Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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IV. Jahrgang. Heft 8

iZ. Januar 1889

.Die Kunst für Alle" erscheint in halbmonatlichen Heften von 2 Bogen reich illustrierten Textes und 4 Bilderbeilagen in Umschlag geh. Abonnementspreiz im
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'u Wilhelm Diez' AO. Geburtstage,

den )7. Januar Mg
Vom Herausgeber

"7^» as fünfzigste Geburtsfest des allbeliebten Meisters,
welches wir am 17. Januar feiern, leitet von
selber die Aufmerksamkeit auf das, was er der deutschen
Kunst überhaupt und der Münchener Schule insbesondere
geworden ist. — Denn darüber besteht kein Zweifel,
daß er zu unsren eigenartigsten Begabungen wie zu der
Zahl jener Wenigen gehört, die fast alles sich selber,
der Einwirkung ihrer Zeitgenossen im ganzen aber recht
wenig verdanken. Bekanntlich hatte er keinen Lehrer,
denn selbst Piloty lief er schon in den ersten vierzehn
Tagen davon. — Dafür wählte er sich aber bald die
zuverlässigste aller Lehrerinnen — die Natur, — die
ihm denn auch gar viele ihrer Geheimnisse verriet und
eine unermeßliche Fülle von Vorbildern lieferte, die
sich alle nur darin glichen, daß sie weder auf Apoll,
noch auf die schaumgeborne Göttin getauft, sondern
durchweg ein wenig derber, aber echt deutscher Natur
waren. Je fragwürdiger ihre Weltstellung blieb, um
so lieber schienen sie ihm zu werden, ja er zeigte bald
ein unerhörtes Geschick, die Lumpen von vier Jahr-
hunderten aufzuspüren. Von Dürer und Holbein bis
auf Rubens, Rembrandt, Wouwermann und Brouwer
dabei Einflüsse erfahrend, zeigten sie ihm aber doch
eigentlich mehr nur, wie ihre Zeit beschaffen war,
während er ihr Material dann auf seine Weise ver-
Wilhrlm Diex. von <L. Harburg er arbeitete. Dabei ist sich selten ein Meister so der

Gesetze seiner Kunst bewußt geblieben, selten hat einer
den rohen Stoff, den ihm die Außenwelt bot, mit so feiner Empfindung immer zum Kunstwerk, zum Bild
umgestaltet I — So eroberte er sich denn bald neben unsren großen Volksdarstellern, den Enhuber,
Knaus, Vautier, Menzel, Defregger seinen besonderen Platz, schuf sich mit unvergleichlicher Kraft seine
eigene Welt. Dieselbe hat vor der aller eben Genannten das voraus, daß in ihr Landschaft und Tiere eine
fast ebenso wichtige Rolle spielen als die Menschen, beide Teile aber so untrennbar verbunden scheinen,
sich so wechselseitig bedingen, daß sie nicht ohne einander denkbar sind. Ja, neben seiner ungeheuren Viel-
seitigkeit ist diese genaue Verbindung gerade das, was Diez Neues und Überraschendes in unsre Kunst
gebracht und dadurch so schulbildend gewirkt hat. Dafür gibt er sich freilich mit den Geheimnissen des Herzens,

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