Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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262 ^abresansstellung im Wiener Künstlerhanse, von L- o. vineenti — von der Ausstellung in ffambnrg. von 6. ffelferick

wiederholen. Eine der besten Statuen ist Wollecks (Berlin) „Industrie"; die Gipsgruppe von Jllitsch
(ebenfalls Berlin) „Amor und Venus" (Abb. s. S. 257), ein in hohem Grade liebenswürdiges Werk, zeigt eine
vortreffliche Modellierung (insbesondere die Rückenschweisung der Göttin); der Wiener Max Christian liefert
mit einer Statue „Märtyrerin" (Abb. s. nuten) eine nackte Mädchengestalt am Marterpfahl mit schmerzlichem

Gesichtsausdruck, einen schönen Befähigungsnachweis; Mysl-
becks „Heiliger Wenzel" (Abb. s. S. 271) ist eine Reiterstatnette
von inniger Empfindung, Kochs „Madonna" (Abb. s. S. 258)
von schöner Schlichtheit. Bei Tilgner, dem vielleicht Meist-
beschäfligten unter den Wiener Künstlern, ist nur zu staunen,
daß er allemal ansstellt und den alten Erfolg nicht allein
festzuhalten, sondern noch zu erhöhen versteht. Die „Zurück-
gewiesenen" der Jahresausstellung endlich haben wir in die
Notizenrubrik verwiesen. Den unter gewissen Umständen
in Aussicht gestellten „Kampfartikel" können wir schuldig
bleiben.

Märtyrerin, von Max Lhristiau

wiener Iahresausstellung 1889

Von dcr Auoftcllunil in Vamluirg

von vermalt Delt'ericb

^7Dn den letzten Tagen des April sahen wir die Vorbercitungs-
^1; arbeiten der Hamburger Ausstellung; der Direktor
Ör. Brinckmann, der die Seele und die Intuition dieser Aus-
stellung ist, machte in liebenswürdiger Weise unseren Führer.
Sie wissen jedenfalls, wie eine fertige Ausstellung aussieht,
auch werde ich Sie nicht mit der Schilderung einer solchen
langweilen. Ich werde es nicht, weil ich es nicht kann. Man
kann nur erzählen, was man gesehen hat. Wenn diese Zeilen
vor Ihren Augen erscheinen, trifft es sich, daß die Hamburger
Ausstellung seit 14 Tagen geöffnet ist, jetzt, da ich diese Zeilen
schreibe, ist sie noch 14 Tage vor ihrem Beginn. Mein Weg
— der in diesem Sommer, wie ich hoffe, weit gehen soll —
führte mich eben gerade jetzt nach Hamburg, und zur Zeit,
da die Ausstellung eröffnet wird, weiß ich nicht, ob ich noch
dort sein werde.

Ach, und es ist auch ganz hübsch, so die Ausstellung vor
ihrer Eröffnung zu sehen. Man ist mehr enthusiasmiert für
die Sache. Man kennt genau, wie fertige Ausstellungen aussehen,
so wie man die Treppen in den großen Hotels ersten Ranges
mit ihrem elektrischen Licht und den blumigen Teppichen ohne
Gemütsbewegungen hinaufschreitet. Wie anders gestaltet sich
der Eindruck aber als bei allen anderen Ausstellungen, wenn
man durch eine Balkenthür in den Eingang einer werdenden
Ausstellung tritt und um sich her die Tischler hobelnd, die
Maler malend und die Erdarbeiter grabend findet. Man ist
kritisch und kalt nur gegen fertige Werke, man ist angeregt
und neugierig dem werdenden gegenüber. Es ist ein prickelndes
Gefühl, der Arbeit anzuwohnen, mau freut sich der Arbeit,
aus Freude daran, daß man arbeiten sieht. Und man sei noch
so alt als Besucher von Ausstellungen -— es ist heiter, über
Schutt und Geröll zu klettern, um das anzusehen, was, wäre
cs bequemer zu sehen, man anzusehen unterließe. Es liegt
sicher ein Reiz in allem Unfertigen. Wir ahnen, wir tasten,
wir sind thätiger, als vor etwas Fertigem. Vielen von uns
gefällt ein angefangenes Bild besser als eines, an dem der
letzte Strich gethan ist. Wie hübsch sind erste Skizzen! wie
viel Überflüssiges wohnt den Ausführungen inne. Welche
Pracht der Intention, der Bewegung, des zuckenden Lebens-
gefühls in Raffaels Madonnensludienblatt, das ln Oxford pst,
und welch eine Art von Versteinerung dieser Eigenschaften —
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