Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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Die Mowgraxchie in der modernen Kunst

von Karl Raupp

ls vor etwa vierzig Jahren die ersten Erzeugnisse
der Photographie mit ihren verblüffenden Resultaten
das Ende aller künstlerischen Arbeit zu bedeuten schienen,
hätte selbst der unverbesserlichste Sanguiniker nicht die
Behauptung, daß einst das völlige Gegenteil eintreten,
daß diese bedenkliche Konkurrenz der Sonne dem ma-
lerischen Schaffen lediglich neue Impulse und dem Kunst-
bedürfnis und auch Verständnis den Weg in weite
Volksschichten eröffnen werde, zu machen gewagt. —
Aber kaum ein Dezennium später ist die wunderbare
Malerin Sonne schon bereits aus der befürchteten Ver-
derberin zur Lehrmeisterin der künstlerischen Jugend
geworden. Frappant war der Hinweis, der in den jetzt
folgenden photographischen Naturaufnahmen landschaft-
lichen Charakters, besonders aber in der Wiedergabe
sonnenbeleuchteter Architektur zu Tage trat. Die Energie
der Erscheinung, die greifbare Plastik wie Licht- und
Schattenwirkung solcher photographischer Bilder zogen
dem empfänglichen Sinn des jungen Künstlers gleichsam
einen Schleier von den Augen.

Unter Führung ihres Meisters hatte damals gerade
die junge Pilotyschnle die Fahne einer kräftiger» Natur-
anschauung aufgepflanzt; der begabteste darunter, Franz
Lenbach, aber die Lehren der Sonnenphotographie mit
revolutionärer Allgewalt in das Bereich der künstlerischen
Darstellung gezogen.

Wer sich noch des jungen Meisters Erstlingsbild
„Flüchtende Bauern vor drohendem Wetter", dann des
„Titusbogens" und des ursprünglichen Zustandes seines
in der Sonne liegenden Bauernjungen (Schackgalerie)
erinnert, weiß auch, welch ein gewaltiger Schritt auf
dem Wege einer gesunden Naturempfindung damit gethan
ward, versteht das Aufsehen, das diese präzisere Fassung,
diese ungeschminkte, derbe Wahrheit gegenüber dem alt-
gewohnten Kompromiß mit der Natur einst gemacht hat.

Die Winke der Photographie, welche Lenbach, aller
herkömmlichen akademischen Weisheit und Tradition ent-
gegen, so rücksichtslos auf seiner Leinwand benützte, sie
haben freilich Sturm und Anfechtung ehedem genug
erzeugt. Allein die Jugend hat sich damals so wenig
wie heute um den, aus dem älteren Lager erschallenden
Warnungsruf Sorgen gemacht. Heute zum zweitenmal
schickt die Siegerin Photographie unter dem Namen
„Freilicht" sich an, frisch pulsierendes Leben unserm
künstlerischen Schaffen zuznführen; sie hat jedoch diesmal
den Umweg über Paris gewählt, ob unsrer deutschen
Kunst zum erhofften Vorteil — wer hätte jetzt schon ein
unbefangenes Urteil darüber!

Vorerst wenigstens scheint leider die allzu übereilte
Ausstellung von Werken einer kleinen Gruppe deutscher
Maler auf der diesjährigen Pariser Ausstellung, vorzugs-
weise aus den Vertretern der extremsten Richtung zu-
sammengesetzt, bestimmt zu sein, den eminent guten Eindruck
der von Gedon 1878 arrangierten Deutschen Kunsthalle
in Paris vergessen zu machen. Dieselbe dürfte schwerlich
das Mißtrauen, welchem in Laienkreisen die Freilichtmalerei
allenthalben begegnet, vermindern, — wird darin die
jüngste Probe, die nun eröffnete Jahres-Kunstausstellung
im Münchener Glaspalast glücklicher sein?

Gerade in Bezug auf diese neueste Phase in der
Entwickelung unsers Kunstlebens ist eigentlich zu bedauern,
daß Lenbach selbst so bald den kräftig eingeschlagenen
Weg verlassen und seine malerischen Ziele auf völlig
andern Pfaden gesucht hat. Er würde voraussichtlich der
Ausgangspunkt einer charakteristisch deutschen, realistischen
Richtung gewesen sein, die eigenartig und selbständig
entwickelt, der späteren Gefolgschaft französischer Muster
entraten haben würde.

Die nächsten, einschneidendsten Folgen der Photo-
graphie galten dem Gebiet der künstlerischen Reproduktion.

Stich und Lithographie zeigten bis dahin häufig
willkürliche Änderungen, oft unglaubliche Abweichungen
in der Wiedergabe des Originals. Zuerst die absolute
Richtigkeit der Photographie zwang den Stecher, indem
sie ihm dafür eine mühevolle Zeichnung ersparte, zu
strengerm Eingehen auf die Vorlage.

Dennoch ist die künstlerische Reproduktion schrittweise
von der siegenden Konkurrentin zurückgedrängt und über-
flügelt worden. Gegen die staunenswerte Wiedergabe der
Faksimile-Handschrift des Künstlers und angesichts der
fortgesetzten fabelhaften Vervollkommnung des mechanischen
Verfahrens, hat die heutige graphische Kunst schwer zu
kämpfen — es ist nur noch eine Frage der Zeit, wer
allein Herrscher ist im Reiche der Vervielfältigung.

Dagegen stellte sich der photographische Apparat
mehr und mehr in den Dienst der Malerei. Nicht allein,
daß durch die massenhaften Publikationen des photo-
graphischen Verlags die ganze gebildete Welt mit den
Erzeugnissen der produzierenden Künste bekannt und ver-
traut gemacht, das Interesse geweckt und erhalten wird,
ist auch sonst noch die Photographie dem schaffenden
Künstler förderlich und notwendig geworden, Lehrmeisterin
und Dienerin zugleich.

Den weiten Kreis der malerischen Studien und Hilfs-
mittel ergänzt und vermehrt die Photographie; für den
Maler in lehrreichster Weise gibt der Apparat das Bild
der ziehenden Wolken, das bewegte Meer, Wald und
Feld, Mensch und Tier, ganzes und einzelnes, dem
Künstlerauge tausend köstliche Winke bietend.

Jene Studien, welche der Handel bot und dem
Künstler als unentbehrlich und nützlich sich erwiesen,
drängten diesem von selbst den photographischen Apparat
auf. Für den eigenen intimen Gebrauch photographische
Naturaufnahmen herzustellen, nicht mehr auf das jedem
gebotene angewiesen zu sein, war zu einleuchtend und
praktisch offenbar, als daß die selbstthätige Ausübung in
den Kreisen der Künstler nicht massenhaft Eingang ge-
funden hätte. Zumal endlich die Vervollkommnung der
Instrumente, die Herstellung von Trockenplatten und
anderm, damit Hand in Hand gehend, die Benützung
wesentlich erleichtert.

Der Apparat gehört nunmehr zum notwendigen
Atelierinventar, neben dem Malschirm steht jetzt im Freien
die Camera, und wenn der Künstler früher nur unter
dem Schirm fleißig gewesen, so steckt er jetzt ebenso oft
den Kopf unter das schwarze Tuch, um „einzustellen".
Und in hundert Fällen betritt man des modernen Malers
Atelier —- der Inhaber ist in der Dunkelkammer, dumpf
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