Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

Page: 334
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Die Auktion „secretan — Personal- und Ateliernachrichten

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zösischen Regierung. So oft das Angelus um weitere 100,000
steigt, ertönt Beifall im Saale. Bei 450,000 hören die Ver-
treter der Corcoran Galerie auf, aber die andre amerikanische
Gruppe hält standhaft aus, und scheint entschlossen, das Meister-
werk nicht in Frankreich zu lassen. Eine unglaubliche Leiden-
schaft bemächtigt sich aller Gemüter. Auch Antonin Proust, hin-
gerissen von der allgemeinen Erregung, tritt aus seiner Zurück-
haltung heraus und bietet selbst mit. Man begreift, daß dies
für Rechnung des Staats geschieht, und nun mengt sich das
patriotische Gefühl mit ins Spiel. Mau drängt sich um Proust,
der Miene macht, den Kampf auszugeben und ruft ihm zu:
„Bravo! Verlieren Sie den Mut nicht! Lassen Sie das Angelus
nicht fortgehen! Wenn Sie nicht Geld genug haben, so werden
wir es aufbringen!" Und abermals tritt Proust in den Kampf
ein, „500,000 Frks.!" ruft er unter donnerndem Beifall.
„501,000!" ertönt von den Gegnern. Bleich vor Aufregung
bietet Proust gedrängt von seinem Konkurrenten bis 553,000 Frks.
Der Hammer fällt, das Angelus wird ihm zugeschlagen.

Die Geschichte dieses Bildes, obgleich kaum zwei Jahr-
zehnte alt, bildet ein interessantes Blatt in der Geschichte der
Verwaltung des Louvre: keineswegs freilich ein sehr ruhmreiches.
Der Künstler selbst hatte das Bild, kurz vor oder nach dem Kriege
von 1870, dem Louvre um etwa 6000 Frks. angebotcn und
war schnöde abgewiesen. Später kam das Bild wieder um etwa

20.000 Frks. in den Handel; der Louvre dachte wieder nicht an
den Kauf, sondern ließ einem amerikanischen Sammler in Paris,
Mr. Wilson den Vorzug. Im Jahre 1883 kam Wilsons
Sammlung zur Versteigerung. In dieser sehr gewühlten und
bekannten Sammlung hatte sich das Bild des inzwischen nament-
lich durch amerikanische Liebhaber sehr in Aufnahme gekommenen
Künstlers einen solchen Ruf erworben, daß vor der Versteigerung
der Generaldirektor sich zu Mr. Wilson verfügte und ihm

50.000 Frks. auf den „Angelus" bot. Wilson lehnte dies Gebot
ab, da er sicher zu sein glaubte, daß das Bild fast den doppelten
Preis erzielen würde, gab aber seinen guten Willen zu erkennen,
das Bild dem Louvre zu schenken mit einer Haudbewegung auf
sein leeres Knopfloch. Der Wink wurde verstanden: noch vor der
Versteigerung wurde Mr. Wilson Offizier der Ehrenlegion und
erhielt von der Regierung obendrein die Erlaubnis, das Bild
als Lockvogel noch pro lornm mit auf der Versteigerung figurieren
zu lassen. Mr. Wilson, der der Auktion nicht selbst beiwohnen
wollte, gab also seinem Kommissär den Auftrag, das Bild bis
auf den lächerlichen Preis von 150,000 Frks. zu treiben.

Aber er hatte die Rechnung ohne die Käufer gemacht:
ein Pillendoktor — damals das Metier von M. Secretan —
hatte sich vorgenommen, einen Teil seiner Überschüsse in Bildern
anzulegen: die Vente Vlllson bot ihm die erste günstige Gelegen-
heit; schon hatte er ein Paar kleine Bildchen von Franz Hals,
die man auf 25,000 Frks. schätzte, um 85,000 Frks. erstanden;
da kam Millets „Angelus" an die Reihe: rasch war die Summe
von 150,000 Frks. erreicht, die der Kommissär von Wilson bot;
Secretan ging gleich mit 10,000 Frks. weiter, und da Wilsons
Agent keinen höheren Auftrag hatte, so erhielt er den Zuschlag.
Mr. Wilson war Offizier cke la lle^ioo ck'üonneur und die Herren
des Louvre durften den „Angelus" in der Galerie Secretan
bewundern.

Diese Scharte sollte nun ausgewetzt werden; man bildete
das Syndikat und nach wütendem Kampfe ist also das Bild um

553.000 Frks. (nebst Unkosten 575,000 Frks.) Eigentum des
Syndikats und wird nach einem theatralischen Coup in der
Kammer an einem der nächsten Tage in den Louvre seinen
Einzug halten. Sicherlich ist die Bewilligung dieses Preises
ebenso ungerechtfertigt, wie die Zurückweisung der 6000 Frks.,
die der arme Künstler s. Z. dafür forderte! Der Kauf ist eben
ein politischer oder mindestens doch ein Parteicoup — ein Erfolg,
dem die öffentliche Meinung in Paris beistimmt wie andern
ähnlichen Erfolgen!

An dem zweiten Tage kamen hauptsächlich Gemälde alter
Meister zum Verkauf und es konzentrierte sich das Interesse wie
am ersten Tage auf Millets „Angelus", so am zweiten auf das
Gemälde von P. de Ho och. Dasselbe erwarb für 276,000 Frks.
ein amerikanischer Liebhaber, Mr. Havemeyer, der es wahr-
scheinlich, wie Anfang dieses Jahres seine ganze Galerie alter
Bilder dem Metropolitan-Museum in New-Dork schenken wird.
Von England und Deutschland wurde bis zum letzten Augen-
blicke auf das Bild mitgcboten. Einzelne andre Bilder er-
hielten verhältnismäßig ähnlich hohe Preise: Der P. van der
Broecke von Franz Hals 110,500 Frks., zwei ganz kleine
Bildnisse desselben Künstlers zusammen 91,000 Frks. (letztere

für Amerika); die beiden kleinen G. Metsu 80,000 und
64,500 Frks., ein mäßig großer Rubens 112,000 Frks., ein
kleines Jugendwerk von Jakob Ruisdael 37,000 Frks.,
die „Fünf Sinne" von D. Teniers 60,250 Frks., die „Dame
und die Dienerin" von I. van der Meer 75,000 Frks. und
das kleinere „Billet doux" desselben Künstlers 62,000 Frks.,
zwei Bildnisse des Th. de Keyser, kleine ganze Figur, 22,000
und 21,000 Frks., die Schwester Rembrandts 29,500 Frks.,
der „O'bomme ü I'armure" desselben Malers 23,000 Frks., die
„Spitzenklöpplerin" von Slingelandt 26,500 Frks., ein Brust-
bild Philipps IV. von Velasquez 12,000 Frks., ein Frauen-
bildnis von van Dyck in ganzer Figur 74,000 Frks., die
„Landschaft mit dem Zeichner" von A. Cuyp 41,000 Frks.,
eine „Familie" angeblich von P. Codde 11,000 Frks., ein
„Bischofsporträt" von O. Mat sys 30,000 Frks., ein Frago-
nard 45,000 Frks., ein echter Claude nur 6500 Frks. n. s. w.

Personal- und Nleliernachrichlrn

— Berlin. Dem Direktor der kgl. Hochschule für die
bildenden Künste Anton von Werner in Berlin wurde vom
König Humbert von Italien zu dem bereits 1876 verliehenen
Offizierskreuz des italienischen Kronenordens jetzt das Komman-
deurkreuz desselben Ordens verliehen, zur Anerkennung für die
Verdienste A. v. Werners, als Vorsitzenden des Vereins Berliner
Künstler, um die Ausschmückung der Feststraße. In dem Be-
gleitschreiben heißt es u. a.: „Indem der König ferner seine
hohe Genugthuung zeigen und den Pflegern deutscher Kunst
offenbaren wollte, wie hoch er ihr Verdienst schätze, geruhe er
aus eigenem Antrieb Herrn A. v. Werner die genannte Aus-
zeichnung zu verleihen."

O. VV. Berlin. Der Landschaftsmaler Professor Eugen
Bracht hat den Cyklus der Wandgemälde für den großen Fest-
saal der Loge Royal Jork in der Dorotheenstraße Hierselbst mit
bekannter Meisterschaft vollendet. Derselbe besteht, wie wir be-
reits Jahrgang II S. 222 berichteten, aus elf Einzelgemälden,
die durch die Darstellung der Tempelformen aller Kul-
turvölker in Verbindung zu einander gebracht worden sind.
Bekanntlich hat die gedachte Loge ihr Heim in einem der
wenigen noch vorhandenen Bauwerke, das seine Erstehung der
Meisterhand Andreas Schlüters verdankt, welcher es 1712
für die Familie von Kameke erbaute. Vor fast einem Jahrzehnt
ward dies alte Bauwerk durch die hiesige Architektenfirma Ende
L Boeckmann im Geiste Schlüters renoviert und bedeutend er-
weitert, und ward hierbei vornehmlich auf die Herstellung eines
reich ausgestatteten und vornehm wirkenden Festsaales Bedacht
genommen. Die den Schmuck desselben vollendenden Wand-
gemälde verbinden sich auf das harmonischste mit den dunkel-
goldenen Einfassungen und den über einer Reihe leicht gefärbter
Marmorbüsten sich anschließenden Stuckpartieen der Decke. Die
Themata der 11 Gemälde sind: 1) Felsen-Grotten-Tempel
auf der Insel Elefant«, 2) Tempelgruppe von Kar-
nak, 3) Inneres des salomonischen Tempels, 4) Par-
thenon, 5) Pantheon in Rom, 6) Sophienkirche zu
K onstantin opel, 7) Dom zu Worms, 8) Dom zu
Köln, 9) Peterskirche in Rom, 10) Holzkirche zu
Borgund in Norwegen, 11) Moschee Jbn Tulun zu
Kairo.

— Berlin. Zum Geschäftsführer des Vereins Berliner
Künstler ist vom 1. Juli ab Herr Otto Jobelmann, seit
sieben Jahren Prokurist der Hoskunsthandlung Fritz Gurlitt in
Berlin, ernannt worden. Herr Jobelmanu wird damit zugleich
Vorstand des Verkaufsbureau an der Akademischen Ausstellung
in Berlin, zu welchem Posten man ihn an Stelle des Herrn
Gurlitt wählte. Man gab dabei dem Wunsche Ausdruck, daß
dieser Posten in gleicher Weise, wie unter der Leitung des Herrn
Gurlitt, geführt werde.

— Paris. Die Klassenjury für Malerei der Weltaus-
stellung in Paris, hat folgende Ehrenmedaillen erteilt. Frankreich:
Delaunay, Tagnan-Bouveret, Bernier, Collin, Detaille, Jules Du-
pre, Gigoux, Cormon, F. Flamang, Hebert, Lefebvre, L'Hermittc,
Morot. Deutschland: Liebermann, Uhde. England: Alma
Tadema und Moore. Österreich: Munkacsy. Belgien: Stevens,
Courtens, Wauters. Spanien: Jimenez (Luis.) Vereinigte
Staaten: Sargent, Melchers. Holland: Israels. Italien:
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