Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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von der Ausstellung in bamburg. von kserman kselferich — Unsere Bilder

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Architekten die Sache nicht zur Last legen es ist eine
Kalamität der Ausstellungen. Rühmend Herdorzuheben ist,
wie außerordentlich glänzend die große Querhalle — das
Hauptgebäude — sich ausnimmt, wenn mau es von unten,
etwas überschnitten vom Rasen, betrachtet. Den schönsten
Totaleindruck der Ausstellung hat man aber vom Balkon
des Pavillons mit Skulpturen aus, den wir erwähnten.
Der Pavillon gehört dem Hotel „Zu den vier Jahres-
zeiten" und ist sehr hübsch. Man sieht vom Pavillon
nach dem gegenüberliegenden Ufer, von welchem eine
breite Treppe, die sich oben gabelförmig trennt, zur Fest-
halle ansteigt. Diese, mit farbig einfallendem Licht, ist
wirksam; bei Abend wird sie durch einen immensen
elektrischen Kronleuchter erhellt, dem alle Fortschritte der
elektrischen Technik zu gute kommen. Auch eine elektrische
Fontaine wird man Anrichten, höher als die der Münchener
Kunstgewerbeausstellung, deren farbige Säulen sich in die
rauschende Isar stürzten, und ebenso schön wie die
elektrischen Fontainen, die Manchester vor zwei Jahren
besaß. Welcher reiche Schmuck an kleineren Gebäuden noch
sonst, ist gar nicht zu sagen. In den hübschesten
Winkeln der Landschaft des linken Ufers liegen sie. Man
wird sehr viele Restaurants haben. Es ist ausgerechnet
worden, daß man in die Lage gesetzt sein wird, jeden Tag
der Woche hier an einem andern Ort zu frühstücken. In
aller Frühe, wenn Profane noch gar nicht eintreten dürfen,
können die Abonnenten hier ihren Kaffee nehmen; und des
Abends wird man hier im Freien speisen und den Klängen der
besten Militärkapellen lauschen (auch einer schottischen,
die für 450 Pfd. Strl. engagiert ist), und der Stadt-
graben wird von unzähligen Lichtern blinken und es wird
sehr voll sein; aber lauschiger wird es des Morgens

sein, wenn die Abonnenten ihren Kaffee trinken. Die
frischeste Luft des Tages ist für sie reserviert. Sie werden
sie mit den Vögeln teilen, welche im Laube sitzen. Laub und
Vögel auf die Naturschönheit dieser Ausstellung kommt
man, bei aller Anerkennung ihres sonstigen Gehaltes, doch
immer wieder zurück. Es ist der schönste Ausstellungs-
park, der je einem Unternehmen in unserm Gesichtskreis
zu Gebote stand. Wir sahen seinesgleichen nicht in
München, nicht in Berlin, nicht in Kopenhagen. Wir
sind glücklich, in ihm zu sein. Wir möchten wünschen, der
Park bleibe über die Ausstellung hinüber erhalten. Jetzt wird
noch alles in Stand gebracht. Auf langen Brettern, die
über zerschmetterte rote Steine und über weichen Kies gelegt
sind, führen die Arbeiter ihre Karren dahin, andre
tragen Balken, andre gehen mit Röhren. Einer mit
einem himbeerfarbenen Ärmel steht ans dem Rasen gegen
einen schwärzlichen Baumstamm. Die Zweige sind so
fein gezeichnet, haarscharf; durch ein Gewimmel von
ihnen hindurch sehe ich ein Haus, an dem gebaut wird.
Ganz vorne steht ein Roth; ein Oberteil zu den Pfosten
eines Thores vor einem artigen japanischen Tempel;
der Mikado. Das Ganze ist jetzt rein wie ein Bild
von Menzel: Erdarbeiter in hohen Stiefeln und Hemd-
ärmeln, die sich in einer baumreichen, pittoresken, ab-
wechslungsreichen Gegend mit Handtierungen tummeln.
Das Licht eines Apriltags scheint zu der Scene.

Im Monat April denkt man in Hamburg sehr an
den Charakter holländischer Gegenden, da der Luftton so
silberig ist und das Grün schon so frisch. Still, wie
der Reiz der gepflegten Gartenanlagen im Haag, ist die
entzückende Anmut dieser Hamburger Erde.

Unsere

ndem wir heute einige der Bilder aus dem Cyklus
bringen, mit dem Professor Wislicenus in Düssel-
dorf das neu wieder hergestellte Kaiserhaus in Goslar
geschmückt hat, müssen wir bei ihrem engen Zusammen-
hänge mit dem ehrwürdigen Gebäude zunächst auf dieses
selber zurückgehen. Ebenso auf die Stadt, die es ziert,
diesen alten Sitz deutscher Kaiser, der so lieblich zwischen die
Vorberge des Harzes hineingebettet ist, während er selber
wie eine gewaltige Mauer den Hintergrund abschließt
die durch ihre grandiosen Formen die ganze Gegend
adelt. Mit ihren alten so märchenhaft aussehenden
Kirchen wie den urgemütlichen Häuschen in den engen
winkeligen Gassen macht die turmreiche Stadt den Ein-
druck, als wenn sie dreihundert Jahre geschlafen hätte,
erst gestern wieder aufgewacht wäre und noch halb träu-
mend in die nüchterne und unruhige Gegenwart ver-
wundert hineinsähe. Man kann sich nicht leicht etwas
von unfern lebensprühenden süddeutschen Städten Ver-
schiedeneres denken als diese einsame Harzperle, die, ob-
wohl jetzt jährlich von 20,000 Fremden besucht, doch in
allen ihren Einrichtungen zur Bewirtung derselben eine
wahrhaft entzückende Naivität bewahrt hat. Hinter den
letzten ganz im Buschwerk zahlreicher Gärten vergrabenen
Häusern geht es dann hügelan zu dem mitten in einer
großen Wiese aufragenden, die ganze Stadt beherrschenden
Kaiserhaus. Nüchterner hätte man dies steingewordene
Zeugnis einer tausendjährigen Geschichte nicht einrahmen

Die Aunst für Alle IV

Vilder

können als durch diese glattgemähte baumlose Wiese, die
einstweilen noch deutlich verrät, wie lange der herrliche
Bau zu eineni Heu- und Kornmagazin herabgewürdigt
gewesen. Und doch ist er selber so voll geheimnisvoller
Schönheit! Das lange und niedrige, nur einstöckige Haus
mit seinem Ungeheuern Dach hat keinen andern Schmuck
als in der Mitte einen Giebel und links eine große, sehr
malerische, ins Hauptgeschoß führende steinerne Freitreppe,
endlich sieben riesige, durch je zwei elegante Säulchen
dreifach geteilte Fenster. Sie gerade geben dem Ganzen doch
etwas sehr feierliches und fesselndes. Jahrhunderte lang
zugemauert sind sie erst durch die von Kaiser Wilhelm
befohlene Restauration wieder geöffnet worden. Sie
spenden ihr Licht einem riesigen, die ganze Länge des
Gebäudes einnehmenden Saal, der dreigeteilt, in der
Mitte durch ein hölzernes Tonnengewölbe, auf beiden
Flügeln durch Flachdecken abgeschlossen wird, die übrigens
alle drei neu sind. Diese Decke nun wird wie in den
meisten Gebäuden dieser Art durch hölzerne Pfeiler
getragen. Der herrlich hohe, Helle und luftige,
etwa 120 Fuß lange und 40 Fuß tiefe Raum würde
einen höchst imponierenden Eindruck machen, selbst wenn
er nicht durch die alle vier Wände einnehmenden Ma-
lereien aufs reichste geschmückt wäre. An der der Fenster-
wand gegenüber liegenden Langseite beginnend, führen sie
uns in einer Reihe von sechs mächtigen Bildern Szenen
aus der Blütezeit des fränkisch-salischen und hohen-

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