Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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IV. Jahrgang. Heft Z

i. Oovember 1888

tzerausgrgeüen von Friedrich Recht

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Vurgtheater in Wien

Karl von vincenti

14. Oktober dieses Heil- und Jubeljahres wird ein
^ Wiener Festtag bleiben. An diesem Tage nämlich sind
am Franzensring die Musen mit Gefolge in ihr neues Pracht-
haus eingezogen. Vor mehr als sechs Jahren, Ende Juni 1882,
feierte man im Bnrgtheaterbau das Gleichenfest. Seitdem haben
die Wiener ihren Liebling unter den Monumentalbauten schmücken
sehen und von den außerordentlichen Dingen gehört, welche
innerhalb der geheimnisvollen Mauern vorbereitet wurden.
Die Gerüste fielen, die Bauhütten fielen, die Planken fielen, die
Pforten aber blieben verschlossen. Scheinbar vollendet, in der
schneeigen Weiße seiner Pomerquadern, in vollem Bilderschmuck
prangend stand der Ban, als das Jubeljahr anbrach, welches
den Zauber lösen sollte. Aber es galt noch die letzte härteste
Geduldprobe, Monate verstrichen ... Endlich I Und auch diese
Sehnsucht war gestillt.

In hundert Bildern und Wiedergaben ist das neue
Burgtheater in seiner äußern Gestalt und Gliederung bereits
bekannt geworden. Das überhebt uns der nichts weniger als
kurzweiligen Mühe, das Äußere des reizvollen Spätrenaissance-
Baues des ausführlichen fachlich zu erläutern und ins Gelehrte
zu übertragen, ein fast unerträgliches Ding da, wo lebendige
Kunst eine so entzückend beredte Sprache führt. Man kennt den
Anteil Meister Gottfrieds an dem schönen Werke; der Grundgedanke, die Rundbauform mit den weitausgreifen-
den freistehenden Seitenflügeln für die Treppenhäuser ist Semper — man sieht dieselbe schon am 1866er
Entwürfe zu einem Münchener Wagner-Festspielhanse in solcher Weise ausgebildet — das übrige ist Hasenauer.
Die Verbindung konnte keine glücklichere sein, in ihren Ergebnissen wenigstens. Der Eigenart des Baugedankens
entspricht die Eigenart der Ausgestaltung, Schmückung, Belebung desselben. Nur im Wiener Knnstklima konnte
er so herrlich gedeihen, nur ein so echter Wiener Architekt wie Hasenauer konnte ihn mit jenem heiterschönen
Geiste erfüllen, mit dem Schimmer jener feinen Anmut umgeben, welche die Wiener Kunst so anziehend machen.
Man nehme seinen Standpunkt beim Rathaus-Belfried, auf welchen die Mittelaxe des Burgtheaters gerichtet
ist, und genieße den Anblick der ebenso kräftigen als zierlichen Formen, der harmonischen Gliederung, der feinen
koloristischen Stimmung des Bauwerkes. Wie anmutig wächst es aus kraftvollem Rnstiko empor, wie leicht
und frei setzen sich die beiden Flügel dem schöngeschwungenen Vorgelege an, welches Ebenmaß der Verhältnisse!
Die schlanke, korinthische Pilaster-Ordnung des Vorgeleges schiebt sich reizend verkleinert, durch die Flügel durch,
um in kräftigen Säulenstellungen an den Stirnseiten ihren Abschluß zu finden. Achtzehn köstliche Säulen-
monolithe aus violett-weißgeäderter orientalischer Breche, wovon sechs auf die drei Fenster des vornehm betonten

Di- «untz für Alle IV 5

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Von


Karl von Haftnaurr
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