Die Kunst für alle: Malerei, Plastik, Graphik, Architektur — 4.1888-1889

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Die Münchener Ausstellungen von ^888. Von Friedrich pecht — Auf Frauenchiemsee. Erzählt von A. Raupp

d


den Untergang voraussagte, während sie erst nach ihm, wie selbst nach seinem großen Beschützer, recht aufblühte.
Denn nicht an einzelne, wenn auch noch so bedeutende Menschen, knüpft sich die Blüte einer Kunst, sondern sie
steht und fällt mit dem Volke selber, von dessen Leben sie der höchste Ausdruck ist. -— Ja sie kann nur dann
wahrhaft gesund sein, wenn dieses Volk an ihr einen ebenso thätigen als tiefen Anteil nimmt. Daß das aber
jetzt bei der unsren unendlich mehr der Fall als vor fünfzig Jahren, das ist der ungeheure Fortschritt, von
dem jeder Saal unsrer Ausstellung Zeugnis ablegt.

(Der Schluß im nächsten Hefte)


Mriuairisteu auf Frauenchiemsee 1888. Nach einer photographischen Aufnahme von Hermann Koch

Auf Frauenchiemsee

Erzählt von K. Raupp

ief hängen die Wolker. Der Westwind heult, stoß-
weise über die graue, heftig bewegte weite Fläche
des Chiemsees daher fahrend, ein rechter Rabulist, der an
allem bestehenden rüttelt. Es ist der 1. August, die Zeit,
da der europäische Sklave seine Ketten abstreift und auf
Frauenchiemsee Mensch und Maler sein darf. Zeige da-
her nur dein unfreundlichstes Gesicht, du alter See, du
machst uns doch nicht irre, wir kennen dich zu gut!
Freilich, eine wasserumwogte Insel bei solcher Regenflut
— es ist fast zu viel der Feuchtigkeit und vielleicht wür-
den sogar wir uns dieser häufig geäußerten Meinung an-
schließen, wüßten wir nicht aus Erfahrung, wie glänzend
und schimmernd das Angesicht unsres Sees sein kann und
wie frisch und farbig seine Reize sich in Bälde wieder
vor uns offenbaren werden.

So sind wir denn auch fast alle wieder eingezogen,
für viele Wochen auf altvertrauter Stätte und was der
verstorbene Franz Seitz einst gefühlt und so launig der
alten Chronik anverkraute:

vt- L»nK sür Ull« IV

„Komm her an meine Brust du See,
Ihr Berge blau und dustig —
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