Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

Page: 134
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über die Ähnlichkeit von Bildnissen, von 1V. Airchbach — Griechisch-ägyptische Porträts, von B. Erker

Welches eine Erinnerung erweckt und der Beschauer findet nicht eigentlich die Karikatur als solche „ähnlich",
sondern er überträgt seine eigene Vorstellung und sein lebhaftes Erinnerungsbild, da ihm ein Leitfaden gegeben
ist, auf das Stück Papier vor sich hin, auf dem jene andeutenden Striche stehen. Bei einer solchen Skizze
heißt es also nur gewisse Merkmale des Urbildes recht augenfällig andeuten, welche dasselbe von andern Einzel-
wesen unterscheiden und willig ergänzt Erinnerung und Einbildung das Weitere. So wie ich aber ein wirk-
liches Bildnis male, in dem ich zwar auch durch Zeichen rede, muß ich vieles, was der Menschheit überhaupt
bis zu einem gewissen Grade gemeinsam ist, ausführen; die unterscheidenden Merkmale werden weniger augen-
fällig. Merkmale, die unterscheidend sind für das Einzelwesen, so lange ich nur durch das Zeichen der Kari-
katur rede, fallen weg, sowie ich meine Zeichnung etwa schraffiere; mit diesem Umstand, tritt bereits eine Forderung
an ein gewisses Durchgestalten auf und indem ich den Backenknochen herausbilde wird auf einmal die höchst ähn-
liche krumme Nase übertrieben erscheinen, weil sie gar nicht auf das anatomische Verhältnis zum Backenknochen
angesehen ward in der Karikatur. Ich muß also verfeinern. Die Sache geht in demselben Verhältnis weiter,
je weitere Forderungen und Gesichtspunkte der Ähnlichkeit ich durch die Ausführung stelle, derart, daß die Ähn-
lichkeit, welche ein Bildhauer im Marmor hervorbringt eine ganz andre ist, als diejenige, welche der Maler
mit seinen Farben erreicht. Die Sache geht so weit, daß das Bild eines Freundes, den man zugleich in
Marmor und im farbigen Gemälde vor sich sieht, die Empfindung zweier fremder Menschen hervorbringt, trotz-
dem wir sie doch als eine Person erkennen. Die sogenannte Naturwahrheit und Ähnlichkeit sind also in
der That zwei ganz verschiedene Dinge. Die Studie eines Malers nach einem Kopfe kann unter Umständen
ganz naturwahr sein und doch höchst unähnlich ausfallen. Das Ähnliche kann aber ebenso sehr, ja in
noch höherem Maße naturunwahr sein, den Möglichkeiten der anatomischen und sonstigen Natur wider-
sprechen. Laien finden Bildnisse höchst ähnlich, die in Hinsicht des „Teints", der farbigen Erscheinung des
Fleisches eines Menschen, vollständig unwahr sind und den Möglichkeiten der Natur widersprechen. Karika-
turen sind durchaus unwahr, widersprechen der Wahrheit der Natur und wirken doch „ähnlich". In der That:
„Ähnlichkeit" ist nicht „Gleichheit". Sie beruht auf einem stillschweigenden Übereinkommen, welches nicht eine
Gleichheit der Erscheinung, sondern nur ein Vergleichen und seine Möglichkeit verlangt. Der feinere
Künstler, der da weiß, mit wie unwahren und leichten Mitteln die Ähnlichkeit als solche zu erreichen ist, ringt
nach der größtmöglichen Vereinigung von Natnrwahrheit mit der Ähnlichkeit. Nur dadurch wird sein Bildnis
erst zum Kunstwerk und die Laien, welche so mancherlei an ihrem Konterfei zu mäckeln haben, sollten erwägen,
daß sie, mit der Forderung an die Ähnlichkeit allein, dem wahren Künstler etwas zumuten, was weit unter
seiner Würde steht. Sie werden manche Äußerung berühmter Maler, die in gewissem Sinne verächtlich von
jener gemeinen Ähnlichkeit sprechen, verstehen, indem sie erwägen, daß der Meister der Bildniskunst einen
höheren Gesichtspunkt des Vergleiches auf Ähnlichkeit aufstellt, als der geistreiche Skizzenzeichner, der über Land
geht und die Kinder und Bauernmädchen zum Überraschen „trifft". Allerdings muß der Künstler, der jene
höhere Forderung an sich und den Laien stellt, dann erst recht die Begabung haben, sein Ziel zu erreichen:
Das charakteristische Erinnerungsbild des Laien mit der gegebenen Naturwahrheit zu jenem Gesamtbilde zu
vereinigen, welches uns den Charakter einer Person mit dem Scheine unbefangener Menschenkenntnis hinstellt.

Griechisch-ägyptische Porträts

Von Bernhard Lcker*)

ls um die Mitte des 13. Jahrhunderts das Interesse
an der Kultur, die durch das Christentum ver-
nichtet worden war, in Italien zu erwachen begann, als
man einen Einblick gethan in das gewaltige Geistesleben,
das die antike Welt durchflutet hatte, als die Dichter
und Philosophen der Griechen und Römer zu neuen
Ehren gelangten, erstrebte man auch mit größter Energie
eine Erkenntnis der künstlerischen Thätigkeit jener Epoche.
Der Boden Italiens und Griechenlands wurde emsig
durchforscht nach Bildwerken, die Barbarei und religiöser
Fanatismus umgestürzt und zerbrochen hatte. Der Eifer
ward reichlich belohnt. Die Ausgrabungen, bis auf
unsre Zeit mit außerordentlichem Erfolg fortgesührt, er-
füllen die Museen Italiens und ganz Europas mit einer
so imposanten Menge von Statuen, daß, wiewohl nur

*) Der hier mitgcteilte Aussatz deckt sich nicht mit den An-
schauungen des Herausgebers dieser Zeitschrift; da jedoch diese
Porträts eine lebhafte Kontroverse hervorgerufen haben, hielten
wir cs für unsre Pflicht einige derselben unfern Lesern bildlich
vorzuführen.

der kleinste Teil dessen, was überhaupt geschaffen wurde,
wieder an's Tageslicht kam, nicht nur die Blütezeit der
alten Kunst, sondern auch ihre ganze Entwickelung von
den frühesten Anfängen an, uns klar vor Augen steht.
Aber all diese Funde gehören nur dem Bereich der Plastik
an; die Malerei geht leer ans. Von all den Wunder-
werken, von denen die Kunstschreiber und Reisenden er-
zählen, ist nicht ein einziges gerettet; all die Namen
hervorragender Meister, die überliefert sind, bedeuten nichts
für uns als Namen. Wir wissen, daß es große künst-
lerische Wirkungen waren, die da erreicht wurden, daß
Geschichts- und Sittenbild, Landschaft, Stillleben und
Ticrstück, also das ganze Reich der Malerei beherrscht
ward; wir sind berichtet von der Wirkung auf das
Publikum, von eifrigen Debatten über die Berechtigung
gewisser Stoffe und Darstellungsarten; wir kennen einige
allerliebste Anekdoten, die uns einen Rückschluß auf die
Naturwahrheit, einen Vergleich mit den heutigen An-
schauungen erlauben, aber wir besitzen nichts oder so gut
wie nichts von Gemälden selbst. Das wichtigste waren
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