Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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Römerbrief. von Hans Barth — Die Auktion „Secretan

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jüngst durch eine Maucrschicht bisher verborgene Fresken
und Wappen entdeckt hat, werden eifrig Kunststudien
betrieben, und zuguterletzt hat auch der Staat sein altes
Projekt, eine „archäologische Passage" anzulegen,
wieder ausgenommen. Nur schade, daß die Anlage dieser
für den Forscher wie den Künstler gleich wichtigen „Zone
des Antiken" auf Dutzende von Millionen zu stehen käme,
während die Regierung dringenden Grund hat, haushälterisch
mit ihren Mitteln zu sein. — Tie „Monumentomauie"
(wie der Italiener sich ausdrückt) grassiert aber auch, zur
Freude aller Künstler vom Meißel, im übrigen Italien, und
wohl ein Dutzend — wenn nicht gar mehr — Statuen
Garibaldis, Gedenksteine für die Märtyrer der Freiheit w.
wurden allein in der ersten Hälfte dieses Jahres in
verschiedenen italienischen Städten enthüllt. Am schönsten
und beachtenswertesten mag wohl Vincenzv Velas
Garibaldi-Statue in Como sein, die den berühmten
„Condottiere" im Augenblicke darstcllt, wie er seine Rot-
hemden zum Sturm kommandiert. Das von der legen-
dären kleinen Garibalvimütze bedeckte Haupt ist prächtig
und voll feurigen Ausdrucks. Endlich hat auch die Stadt
Genua eine Konkurrenz für ein Garibaldi-Denkmal aus-
geschrieben, und 24 Künstler, u. a. Nono, Time »cs,
Allegretti, haben sich an derselben beteiligt. Man
sieht, Italien ist auf dem besten Wege, das Eldorado der
Bildhauer zu werden. — Die ^cackemis 6e llrunce
in Rom (Villa Medici) hat die alljährliche Ausstellung
von Gemälden und Skulpturen ihrer Stipendiaten er-
öffnet. Von den zwei Skulpturen ist Capellaros
„Fischer", obschon der junge Künstler erst das zweite
Studienjahr hinter sich hat, ein Werk, das jedem an-
erkannten Meister Ehre machen würde. Die sehnige,
kraftvoll männliche Gestalt des eben das Netz auswerfen-
dcn jungen Neapolitaners zeugt von tiefer Beobach-
tung. Die Arme und besonders der Oberkörper sind
prächtig modelliert, und die ganze Gestalt, über der eine
echt südländische Grazie liegt, ist von warmem Leben
durchströmt. Von den Gemälden seien erwähnt: Tanger
„Acteon belauscht Diana im Bade". Eine leidliche An-
fangsstudie mit kräftiger Farbcngabe, wobei nur die
moderne Frisur der badenden olympischen Majestät und
ihrer Gespielinnen chokicrt, da sie zusehr an den Kopfputz
der modernen „Horizontalen" erinnert. Lcbayle „Ter
Schäfer und das Meer". Eine der Flut entstiegene
Calypso sucht einen ziemlich bejahrten und ungekämmten
böotischen Schäfersmann mit einem überaus albernen
Faunsgesicht zu einem Ausflug in ihre Grotte zu ver-
führen, — wie es scheint erfolglos, denn der Tölpel, dessen
Mienenspiel, wie auch das der Nixe, vortrefflich charakterisiert
ist, hält sich die Ohren zu und macht Anstalten zur Flucht,
nach dem lehrreichen Exempel des keuschen Joseph. Das
beste Bild der Ausstellung ist aber unstreitig Axilettes
»O'amour et In solle«. Hand in Hand schreiten durch
einen dichten Wald ein üppiges und doch graziöses,
herrliches Weib und der kleine Amor. Der nackte Körper
der Frau, die eben ansglcitct und sich an der Hand des
kleinen Gottes festhält, ist von vollendeter Modellie-
rung, die weiblichen Formen sind geradezu meisterhaft
gezeichnet, und das Gcsichtchen trägt den Reiz einer bei
einer »bolle« fast unverständlichen lieblichen Naivctät.
Leider ist das Bild, wie viele andre der Ausstellung,
noch nicht vollendet. Bei Capellaros „Fischer" entschädigt
cs eben reichlich für manches Dilettantenhaste, das sich

auch an der ^cnckemie cke brnnce und unter der Leitung
eines Hebert cinzubürgcru vermocht hat.

Die Auktion „Secretan"

Bereits in Heft 19 haben wir einen Bericht unsres Pariser
Korrespondenten über die bevorstehende Auktion „Secretan" ge-
bracht. Nun hat sie am 1. Juli in Paris begonnen und
sich als ein kulturhistorisches Ereignis ersten Ranges erwiesen.
Ter Kupserkrach, der bisher nur in den Kreisen der Gcldmänner
und Industriellen Stand auswirbelte, wird auch in Künstler-
kreisen unvergeßlich bleiben als die mittelbare Veranlassung dazu,
daß die kostbare und mit seinstem Kunstverständnis auSgewählte
Sammlung des Sekretärs der Sociele des metaux unter den
Hammer kam.

Es ist schwer, sich eine Vorstellung von der Reich-
haltigkeit einer Privatsammlung zu machen, worin die ersten
Namen, von denen eines oder zwei Gemälde zu besitzen den
stolzesten Ruhm anspruchsvoller Sammler begründete, in der
stattlichen Anzahl von tO bis 20 Nummern auftraten, — einer
Sammlung, die gleich am ersten Vcrkaufstage die Summe von
3'/„ Millionen Franks einbrachle. Die Spannung und Auf-
regung, womit man in allen gebildeten Kreisen der Hauptstadt
der Versteigerung entgcgensah, war eine außerordentliche und
drängte alle andern Interessen für den Tag in den Hintergrund
In der langen Galerie an der Straße La Rochefoucauld, worin
der Verkauf stattfand, hatte sich tout Varls, d. h. alles was in
Paris zu den tonangebenden Kreisen in Kunst und Litteratur,
Politik und Gesellschaft zu zählen beansprucht, eingefnnden. Neben
französischen Liebhabern waren Käuser ans Belgien, in erster
Linie aber Amerikaner, erschienen, welche ihr Augenmerk aus die
Perlen der Sammlung gerichtet hatten.

Die Versteigerung begann, um erst in Zug zu kommen,
und gewissermaßen den Appetit zu reizen, mit kleineren Gegen-
ständen, Zeichnungen, Aquarellen, Skizzen u. dergl. und in
den Reihen der Zuschauer machte sich eine kleine Enttäuschung
bemerkbar, als für diese Eritlinge Preise von nur 1000 bis
1500 Frks. erzielt wurden. Bald aber zeigten sich die Vorboten
der aufregenden Kämpfe, die bevorstanden, in dem raschen und
hitzigen Hinauftreiben bei Kleinigkeiten von Millet und Mcissonier;
eine Sepiazeichnung des letzteren kam aus 22,500 Frks., von
zwei Pastcllbildern Millets das eine (Bauer, der zwei Kühe
tränkt) aus 26,000, das andre, eine Schäferin, aus 25,000 Frks.

Die Temperatur im Saale steigt und mit ihr die nervöse
Aufregung der Bietenden und der Zuschauer: die Preise saugen
an, alles, was sonst bei Kunstauktionen vorgekommen ist, und
die Schätzungen der Sachverständigen in immer erheblicherem
Maße zu übersteigen. Ein Tiger von Delacroix, der bei den
animiertesten Auktionen kaum 20,000 Frks. erzielt haben könnte,
wird von einem Amerikaner um 37,500 Frks. erworben; Hunde
von Des camps, von Sachverständigen aus25,000 Frks. geschätzt,
erreichen 46,000 Frks. Ab und zu erscheint, um die Käufer noch
mehr anzuspornen, ein kleiner Meissonier und wird um 40 bis
50,000 Frks. losgeschlagen. Ein Bild des Künstlers, kaum so
groß wie ein Lotterielos, wird für 90,000 Frks. verkauft, ein
anderes, die Kürassiere, um 190,000 Frks. von dem Herzog von
Aumale erworben.

Ebenso ergeht es andern Künstlern, deren Gemälde Preise
erzielen, an die bei Lebzeiten ihrer Urheber nicht zu denken
war. Rousseaus „Kohlenhütte" kommt auf 75,500 Frks., ein
figurenreiches Bild von Jsabefi auf 75,100, eine Diana von
D iaz auf 71,000, ein Gemälde vonTropon auf 120,000 Frks.
In drei Stunden sind für 2'/, Millionen Kunstwerke verkauft
— aber die sensationellste Szene steht noch bevor; wir schildern
ihren dramatisch bewegten Verlauf mit nachstehenden Worten
Albert Wolfis im „Figaro":

Seit einer halben Stunde ist das Publikum, ansgeregt durch
die Preise und die Hitze, nervös geworden. Trciviertel aller An-
wesenden sind offenbar wegen Millets „Angelus" gekommen.
Als das Bild gegen 5 Uhr zum Verkaufe gestellt wird, durch-
läuft ein langes aufgeregtes Zittern die Galerie. Bis dahin
halte jedermann gesessen, jetzt steht alles im Saale. In einer
Minute sind die Gebote für das „Angelus" aui 300,000 Frks.
getrieben; geboten wird einerseits von zwei amerikanischen Grup-
pen, deren eine die Corcoran Galerie, die andere die American
Artistic Association vertritt —, anderseits von Herrn George
Petit im Namen Antonin Prousts, des Beauftragten der fran-
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