Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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In Nancy am 16. August 1870. Aus den Erinnerungen eines Schlachtenbummlers, von Heinrich Lang

Dies ist im großen Ganzen das Resultat der in gewöhnlicher
Atmosphäre gemachten Experimente. Das Licht ist aber nur
eine der verschiedenen Beeinflußungsquellen der Farbe; hiezu
kommen noch Feuchtigkeit und die verschiedenen Gase.

vr. Rüssel und Hauptmann Abney gingen nunmehr zu
andern Experimenten über. Sie machten Proben mit den
Farben in feuchter Lust, in vollkommen trockner Luft, in
luftleerem Raum, in Wasserstoffgas allein und in Leuchtgas.
Wir können ihnen nicht durch alle diese Experimente folgen,
wollen jedoch einige Thatsachen herausgreifen. Es ergab sich,
daß in feuchter Luft sowohl Preußischblau als Mineralblau
(Lukverx blue) vollständig zerstört wurden; ferner, daß in luft-
leerem Raum kaum irgend eine Farbe durch das Licht litt, und
daß in einem abgeschlossenen und durch Glas erhellten Schrank,
der demnach ganz frei von feuchter Luft war, kaum irgend welche
Veränderung stattfand.

Die Versuche mit körperhaften Farben sind wichtig für die
praktische Ausübung, und die Künstler sollten sich ganz besonders
merken, daß Mischungen von chinesischem Weis mit Preußischblau
und Gummigutt, desgleichen mit Rosa-Krapp und Jndischgelb sehr
rasch verblassen. Doch unter allen diesen Versuchen sind jene
von dem unmittelbarsten Jnterresse, welche mit fünfzehn einfachen
Farben und elf Mischungen gemacht wurden, welche während
2l Monaten, von August 1886 bis Mai 1888 dem gewöhnlichen
Lichte eines Wohnraumes ausgesetzt wurden. Das Resultat
dieser Versuche ist folgendermaßen dargestellt:

„Von den Einzelfarben fanden wir, daß Gummigutt, Indigo
und Neapelgelb leicht abgeblaßt hatten; Braun-Blaßrot (bro«-n-
pink) war abgeblaßt bis Nr. 6; Carmin bis zu Nr. 3; Van Dyck-
braun bis zu Nr. 1 und nur matter (feinter) geworden bis zu
Nr. 4 Karmin war abgeblaßt bis zu Nr. 5 und alle dunkeln
Schatten waren blasser geworden (zur Erklärung diene, daß die
niedrigeren Zahlen die tieferen Töne bezeichnen)." Unter den
Mischungen hatte sich Preußischblau mit gebrannter Terra di
Sienna verändert, das Blau war daraus geschwunden; bei
Preußischblau mit Van Dyckbraun und bei Indigo mit Van
Dyckbraun war in beiden Fällen das Van Dyckbraun geschwunden;
bei Preußischblau mit Gummigut war letzterer leicht geschwunden;
bei Indigo mit gebrannter Terra di Sienna war der Indigo
auf 1 zurückgegangen uud alle Schatten waren brauner geworden;

Indigo und Gummigut waren durchaus blasser geworden, indeni
offenbar beide Farben geblaßt hatten; bei Indigo mit Indischrot
war der Indigo vollständig auf 1 gegangen nnd teilweise in allen
Tönen. Die andern Farben, sowohl einfach als vermischt, hatten
sich nicht verändert. Im Vorbeigehen sei bemerkt, daß es gerade
diese Mischungen von Indigo und Indischrot waren, welche Co Pley
Fielding, und in geringerem Grade auch de Witt, so sehr
anzuwenden liebten, daß daher das unglückliche Verblassen ihrer
Aquarelle herrührt und der Mißkredit, in welchem dadurch die
Aquarellfarben in Bezug auf Dauerhaftigkeit verfielen. Wenn
daher Künstler in Zukunft den gleichen oder ähnliche Mißgriffe
begehen, so kann dies nicht mehr aus Mangel an hinreichender
Warnung sein.

Dieser erste Bericht der Herren vr. Ruffel und Abney
enthält eine Fülle goldener Anweisungen für den, der davon Ge-
brauch zu machen versteht, und wir hoffen und erwarten, daß
derselbe mit dem chemischen Bericht, der noch folgen soll, wenig-
stens von allen Jenen ersaßt werden möge, welche Lehrer der
Aquarellmalerei an den Hauptschulen sind, und daß dieselben
dadurch im Stande sein werden, ihren Schülern zu zeigen, welche
Farben sie ungestraft verwenden können, und welche nicht. Wir
heben noch besonders folgende Worte der Experimentierenden
hervor: „eine gute Farbenskala verbleibt den Aquarellisten immer
noch; und ferner: „jeder Farbstoff ist beständig, wenn er in
luftleerem Raum dem Lichte ausgesetzt ist, und dies gibt die
Richtung an, in welcher Experimente zur Erhaltung von Äquarell-
gemälden gemacht werden sollten." So weit die „Times".

Die Konsequenzen aus vorstehenden Mitteilungen zu ziehen,
muß ich den Ausübenden der Aquarellmalerei selbst überlassen;
aber gerade im Anschluß an den letzten wörtlich wiedergegebenen
Ausspruch des Komnussionsberichtes möchte ich doch noch hervor-
heben, daß trotz der vielen interessanten Beobachtungen, und
trotz der unschätzbaren Fingerzeige, welche der Kommissionsbericht
uns gibt, ein abschließend praktisches Resultat für den ausübenden
Künstler doch erst dann gewonnen sein kann, wenn er bei der
Auswahl seiner Farben auch die chemischen Einflüsse in Betracht
wird ziehen können, welche die in guter und noch mehr in ver-
dorbener uns umgebender Atmosphäre enthaltenen Stoffe auf die
Pigmente ausiiben können oder müssen.

' (Techn. Mitteilungen für Malerei.)

In Oancp am 16. August 1870

Aus den Erinnerungen eines Schlachtenbummlers, von Heinrich Lang*)

.Durch eine lieb-
liche Gegend marschierten
wir nächsten Morgen, bei
prächtigem Sonnenschein
über Champenoux auf das
ersehnte Nancy los, und
in Essey les Nancy gab es
noch eine kleine Rast, welche
benützt wurde, um etwas
Toilette für den Einzug in
die elegante Stadt zu machen.
Neidisch sah ich den betref-
fenden glücklicheren Versuchen
der Kameraden zu — bei
mir Armen blieb alles ver-
gebens, denn heute waren die
Stiefel schon soweit in der
Demolierung vorgeschritten,
Aus H. Längs Skizzenbuch die Sohlen bei jedem

Schritt des Pferdes über die Bügel hinabklappten, so daß
es beim Zurückprallen einen ganz regelmäßigen Ton gab,

*) Wir geben hier eine weitere Probe der aus S. V4 dieses
Jahrgangs bereits besprochenen neuen Folge der „Erinner-
ungen eines Schlachtenbummlers" des bekannten Mün-
chener Schlachtenmalers Heinrich Lang.

wie bei einer genau gehenden Sekundenuhr! Hatte mich
doch schon Oberst v. Weinrich, der Kommandeur des
5. Chevauleger-Regiments, mit einem vielsagenden nach
abwärts gerichteten Blicke so sonderbar gefragt, ich scheine
mehr marschiert zu sein, als es Berittene sonst zu thun
pflegten! Na, wenn ich dem neckenden freundlichen Herrn
in oder nach „Ranzig" wieder begegne, hoffe ich durch
den Glanz meiner dort zu acquirierenden noblen Chaussure
imponierend vor seine kavalleristisch-kritischen Augen treten
zu können.

Beim Einzug selbst hielt ich mich weislich immer so
viel als möglich in der Mitte und vermied ängstlich den
außerdem bei solcher Gelegenheit eigentlich interessanteren
und auch gesuchteren Platz an einem Flügel — ich wollte
doch die deutsche Kunst vor den gut französischen „Nan-
zigern" nicht auf so elendem Pedal repräsentieren.

Auch hier gab es eine kleine musikalische Bosheit (so
wenig absichtlich, als jene vor Marsal, aber nichts desto
weniger in meiner Erinnerung eine allerliebste ironische
Zugabe): Das an der TZte befindliche Regiment (ich
glaube das fünfte), zog mit einem Marsch ein, dessen
Trio das bekannte Volkslied enthielt: „O, wenn du wärst
mein eigen, wie lieb sollst du mir sein." Auf dem herr-
lichen Platz „Stanislas" vor dem Monument des kunst-
liebenden Polenkvnigs („des Wohlthäters Lothringens",
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