Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

Page: 374
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Auf dem Grabe. Novellette. von Matilda Serao re. — Personal- und Ateliernachrichten — Denkmäler rc.

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Nie, nie wieder wurde über diesen Gegenstand ein
Wort zwischen ihnen gewechselt. Er fürchtete zu sehr,
sich verlassen zu sehen. — Damals schuf er sein
größtes Werk: Paolo und Francesco. — Die Szene ist
dunkel, cs ist ein mit braunem Corduanledcr tapeziertes
Gemach, ohne Schmuck, ohne Zierstücke, wie geschnitzte
Tisch', gotische Doppelfenster. Ein kleiner Divan von
schwarzem Sammt steht in der Mitte des Raumes. Auf
dem Divan ausgestrcckt, tot, mit dem weißen und lächeln-
den Gesichte, liegt Francesca, ein weißer Fleck auf dem
schwarzem Untergrund, mit verschränkten Fingern. Er-
schlagen auf der Erde, weiß, tot, mit den Schultern an
das Bette gelehnt, den Kopf nahe dem Franccscas, liegt
Paolo. Blut ist auf dem Gewände der Franeesca, aus
dem Koller Paolos, geronnenes Blut auf dem Boden.
Es scheint, als ob die beiden sich nahen Häupter sich noch
küßten. Lanciotto ist nicht da; aber er ist überall.
Diese Abwesenheit ist von einem außergewöhnlichen
künstlerischen Effekt. Alles wirkt nüchtern, streng, tragisch,
auch der Kuß, besonders der Kuß. Keine gemachte Mimik,
nichts Balletthaftes. Dem Bilde entschwebt eine griechische
Schuld, ein äschlstianisches Schicksal.

— Es war sein bestes Werk. — Die Menge ge-
riet außer sich über den Künstler. Die Gattin lächelte,
sah scharf hin, lobte das Kleid der Francesca, sonst nichts.
Der Maler sprach den Wunsch aus, das Bild nicht zu
verkaufen. Aber der Gattin Wunsch war, daß es sich ver-
kaufe. Und cs verkaufte sich. Im selben Jahre starb
der Künstler an einer schleichenden Krankheit, an welcher
überstarke Männer oft sterben sollen.

Gestern bin ich an seinem Grabe vorübergegangen.
Auf seinem Steine beweinen zwei Namen, zwei Personen
in schmerzrcichcn Versen noch immer seinen allzufrühcn
Tod. Und es sind — die Gattin und der Freund — der
Verrat besteht noch immer — er ist geschrieben in Mar-
mor, unter dem Licht der Sonne, unter dem azurnen
Himmelsgewölbe, zwischen den Blumen — der unver-
schämte und prachtliebende Verrat ist über den Gebeinen
des Künstlers ....

Personal- und Mkeliernschrichken

O. V. Berlin. In den selbständigen, mit der Akademie
der Künste verbundenen und von der Hochschule für die bildenden
Künste unabhängigen akademischen Meisterateliers für
die bildenden Künste unter Leitung der Professoren Hans
Gude, Otto Knille, Anton von Werner, Reinhold
Begas, Herrmann Ende und Johannes Otzen nahmen
während des Sommersemesters 1889 am Unterrichte l3 Maler,
5 Bildhauer und 3 Architekten, gegen 18 Maler, 5 Bildhauer,
1 Kupferstecher und 5 Architekten im Vorjahre teil. An diesen
Lehrinstituten der Akademie hat die akademische Kunstausstellung
eine Unterbrechung des Unterrichts nicht zur Folge gehabt und
es beginnt an ihnen das Wintersemester mit Anfang des
Oktober.

— Lübeck. Allgemein verbreitet ist die Nachricht,
daß Professor A. von Werner von der Stadt Lübeck den
Auftrag erhalten habe, für das Treppenhaus des Rathauses ein
Kaisermosaikbild zu schaffen, und es wird sogar bereits von
einer dafür ausgeworfenen Summe in der Höhe von 190.000 Mk.
gesprochen. Das Ganze reduziert sich darauf, daß der Künstler
lediglich um seinen fachmännischen Rat gebeten worden ist; über
die Ausführung des Bildes ist in den zuständigen Kreisen ein
Beschluß noch nicht gefaßt worden.

— München. Philipp Fleischer, der, wie wir in
Heft II berichteten, erst kürzlich ein nach England bestimmtes
Rundgemälde „Schlacht von Trafalgar" vollendet hat, arbeitet
gegenwärtig wiederum an einem Rundgemälde, das den englisch-
deutschen Äeg von Waterloo darstellt und ebenfalls von England
aus in Auftrag gegeben ist. Ter Künstler stellt den Moment
dar, da vor den heranrückenden Preußen Napoleon sich in
ein Viereck seiner Garde flüchtet. Das Panorama von Waterloo
soll im Oktober in London zur Ausstellung gelangen.

O. IV. Berlin. Der Präsident der kgl. Akademie der
Künste, Professor Karl Becker hat das Kommandeurkreuz des
königlich bayerischen Kronenordens erhalten.

— Berlin. Ferdinand Bellermann st. Am 11.
August d. I. starb in Berlin im Alter von 70 Jahren der
letzte Vertreter der älteren Berliner Landschafterschule, Professor
Ferdinand Bellermann. Geboren am 14. März 1814 zu Erfurt,
trat derselbe am 10. Oktober 1833 auf der Berliner Kunstakademie
als Eleve ein, besuchte die Landschaftsklaffe unter Professor Blechen
und wurde auf besondere Empfehlung Fr. Prellers in Weimar von
Fr. W. Schirmer in dessen Atelier als Pnvatschüler ausgenom-
men. Im Sommer 1837 machte er seine erste Studienreise nach
dem Haag, 1839 reiste er mit Preller nach Rügen und 1840
mit dem letztem nach Norwegen. Auf besondere Empfehlung
A. v. Humboldts sandte ihn König Friedrich Wilhelm IV. im
Mai 1842 nach Südamerika, um dort auf einer beinahe vier-
jährigen Reise die tropische Vegetation zu studieren. Nach seiner
Rückkehr ward er wiederholt als Stellvertreter Schirmers an die
Akademie berufen, wobei er zuerst Gelegenheit batte, sein Lchr-
talent zu bethätigen. Ilm 1. Oktober 1849 wurde er als Zeichen-
lehrer an das Friedrich-Wilhelms- und 1851 auch an das
Joachimsthalsche Gpmnasium in gleicher Eigenschaft berufen, welche
Stellen er bis zu seiner Berufung an die Berliner Kunstakademie
am 1. Oktober 1866 bekleidete. An derselben war er bis zu seinem
Tode als Lehrer der Landschaftsklasse thätig, einer nach modernen
Anschauungen veralteten Einrichtung, deren Aufgabe nur das
Zeichnen nach landschaftlichen Vorbildern und, in beschränktem
Maße, nach der Natur war. Tie bei der Reorganisation der
Akademie 1875 erfolgte Berufung von Albert Hertel und
später Ehr. Wilberg, Hans Gude und Eugen Bracht als
Leiter der Landschastsabteilung suchte dem vorliegenden Mangel
abzuhelfen, ohne die alte Institution gänzlich aufzuheben. Ob-
gleich infolge dessen Professor Bellermanns Wirkungskreis als
Lehrer ein beschränkter war, so war die Hochschätzung, deren er
sich in Künstlerkreisen bei jung und alt erfreute, eine um so
ausgedehntere. Bis in fein hohes Alter hatte er sich die innige
Freude am Verkehr mit der Jugend und einen frischen und
fröhlichen Humor bewahrt, von welchem der alte, redegewandte,
immer gern gehörte Herr bei festlichen Gelegenheiten in Künstlcr-
kreisen noch bis kurz vor seinem Tode die köstlichsten Proben
ablegte. Bellermann malte deutsche, norwegische und italienische
Landschaften, am bekanntesten sind seine amerikanischen. Ein
Augenleiden in den letzten Jahren hinderte den Künstler viel-
fältig an der Arbeit.

Gellorbrn. Am 29. Juli zu Camenz der Architekt
Ferdinand Martins im Alter von 78 Jahren. Martins hat
nach den Entwürfen Schinkels den Bau des Schlaffes Camenz
ausgeführt. — Am 10. August in Hamburg Bildhauer Fritz
Neuber im Alter von 52 Jahren. — Am 11. August zu Berlin
Professor Ferdinand Bellermann im Alter von 75 Jahren.

Denkmäler rkr.

^ Für das Ludwig Richter-Denkmal in Dresden
sind in den letzten Monaten folgende größere Beiträge einge-
gangen: 671 Mk. 55 Pf. als Reinertrag einer vom Prof. Paul
Mohn geleiteten Richterfeier im Verein Berliner Künstler, 116 Mk.
als Ertrag einer Sammlung des Architekten Fleischer in Dresden;
die Dresdener Kunstgenossenschaft hat 577 Mk., die Kunsthütte
zu Chemnitz 300 Mk., der Kunstverein zu Hamburg 100 Mk.
beigesteuert. Die bisher eingegangenen Beiträge belaufen sich
insgesamt auf 16,000 Mk., wovon ungefähr 2100 Mk. für
Kosten in Abzug kommen.

* In Zittau i. S. ist am 5. d. M. der Brunnen feier-
lichst enthüllt worden, welchen die Dresdener Tiedgestiftung der
Stadt geschenkt hat. Den Mittlern Aufbau des Brunnens krönt
die Stadtgöttin in reicher Gewandung und der Mauerkrone, in-
dem sie die Rechte in ruhiger Würde wie. zum Schutze ausstreckt,
während sie in der Linken die goldenen Ähren als Früchte des
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