählt von K. Raupp — Der Gorilla. Line Pariser Künstlergeschichte, von I. v. lvidinann

des Chiemsees empfunden und gepriesen, hat noch kein
Maler dieselbe znpschildern*) verstanden!



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Der Gorilla

Eine pariser Aünstlergeschichte. von I. v. !l?idmann
Zu der Abbildung auf S. 1.*)

^l^er Salon — der vorjährige —
war eben eröffnet und, da es in
der Gesellschaft „Chic" ist, an einem
der ersten Tage ihn zu besuchen,
wimmelten die weiten Säle von Neu-
gierigen. Besonders dicht umlagert war
eine in lebensgroßen Figuren aus-
geführte plastische Gruppe, die in der
Tat auch geeignet war, sowohl durch
die Seltsamkeit des Gegenstandes, wie
durch eine wunderbare Mischung des
Grauenvollen mit dem verführerisch
Schönen selbst auf stumpfe Gemüter
eine fesselnde Wirkung auszuübeu. k'sl
Ein furchtbarer Affe, den linken
Arm mit einem mächtigen Schleuder-
stein bewaffnet, den er alsobald gegen
unsichtbare Verfolger schleudern wird,
nach denen er aus-zublicken scheint,
zeigte sich den Beschauern. Das schreck-
liche Tier von grimmigstem Ausdruck
des zähnefletschenden Gesichts war dar-
gestellt in dem Augenblicke, wie es mit
einer lebenden Beute, die sein rechter
Arm fest umschlossen hielt, eben aus
einen Fels gesprungen war, vielleicht
vor dem Eingang der Höhle, wo es
seine Wohnung haben mochte. Die
Beute aber, die es dahin schleppte,
war ein wunderbar schönes Weib von
jugendlich blühenden Formen, eine junge
Wilde, die der Gorilla geraubt hatte,
als sie zum Quell am Waldessaum
hiuabgegangen war; eine ihr am Gürtel
hängende Kürbisflasche wenigstens schien
auf diese zufällige Gelegenheit des
Raubes hinzuweiscn. Im übrigen war
das Weib oder Mädchen völlig un-
bekleidet; nur durch die Haare schlang
sich ein Band. Dem Beschauer blieb
ihre Stirnseite und das Antlitz ver-
borgen, da der Affe die Geraubte so
dicht als möglich an seine zottige
Brust drückte; sie aber kämpfte ver-
zweiflungsvoll, indem sie mit beiden
Armen gegen das Untier sich stemmte,

*) Non de». Dichter im Jahre 1860 aus einem Blatt des
ersten Bandes der Knnstlerchronik von Frauenchiemsee nieder-
geschrieben.

») Da die plastische Gruppe des
Pariser Bildhauers Fremiet zur Zeit auf
der Münchener Ausstellung die Blicke so
vieler Besucher auf sich zieht, dürfte es
unsren Lesern, denen wir heute eine Abbil-
dung dieser Gruppe vorlegen, willkommen
sein, die in novellistischer Form gegebene
Entstehungsgeschichte dieses Werkes kennen
zu lernen. Daß der Wert derselben weniger durch die Frage
nach dem wirklichen Thatbestand zu ermitteln ist, als vielmehr in
der Hervorhebung des den Künstler möglicherweise leitenden Haupt-
motivs und in der Verdeutlichung des idealen Gehaltes dieses
Kunstwerkes liegt, werden unsre Leser leicht herausfinden.
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