Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

Page: 198
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;y8 Ferdinand Keller. vom Herausgeber — Die Erfindung der Panoramen, von 5. Hausmann

sein ganzes bisheriges Leben ein überaus harmonisches und ungetrübtes, so hat ihn das Geschick auch in der
Ehe durch den Besitz einer hochgebildeten Gattin ein seltenes Glück finden lassen, wie denn sein Hans im
Winter ein Vereinigungspunkt der besten Karlsruher Gesellschaft geworden ist, während er im Sommer auf
seinem schönen Landsitz am Starnbergersee als rüstiger Jäger und passionierter Fischer für einige Wochen fast
die Malerei vergißt, so im Leben dasselbe Bild einer durchaus gesunden Existenz darbietend, das sich ja auch
in seinen Werken so wohlthuend widerspiegelt. Wir aber hätten allen Grund, dem Geschick zu danken,
welches, nachdem es uns Makart und Feuerbach neidisch geraubt, doch in ihm einen Ersatz für jener
geniale Kraft bot.

Me Erfindung der Varwramen

von Z. Aausmann

s verlohnt sich aus zweifachem Grunde, der Frage näher
zu treten, wer eigentlich das „Panorama" erfunden
habe. Für's erste hat sich das Panorama in der neuesten
Zeit in ungeahntem Umfange zu einem der beliebtesten
Prunkstücke aller größeren Städte entwickelt. Anderseits
aber gehört dasselbe zu jenen Schöpfungen des menschlichen
Könnens und Wissens, bei denen der „Erfinder" nicht
rechtzeitig genug für das Gedächtnis der Nachwelt registriert
worden ist: die Frage nach dem eigentlichen Erfinder
wird umgangen mit der Annahme, daß der deutsche
Professor Breysig und der englische Maler Barker
„zu gleicher Zeit, unabhängig von einander, auf die gleiche
Idee verfallen seien", soweit nicht — und das ist der
häufigere Fall — der letztere allein als der Erfinder
gerühmt wird.

Der erstere von beiden, Professor Breysig, war
theoretisch und praktisch einer der tüchtigsten Dekorations-
maler, die gegen Ende des vorigen Jahrhunderts in
Deutschland thätig waren. In Leutesdorf bei Neuwied
im Jahre 1776 geboren, war er als Knabe zu einem
Anstreicher in die Lehre gekommen. Da er hier ein auf-
fallendes zeichnerisches Talent bekundete, so wurde er bald
zu einem Verwandten, dem Theaterdekorationsmaler Recken-
kamp in Koblenz, gebracht, und wurde so naturgemäß
ebenfalls der Dekorationsmalerei zugeführt. Als streb-
samer Geist war er sich aber in Bälde darüber klar, daß
er nur durch theoretische Arbeiten sich zu einem höheren
Standpunkte in seiner Kunst emporschwingen könne, und
verlegte sich deshalb auf eingehende Studien über Per-
spektive. Selbstverständlich konnten ihm dabei die per-
spektivischen Kunststücke nicht unbekannt bleiben, die schon
Melozzo da Forli, Andrea Mantegna und Corregio in
Italien ausgeführt hatten, vielleicht wurde er auch auf-
merksam auf die Perspektivische Leistung, die Sandrard in
seiner „Deutschen Akademie" von dem Nürnberger Maler
Penz erzählt. Auch mußte sich jedenfalls sein Augenmerk
auf die üblichen Malereien in der ganzen Barockarchitektur,
besonders in den Jesuitenkirchen richten, wobei ihm sicherlich
das „Lehrbuch der Perspektive" des Jesuiten Pozo nicht
entging, das in den raffiniertesten Kunststücken der Per-
spektive sich gefällt und charakteristischer Weise gleich mit
dem Satze beginnt, daß „auch das schlaueste unsrer äußeren
Organe, das Auge, durch die Perspektivkunst doch in
wunderbarlicher Weise betrogen werde". Infolge seiner
energischen Arbeiten konnte Breysig schon im Jahre 1798,
im Alter von 22 Jahren, mit einer Schrift „Über die
Basrelief-Perspektive" vor die Öffentlichkeit treten;
daß er damit guten Anklang fand, geht aus der That-

sache hervor, daß er im nächsten Jahre bereits — 1799 —
als Professor der schönen Künste und erster Lehrer an
die königliche Provinzial-Kunstschule zu Magdeburg,
1804 aber zur Begründung einer Provinzial-Kunstschule
nach Danzig berufen wurde.

Dieser Breysig, ein Mann von äußerst gutmütigem
und treuherzigem Charakter, hat außer der obigen Schrift
im Jahre 1799 eine Reihe von „Skizzen", meist rein
künstlerischen Inhalts, veröffentlicht, und in diesen findet
sich die nachstehend wiedergegebene merkwürdige Aus-
führung:

„Vor zehn und mehr Jahren (also Ende der achtziger
Jahre) fiel ich auf den Gedanken, daß ein Saal zu
Konzerten, Bällen u. s. w., der bei Abend oder in der
Nachtzeit gebraucht würde, auf eine ganz besondere Art
anzulegen sei, und zwar in der Art, daß er so aus-
sähe, als befände man sich in ihm wie im Freien.
Das Gebäude müßte im Innern zirkelrund und in der
Form kugelhohl gewölbt sein. Keine Fenster zur Be-
leuchtung, sondern nur versteckte Öffnungen für den Luft-
wechsel. Das Gewölbe und die runden Wände müßten
eine freie offene Szene darstellen, wozu der Gesichtspunkt
im Mittelpunkte des Gewölbes sein müßte. Eine Garten-
szene wäre wohl am Besten, da hier zugleich Gelegenheit
zu einer schönen Illumination geboten wäre. Die Ein-
gänge könnten wirkliche Thüren sein an gemalten
Gebäuden (Pavillons), wobei es den Schein hätte, wenn
Personen hineintreten, als kämen diese aus den Gebäuden
ins Freie. — Diese Idee erregte unter andern: auch
folgende bei mir: in einer Gartenlandschaft ein rundes
Gebäude zu errichten, von ähnlicher Form wie das vorige.
Dieses sollte sein Licht gleich der Rotunde des Pantheon
aus der Mitte von oben erhalten, nur mit dem Unter-
schiede, daß man durch die Öffnung der Kuppel nicht in
die wirkliche Lust hinaufsähe, damit die an den Wänden
gemalte Luft hell genug wäre und das Auge nicht ge-
blendet würde. Das Gewölbe sollte nun einem
Gewölbe ähnlich bemalt sein, das auf frei-
stehenden Säulen zu ruhen scheint. Zwischen diesen
scheinbar freistehenden Säulen müßte nun eine Szene, aus
der Natur entlehnt, gemalt werden, welche eine ferne
oder kurze Gegend darstelle, so daß man das Gebäude
selbst für einen im Freien stehenden offenen runden Tempel
hielte, in welchem der offene Nabel des Gewölbes mit
einer sogenannten Laterne bedeckt sei."

Es liegt wohl klar auf der Hand, daß mit dieser
Idee das moderne Panorama, mit seiner völligen Ver-
wischung von Schein und Wirklichkeit, in seinen Grund-
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