Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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Lin Novellenkranz. Von Johannes proelß
II.*) Die braune Burgei.

<i^s sind Erinnerungen aus der fröhlichen Jugendzeit,

deren Pforten ich da entriegle. Hei, wie das lustig
mir entgegenwirbelt und schwärmt wie ans einem Bienen-
körbe im Mai. Wie das singt und jodelt, schmolliert
und wiederhallt von herzhaftem Lachen! Ach, wir waren
damals auch ein gar zu fideler Kreis! Lauter lebens-
lustige, lebensdurstige junge Künstler. Der Himmel unsrer
Zukunft hing voller Geigen, auf denen Raphaelsche Engel
ein Gloria spielten, unfern einst zu schaffenden Werken
zu Ehren. Das ist so die Lichtseite des Künstler-Fuchsen-
tums, jener Übergangszeit, in der sich der bisherige
Akademieschüler zum freien Künstler entpuppt, berauscht
von Träumen späterer Meisterschaft, die er dann — ach —
so selten erreicht. Und uns dreien, von denen ich zu
erzählen habe, so grundverschieden wir von Natur waren,
ein süßer Freiheitsransch machte uns damals im gleichen
Maße Herz und Puls schneller klopfen.

Aber trotz des sonnigen Scheins, der dieses Er-
innerungsbild verklärt, fehlt es demselben nicht an Schatten.
Den Grund zu unserm Freundschaftsbund legte sogar ein
Mißgeschick, das uns gemeinsam traf. Aber ohne dasselbe
wären wir uns kaum je näher getreten und so hatte auch
dieses seine Lichtseite. Der feine, zu reserviert-gemessener
Lebensart erzogene Bremenser, Gotthold Strömberg, hätte
sich sonst schwerlich gleich am ersten Tag der Bekanntschaft
dem derbbiederen Peter Klampfner angeschlossen, dessen
Vater in einem Ort des Pusterthals als Bildschnitzer
lebte, und der unter großen Entbehrungen und nach
schweren Kämpfen erst Kunstgewerbeschüler in Salzburg
gewesen war, bis ein dort lebender Genremaler sich seiner
angenommen und ihm den ersten Malunterricht erteilt
hatte. Und ich würde wahrscheinlich bei meinen engeren
Landsleuten, zum Teil bisherigen Mitschülern auf der
Dresdener Akademie, näheren Anschluß gesucht haben. Wie
diese hatten auch wir in jenen Frühlingstagen uns um
den Eintritt in eines der akademischen Meisterateliers
beworben. Wir aber hatten die rechtzeitige Anmeldung
verbummelt und da die Zahl der Schüler über eine gewisse
Grenze nicht hinauswachsen durfte, so empfing uns in
München der niederschmetternde Bescheid, wir seien über-
zählig und müßten bis zum nächsten Semester warten.

Unsre Ratlosigkeit führte uns dazu, gemeinsame Sache
zu machen. Wir beschlossen, den Professor aufzusuchen
und ihn mit Bitten um nachträglichen Zulaß zu bestürmen.
Er war liebenswürdig genug und erklärte sich bereit,
während des nächsten Semesters sich um unsre Arbeiten im
eigenen Atelier ein wenig bekümmern zu wollen. In den
der Akademie zugehörigen Räumen, die seinen Schülern zur
Verfügung ständen, sei absolut kein Platz. Schon in
Rücksicht auf dieses Anerbieten waren wir nun darauf
bedacht, unsre Ateliers thunlichst nahe bei einander, wo-
möglich auf einem Flur, in einem Hause zu mieten.
Fröhliche Bummeltage die folgende Ateliersuche! Schließlich
wurde unser eifriges Suchen belohnt. Strömberg und ich
fanden geeignete Zimmer in demselben Stockwerk neben
einander und eine Etage höher schlug Peter Klampfner
seine Malerwerkstatt auf.

Unser liebes München hat sich in den zehn Jahren,
die seitdem verflossen sind, vielfach verändert. Es ist
großstädtischer geworden; ob auch gemütlicher? . . .
Nun es ist immer noch gemütlich genug! Damals wurde
an dem Mesenwerk der neuen Akademie noch gebaut,
daher die Raumnot, die uns so schnell auf eigene Füße
gestellt hatte. Auch solche Bierpaläste, wie der Löwenbräu-
keller und jenseits der Isar der neue Hofbräukeller kannte
dies anspruchslosere München noch nicht, sondern sämtliche
Biergärten, welche nach den Kellereien der großen Münchener
Bräuhäuser benannt sind, zeigten das Bild altbajuvarischer
Ursprünglichkeit und Urgemütlichkeit. Von der schimmern-
den Pracht, wie sie heute die Säle des Cafe Luitpold
entfalten, kannten ferner noch nichts die altrenommierten
Lokale in der Neuhauserstraße, wo wir des Nachmittags
unfern Skat, unsre Partie Billard oder Domino spielten.
Aber lustig gings dabei zu, ausgelassen und ungeniert.
Und am ausgelassensten von uns allen war unser anfangs
so förmlich zurückhaltender Freund aus der frommen
Hansastadt Bremen.

Wie Schlacken wars von ihm hernntergefallen, und
sein lebenslustiges Herz erglühte, als schiene zum ersten-
male die Sonne des Lebens warm und ungebrochen
hinein. Wie frisches Quellwasser, das — lang zurück-
gestaut — einen Wehr durchbricht, tummelten sich in
ungebundener Lust seine Lebensgeister. Kein Wunder: er
hatte bis dahin genug unter dem Zwang gelitten, der
ihnen zu Hause den freien Flügelschlag gelähmt. Sein
Vater, ein reicher Zigarrenfabrikant von strengen Grund-
sätzen und orthodox-kirchlicher Richtung, hatte mit der
ihm eigenen zähen Hartnäckigkeit dem Wunsche seines
jüngsten Sohnes lange wiederstanden, der schon als flügger
Quartaner erklärt hatte, Maler werden zu wollen. Er
hatte trotz seines Widerstrebens erst das Gymnasium
durchmachen und sein Maturitätsexamen bestehen müssen,
ehe er endlich doch die Erlaubnis erhielt, in der Kunst-
schule eines dortigen Malers das zu erlernen, was auf
größeren Akademien im Zeichnen- und Aktsaal gelehrt
wird. Dabei hatte er von seiten der Eltern eine sehr
strenge Kontrolle zu ertragen gehabt. Obgleich jetzt
23 Jahre, war er von ihnen bis dahin einem noch un-
mündigen Knaben gleich gehalten worden. All dies hatte
in ihm einen fast krankhaften Widerwillen gegen die
Förmlichkeit und Prüderie des in seinem Familienkreise
herrschenden Umgangstons und eine leidenschaftliche Sehn-
sucht nach freiem Genuß des Daseins, nach unge-
zwungeneren Sitten, nach unabhängiger Gestaltung des
Lebens entwickelt.

Und nun wurde ihm diese Sehnsucht auf einmal
erfüllt. Zwar hatte der vorsichtige Vater einem Geschäfts-
freund in München, der dem aus der Art geschlagenen
Gotthold den verhältnismäßig knapp bemessenen Wechsel
vierteljährlich auszahlen sollte, die Bitte ans Herz gelegt,
ein Auge auf seinen Sohn zu haben und jede bedenkliche
Wahrnehmung ihm sofort mitzuteilen. Doch schien derselbe
von seinem Mandat keinen Gebrauch machen zu wollen.
Er dachte offenbar zu münchnerisch frei von den Rechten

*) I. S. Heft 15.
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