Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

Page: 137
Citation link: 
https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kfa1888_1889/0181
License: Free access  - all rights reserved Use / Order
0.5
1 cm
facsimile

137

DaF neue Museumsgcbäudc in Oeiu-UorK

von p. Hann

Aus Lh. Rocholl Skizzenbuch

er im Dezember 1888 unter
gewaltigem Andrang eröff-
nete Neubau des Metro-
politan-Museums gibt der
bildenden Kunst in New-
Jork endlich eine würdige
Heimstätte. Der alte, nun-
mehr zu einer Art von
Verbindungsgang bestimmte
Flügel mit seinen gleich
Schwalbennestern aufgekleb-
ten Holzportalen- und
-Treppen, seinen schmalen,
lichtarmen Bildersälen, der
Dürftigkeit seiner ganzen Anlage machte dem reichen New-
Aork, das einiges Gewicht darauf legt, die „Empire-City",
die größte einflußreichste Stadt in den Vereinigten Staaten
genannt zu werden, keine Ehre. Übrigens würde das neue
Haus auch heute noch neben europäischen, vom Staate oder
munifizenten Fürsten errichteten Museen das Aschenbrödel
zu spielen haben: ein niedriger Rohbau im für Museen
und Stallungen hierzulande gleich beliebten Renaissance-
stil ohne jede architektonische Zierde, mit kahlen Decken
und Wänden, macht es schon jetzt einen äußerst gedrückten
Eindruck und wird nach Vollendung des beabsichtigten
Nordflügels vollends an eine Riesenschildkröte erinnern.
Als einzigen Schmuck besitzt das Gebäude ein hübsches
Portal, zu welchem eine mächtige, dreiteilige Freitreppe
hinaufsührt und von dem man einen schönen Ausblick auf
das gelungenste Kunstwerk, das New-Iork aus Eigenem
(freilich auch mit welch prächtigem Material!) zu schaffen
verstanden, auf den Zentralpark, gewinnt. Aber es sind
etliche Privatleute, die aus dem eigenen Säckel den größten
Teil der Auslagen des Museums bestreiten. Da darf
man seine Ansprüche nicht allzu hoch stellen. Die Haupt-
sache besitzt Ncw-Iork nun doch, ein feuersicheres Ge-
bäude mit geräumigen, Hellen Sälen, in welchen sich eine
an Zahl und Wert durchaus nicht zu verachtende Samm-
lung moderner Gemälde befindet. Die Museumsverwal-
tung braucht nun nicht länger zu jammern, daß ihr im
Breiregen der Löffel fehle, daß sie ratlos den Schätzen
gegenüberstehe, die ihr zusallen. Denn seit der Verstei-
gerung der Stewart-Galerie und den abfälligen Urteilen,
die sie hervorgerufen, scheint sich der Geist des Mäce-
natentums, der Opferwilligkeit und allgemeinen Menschen-
liebe der New-Iorker Millionäre bemächtigt zu haben;
die Perlen dieser Galerie, Rosa Bonheurs Pferdemarkt,
Pilotys Thusnelda, Meissonnicrs 1807 wurden zu hohen
Preisen erstanden und dann dem Museum geschenkt; hieran
reihte sich das fürstliche Vermächtnis einer edeln Dame
von deutscher Abstammung, Fräulein De Wolfe, mit einer
Sammlung, die auch nicht ein mittelmäßiges Bild ent-
hält. Neben den Franzosen Meissonnier, Cabanel, Bou-
guereau, Breton erscheinen die Münchener auf das vor-
züglichste vertreten, ich nenne nur Kaulbach mit seinen
Kreuzfahrern vor Jerusalem. Piloty mit den weisen und
thörichten Jungfrauen; von Düsseldorfern ist Meyer von
Bremen mit zwei Kinderbildern und Knaus mit einem
Katzenbild und der unvergleichlichen Madonna hervorzu-

Die ttunü für Alle IV

heben. Was solch eine Gabe für den jungfräulichen Kunst-
boden New-Iorks zu bedeuten hat, welche Wunder an
nie geahnter Schönheit sie den so unverwöhnten Augen
des hiesigen großen Publikums erschließt, wie veredelnd
und bildend sie wirkt, das mochte die große Wohlthäterin
vorausgesehen haben. Und der Strom wertvoller Spenden
scheint noch lange nicht versiegen zu wollen. Als farben-
freudigen Gruß widmete eine Kunstfreundin dem neuen
Gebäude zu seiner Eröffnung Makarts „Jagdzug der
Diana" und New-Iork kann sich nun des Vorrangs vor
Wien rühmen, dessen öffentliche Sammlung keines der her-
vorragenden Gemälde dieses ihres ureigenen Künstlers
aufzuweisen hat. Eine wertvolle Sammlung alter Meister,
darunter zwei Rembrandts, wahre Offenbarungen der
Malerkunst und vortrefflich erhalten, die Bildnisse des
Bürgermeisters Bavesteyne und seiner Gattin, die vorläufig
als geliehener Schmuck an den Wänden prangen, sollen,
wie ein Gerücht wissen will, gleichfalls ihre bleibende
Stätte im neuen Hause erhalten.

Und die amerikanische Kunst? Um das, was von
ihr in New-Aork vorhanden ist, aufzufinden, braucht man
das Metropolitan-Museum nicht zu besuchen. Fräulein
De Wolfe hinterließ eine Landschaft von Jnneß, Vander-
bilt spendete eine solche mit Kühen von Hart.

Doch dem altern Bestand des Museums gehören
zwei Bilder an, die einige Aufmerksamkeit verdienen. Es
sind zwei Sittenbilder aus dem amerikanischen Leben von
Wood. Den Weg, den er anscheinend zaghaft beschritten,
wird die amerikanische Kunst zu gehen haben, wenn sie
einmal lernt, die eigenen Gliedmaßen zu gebrauchen. Sie
hat sich den Rang von der Litteratur abtaufcn lassen;
wer eine Skizze von Bret Harte oder Marke Twain, eine
Novelle von Howells oder Cable liest, ruft unwillkürlich,
das ist amerikanisch, das ist das getreue Porträt des
Volkscharakters, diese Personen, Gewohnheiten, Liebhabe-
reien, so fremd sie uns anmuten, sie sind wahr, echt,
natürlich. Wem fällt dies bei amerikanischen Künstlern
ein? Der Kritik, welche dieselben zuerst aus Pechts Munde,
dann neuerlich vou Werestschagin erfuhren, setzten hiesige
Kunstblätter den Einwurf entgegen, der amerikanische
Künstler könne deshalb keine amerikanischen Typen schaffen,
weil es dieselben nicht gebe, weil jeder Amerikaner von
Kindheit an das Bestreben habe, möglichst wenig pittoresk,
möglichst gleich der großen Allgemeinheit zu erscheinen.
Bret Harte mit seiner kalifornischen Ansiedlerwelt, die
Bostoner Novellisten, die die obern Zehntausend schildern,
lassen den Einwurf als unbegründet erkennen; unter den
von jeder Welle an das Land gespielten Ansiedlern, unter
den Spaniern des Südwesteus, den Schwarzen des Südens,
selbst unter den knorrigen Neu-Engländern des Ostens
gibt es der malerischen Typen genug, es bedarf nur der
rechten Augen, um zu sehen, der rechten Finger, um das
Gesehene festzuhalten.

Das eine der Bilder von Wood ist eine Geschichte
der Erlebnisse, Thaten und Leiden eines oder aller
Schwarzen, die in den denkwürdigen Kriegsjahreu mit
bestäubten Stiefeln und gepacktem Bündel im Haupt-
quartier sich zum Dienste gemeldet, die voll Stolz die

18
loading ...